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Weihnachtsbaum für Frankfurt : Deutschlands Schönster heißt August

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O du lieber August: Die 30 Meter hohe und 110 Jahre alte Fichte wird in diesem Jahr den Römerberg schmücken. Bild: Salomé Stühler

Ein Trecker-Konvoi rollt durch die Steiermark – auf der Suche nach einem Baum für den Frankfurter Weihnachtsmarkt. Groß und stattlich muss er sein, aber das allein reicht nicht.

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          Die Kühe halten inne. Auf den Vorderläufen kniend, kratzen sie ihre Mäuler am Gras, als ein merkwürdiger Tross vorbeifährt: Es sind Thomas Feda und das Frankfurter Weihnachtsbaumkomitee, die auf Oldtimer-Traktoren durch die Steiermark zockeln. Sie haben eine Mission: „Wir werden Deutschlands schönsten Weihnachtsbaum finden.“

          Hierfür hat sich Feda, Chef der Frankfurter Tourismus + Congress GmbH, mit Bertl Lemmerer zusammengetan, dem Obmann des Tourismusverbandes Gröbmingerland in Österreich. Bertl – ab 1000 Metern Höhe wird geduzt – ist ein steirischer Cowboy, „zweimal dreißig Jahre alt“, mit Schnauzbart, grüner Weste über rotkariertem Hemd und braunem Krempenhut. Unter dem Knoten seines roten Halstuchs blitzt ein Goldkettchen mit Pferdekopf-Anhänger hervor. Der gebürtige Gröbminger hat einen gemütlichen Bauch – vielleicht, weil er nach eigenen Angaben keinen Tag ohne Kaiserschmarrn auskommt.

          Ein Paradies für Mensch und Kuh

          Das Gröbminger Land in der Region Schladming-Dachstein bietet das dichterische Panorama, das mit der Steiermark verbunden wird: eine Landschaft an der Schwelle zum Herbst mit Blick auf schroffe, grauweiße Berggipfel. Auf den Hängen des Dachsteingebirges sind die dunkelgrünen Wälder mancherorts schon gelbrot gefleckt. Die Felder durchziehen silbrig funkelnde Bäche, Hochlandrinder mit beeindruckendem Gehörn grasen auf den Hängen. Die Luft duftet würzig, mal nach Fichtennadeln, mal nach Dung. Kurzum: ein Paradies für Mensch und Kuh. Und die Heimat des künftigen Frankfurter Weihnachtsbaums.

          Thomas Feda ist zuversichtlich: „Heute ist ein guter Tag für einen Weihnachtsbaum, das spüre ich.“ Der österreichische Handelsdelegierte Michael Love, ein gebürtiger Gröbminger, hatte vorgeschlagen, für den diesjährigen Weihnachtsmarkt einen Baum aus der Steiermark auszusuchen. Bertl Lemmerer war einverstanden: „Wenn wir hier keinen Baum finden – wo dann?“

          Drei Fichten in engerer Auswahl

          Als jedoch Kurt Stroscher, Fedas Veranstaltungsmanager und seit mehr als 25 Jahren Weihnachtsmarkt-Beauftragter, ein Blatt Papier mit dem Anforderungsprofil vorlegte, wurden der Bertl und Gröbmings Vize-Bürgermeister Thomas Ferstl nervös: Der Baum muss um die 30 Meter hoch sein und frei stehen, um für den Tieflader zugänglich zu sein. Damit die Äste für den Transport hochgebunden werden können, dürfen sie nicht zu trocken sein, weil sie sonst brechen.

          In Gröbming, dem Tor zum Welterbe Dachsteingebirge mit 2800 Einwohnern, mobilisierte Bertl schon im Frühjahr Bauern, Jäger und Förster. „Alle waren in heller Aufregung“, berichtet er. Gefunden haben sie drei Fichten, die sich den kritischen Blicken des Auswahlkomitees stellen müssen.

          Zum ersten Baum-Kandidaten geht es noch ganz städtisch mit dem Auto. Am Fuß des Gröbminger Hausbergs, des 2048 Meter hohen Stoderzinkens, ragt eine 90 Jahre alte Fichte fast kerzengerade in den Himmel. „Gewachsen ist er schön, gell?“, sagt Bertl. Er lächelt breit, was seine kleinen Augen fast zwischen den Runzeln verschwinden lässt.

          Abschied vom „Bilderbuchbaum“

          Die Delegation tauft den Baum Hans, nach dem ehemaligen Vorsitzenden der Frankfurter Wertpapierbörse Hans Heinrich Hauck. Der gebürtige Frankfurter lebte als Waidmann in Gröbming, wo er 1964 starb. Er pachtete ein 10000 Quadratmeter großes Areal, das der Gemeinde sieben Millionen Schilling (etwa eine Million Mark) im Jahr einbrachte.

          Feda ist zunächst von der ersten Fichte angetan, doch mit geübtem Blick urteilt er schon kurz darauf: Hans ist zu klein. 25 Meter reichen für den Römerberg nicht aus. Um den zweiten Baum zu erreichen, wechselt die Delegation das Gefährt: Auf Oldtimer-Traktoren der fünfziger und sechziger Jahre wälzt sie sich mit 18 PS und 20 Stundenkilometern über die schwer zugänglichen Waldwege. Dann, nach einer halben Stunde Fahrt, hat sie Heinrich erreicht. Ein Koloss von einem Baum: 120 Jahre alt, 28 Meter hoch und üppig auf allen Seiten, steht er wie gemalt auf dem Feld.

          Doch genau das ist das Problem: Weil er so viel Platz zum Wachsen hatte, ist er für den Transport mit fünf Metern Breite auf jeder Seite zu ausladend. Die Äste würden brechen, wenn sie hochgebunden würden. Feda seufzt. Er kann nur schwer von diesem „Bilderbuchbaum“ lassen: „Das wäre der schönste, den wir je gehabt hätten.“

          110 Jahre alt, 8,5 Tonnen schwer

          Hans war zu klein, Heinrich zu schön. Einen Baum hat Bertl noch in petto. Der steht nur wenige Meter entfernt und sieht im Vergleich zu Heinrich zunächst etwas mager aus. Doch Feda stellt sich an den Stamm und befindet: Die Fichte ist ausreichend dicht gewachsen. Eine schöne Krone habe er auch und starke Äste, die die schweren Schleifen und 5700 Lichter tragen könnten. Außerdem sei er „schnittig geschnitten“.

          Jetzt hat der Frankfurter Weihnachtsmarkt seinen Baum: 110 Jahre alt, 30 Meter hoch, 8,5 Tonnen schwer. Er heißt August, nach dem dritten, weniger bekannten Vornamen des einstigen Börsenchefs Hauck.

          Bertl kann aufatmen. Und er sieht August nicht zum letzten Mal: Der urige Steirer wird vier Wochen an einem Stand auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt stehen und das Gröbminger Land präsentieren. „Steirisch zünftig“ in Jägerkluft gekleidet will er kommen, Zirbelkiefer-Zapfenschnaps und Steirerkaas im Gepäck.

          August wird keine grünen Fluren und Wälder mehr sehen. Dafür bibbernde Frankfurter mit Glühwein zwischen den Fäustlingen, die zu seiner Spitze hinaufschauen und ihn hoffentlich in all seinem leuchtenden Schmuckbehang bewundern. Feda hat die nörgelnden Stimmen aus den Vorjahren stets im Hinterkopf: Zu schief, zu struppig, zu kahl sei der Baum. Doch Stroscher weiß: „Egal, was vorher war – zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes sieht er immer schön aus.“

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