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Assistenzhund : Hoffnung auf einen Helfer mit vier Pfoten

Hilfreicher Begleiter: Studentin Ena-Sara Ramusovic kämpft um einen Assistenzhund. Bild: Bäuml, Lucas

Eine Studentin im Rollstuhl kämpft um einen Assistenzhund und will dafür sogar in die Politik gehen. Dafür hat sie ein ehrgeiziges Ziel: Bundesbehindertenbeauftragte

          Manchmal ist ihr ihre Mutter fast ein bisschen unheimlich. Sie kann offenbar Gedanken lesen. Zumindest wirkt es manchmal auf die 21 Jahre alte Ena-Sara Ramusovic so. Verspürt sie Durst, reicht ihr die Mutter ein Glas Wasser, bevor sie überhaupt darum bittet. Benötigt sie etwas aus dem Schrank, hat die Mutter es schon gegriffen, ehe sie die Frage überhaupt formulieren konnte. Mutter Svjetlana Ramusovic versucht die kleinen Hilfestellungen im Alltag so beiläufig wie möglich aussehen zu lassen. Als wäre das alles niemals Mühe, niemals Last. Für sie sind es Selbstverständlichkeiten. Und Svjetlana Ramusovic ahnt, dass ihre Tochter mit 21 Jahren gern unabhängiger wäre. Sie weiß, wie schwer es ihr fällt, immer wieder um Hilfe bitten zu müssen.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ena-Sara Ramusovic sitzt wegen einer Muskelerkrankung seit ihrer Kindheit im Rollstuhl. Ein speziell trainierter Assistenzhund könnte ihr den Alltag erleichtern. Doch der Wunsch nach einem haarigen Helfer scheint unerfüllbar. Denn die Familie kann die Anschaffungskosten für das Tier nicht allein aufbringen. Alle Ersparnisse sind bisher in neue Therapieformen für die Einundzwanzigjährige investiert worden. Der Verein Rehahunde Deutschland hat Hilfe in Aussicht gestellt. Er übernimmt die Ausbildung des Hundes. Die Ramusovics müssen einen Eigenanteil zahlen, der Rest soll durch Spenden aufgefangen werden.

          Setzt alle Hebel in Bewegung

          Die Politikstudentin setzt alle Hebel in Bewegung, um Geld zu sammeln, hat sich aber gleichzeitig ein noch größeres Ziel gesetzt. Sie will sich künftig politisch für die Belange von Menschen mit Behinderung einsetzen, will ihre eigenen Erfahrungen einbringen – am liebsten als Bundesbehindertenbeauftragte.

          Ena-Sara Ramusovic ist eine Kämpferin. Kleine Ziele steckt sie sich schon lange nicht mehr. Vielleicht hängt das mit ihrem Start ins Leben zusammen. Damals lautete das bescheidene Ziel: überleben. Sie ist ein Drilling. Während ihre Brüder die Geburt gut überstanden haben, gab es bei ihr Komplikationen. Sie bekam eine Hirnblutung, als Folge daraus entwickelte sie eine sogenannte Tetraparese. Beine und Arme kann sie heute nur stark eingeschränkt bewegen, leidet unter Muskelschmerzen. Nie werde sie laufen lernen, haben die Ärzte damals gesagt. Die heute 21 Jahre alte Studentin hat ihnen das Gegenteil bewiesen. Sie kann laufen – wenn auch nur wenige Meter.

          Ihre beiden Brüder sind mittlerweile nur noch selten zu Hause, beide sind ausgezogen. Ihre Schwester würde es ihnen gern gleichtun. Aber sie traut sich noch nicht. Sie ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Es sind die kleinen Dinge im Alltag, die sie behindern. Steht der Rollstuhl nicht in einem bestimmten Winkel an ihrem Bett, kann sie nicht selbständig aufstehen. Hinzu kommt eine wachsende Unsicherheit. Irgendwann hat sie aufgehört, sich allein durch die Stadt zu bewegen. Mehrfach sei sie als „behindert“ angepöbelt worden. Oder sie sei „angegriffen“ worden, erzählt sie. Von Menschen, die ihren Rollstuhl ungefragt ein paar Meter geschoben, ihr so aber das Gefühl gegeben haben, völlig ausgeliefert, völlig wehrlos zu sein – vermutlich meist ohne böse Absicht. Ramusovic will sich jetzt ihre aufgegebene Freiheit zurückholen. Auch deshalb hofft sie auf den Assistenzhund. Er soll ihr durch den Alltag helfen, soll ihr Türen öffnen, Gegenstände bringen, soll ihr zu dem Selbstbewusstsein zurück verhelfen, das sie in den letzten Jahren verloren hat. Allein seine Anwesenheit, so hofft sie, könnte Leute auf Abstand bringen, die sich distanzlos verhalten.

          „Für mich perfekt“

          Der Verein Rehahunde Deutschland hat schon mit der Ausbildung des Hundes begonnen. Neo heißt er, ein heller Labrador, „nicht fotogen“, wie Ramusovic sagt, „aber für mich perfekt“. Derzeit lebt das Tier noch bei seiner Trainerin, im Oktober soll die Ausbildung abgeschlossen sein. Wenn die Finanzierung steht, könnte sie ihn endlich übernehmen, falls nicht, wird er weitervermittelt. Weil die Krankenkassen Assistenzhunde nur in Ausnahmefällen als „Hilfsmittel“ anerkennen, ist die Studentin selbst aktiv geworden. Die Einundzwanzigjährige hat über die Internetplattform „betterplace“ unter dem Stichwort „Der Weg in ein unabhängiges Leben – dank Neo“ eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und hofft, so Spenden sammeln zu können.

          Die Ramusovics sind das Kämpfen gewöhnt. Die gesamte Familie ist vor einigen Jahren von Baden-Württemberg nach Frankfurt gezogen, um näher an den Ärzten von Ena-Sara zu wohnen. Sie haben zusammengehalten, als es darum ging, einen Schulplatz für sie in einer Regelschule zu erkämpfen, haben sich stets dafür eingesetzt, dass ihre Tochter trotz ihrer Behinderung genauso behandelt wird wie alle anderen Kinder. „Ich bin ja keine Prinzessin auf der Erbse. Ich kann etwas leisten“, sagt die Studentin. Und immer wieder haben sie sich mit der Krankenkasse gestritten. Zuletzt um den elektrischen Rollstuhl. Weil sie noch ein paar Meter laufen kann, habe die Kasse die Zahlung verweigert. „Ich war ihnen nicht behindert genug“, sagt sie und lacht bitter. „Deshalb studiere ich Politik: weil sich etwas bewegen muss.“ Sie will sich einmischen, will sich für eine bessere Hilfsmittelversorgung einsetzen – und dafür sorgen, dass das Bundesteilhabegesetz „komplett überarbeitet“ wird. „Wenn sich nie jemand an solche Themen rantraut, wird sich auch nie etwas ändern.“

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