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Apps für psychisch Kranke : Wenn das Handy Depressions-Alarm schlägt

Mobiler Helfer: Verschiedene Apps versprechen Linderung bei psychischen Erkrankungen. Bild: dpa

Können Smartphones bei Depressionen oder bipolarer Störung helfen? Die Uniklinik Frankfurt erprobt nun Apps, die bei der Behandlung psychisch Kranker helfen soll.

          3 Min.

          Er muss nur noch schnell die Welt retten, schnell noch ein Projekt verwirklichen, Freunde treffen, die Wohnung umräumen. Sie hingegen will noch nicht einmal mehr aufstehen. Sie ist antriebslos. Und das seit Tagen.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Psychotherapeutin Silke Matura ahnt, dass sich ihre beide Patienten gerade in einem psychischen Ausnahmezustand befinden. Während er eine manische Phase zu durchleben scheint, droht sie in eine Depression abzugleiten. Matura hat einen Alarm auf ihr Diensttelefon bekommen, der sie darauf hinweist, dass sich der psychische Zustand ihrer Patienten seit einigen Tagen verändert. Ob er sich tatsächlich verschlechtert, gilt es jetzt herauszufinden. Sie bestellt beide Patienten in die Klinik ein.

          Elf Menschen, die allesamt an einer bipolaren Störung leiden, nehmen seit 2017 an der Studie „Bipolife“ des Frankfurter Uniklinikums teil. Unter bipolaren Erkrankungen versteht man episodisch verlaufende Stimmungsschwankungen. Die Betroffenen sind mal depressiv und antriebslos, mal manisch und nicht zu bremsen. Dazwischen immer wieder Phasen, in denen ein normales Leben möglich ist. An der Uniklinik wird mit einer App experimentiert, mit deren Hilfe Therapeuten frühzeitig erkennen sollen, wann ihre Patienten in eine depressive oder manische Episode geraten.

          App läuft im Hintergrund

          Die App wird dem Patienten auf das Handy gespielt. In einer gesunden Phase wird sie aktiviert, läuft fortan im Hintergrund und sammelt Daten. Etwa wie lange der Patient am Tag im Schnitt telefoniert, wie viele Nachrichten er schreibt, wie viele Kontakte er aktiv pflegt. Außerdem wird ein Bewegungsprofil erstellt.

          Es gehe nicht darum, Menschen zu überwachen, sondern die Warnzeichen zu erkennen, sollte sich der Gesundheitszustand des Patienten ändern, erklärt die psychologische Psychotherapeutin Silke Matura, die das Projekt leitet. Bewegt sich der Patient auffällig mehr oder weniger als in einer gesunden Phase? Verändern sich seine Kommunikationsgewohnheiten? Ein Algorithmus wertet die Daten aus, das Programm informiert bei Auffälligkeiten den Therapeuten. „Immer, wenn wir bisher ein Signal bekommen haben, steuerte der Patient gerade auf eine affektive Episode zu“, sagt Matura. Sie kann allerdings auch verstehen, wenn jemand nicht bereit ist, diese Daten mit den Therapeuten zu teilen. „Es gibt Patienten, die das ablehnen, weil sie nicht überwacht werden wollen.“

          Bevor die App zum Einsatz kam, mussten die Patienten eine Art Tagebuch führen. Aber das sei fehleranfällig gewesen, sagt Matura. Denn die Patienten selbst mussten Stimmungsveränderungen registrieren und dokumentieren. Da wurde manchmal geflunkert oder das Eintragen vergessen. Die App liefert laut Matura hingegen „objektive Verhaltensdaten“. Andreas Reif, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum, ist überzeugt davon, dass in Online-Therapieprogrammen und in speziell entwickelten Gesundheits-Apps viel mehr Potential steckt, als derzeit abgerufen wird. „In der psychiatrischen Fachwelt wird die Entwicklung in diesem Bereich überwiegend als Chance gesehen.“

          Krankenkassen übernehmen Kosten

          An der Uniklinik wird schon mit verschiedenen Programmen gearbeitet, zur Digitalmedizin zählen. Leicht depressive Patienten können beispielsweise mit Hilfe der App „Deprexis“ die Zeit bis zum Therapiebeginn überbrücken. Viele Krankenkassen übernähmen die Kosten auf Antrag, sagt die Neurologin und Psychotherapeutin Christine Reif-Leonhard. „Das Programm vermittelt den Patienten Basiswissen über die Krankheit.“ Ein generelles Grundverständnis für die Erkrankung müsse nämlich jeder mitbringen, bevor die individuelle Therapie überhaupt beginnen könne. Das Aufklären der Patienten habe bisher immer der Therapeut übernommen, ergänzt Andreas Reif. Aber das koste Zeit. „Das ist ein Bereich, den man standardisieren kann.“ Auf der Deprexis-Plattform erhielten die Patienten Antworten auf ihre Fragen, während der Therapeut als „Ressource“ gezielter für die individuelle Arbeit mit dem Patienten eingesetzt werden könne, so Reif. Durch die freiwerdenden Kapazitäten und eine Umstrukturierung der Arbeitsabläufe könne man so sogar dem Therapeutenmangel entgegentreten. Das Onlineportal „Deprexis“, das als zertifiziertes Medizinprodukt gilt, schlägt den Patienten zudem Übungen vor, die helfen sollen, die Stimmung zu stabilisieren. „Das gibt ihnen das Gefühl, etwas tun zu können“, sagt Christine Reif-Leonhard.

          Forschen nach mobiler Unterstützungen bei psychischen Erkrankungen: Silke Matura, Andreas Reif und Christine Reif-Leonhar

          „Die technischen Möglichkeiten werden unser Berufsfeld in den nächsten Jahren revolutionieren“, ist Andreas Reif überzeugt. Er verspricht sich von der Nutzung ausgewählter Apps Chancen für den Klinikalltag. Und auch die App-Entwickler haben längst realisiert, dass Angebote rund um das Thema „psychische Gesundheit“ sehr gefragt sind. Längst nicht alles, was auf den Markt komme, sei sinnvoll, sagt Reif. Gesundheits-Apps, die jedermann herunterladen könne, seien nicht für Menschen mit einem komplizierten Krankheitsbild programmiert worden. „Es gibt einen schmalen Grad zwischen nützlich und kontraproduktiv“, warnt er. Wenn eine Person mit dem Hang zu Depressionen mehrmals täglich durch einen Alarm am Handy aufgefordert werde, die eigene Stimmung zu dokumentieren, könne das die Situation verschlechtern. Das ständige „In-sich-hinein-Horchen“ kann laut Reif zu einer überstarken Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche führen.

          Der Leiter der Psychiatrie der Uniklinik fordert deshalb, dass Apps, die bei der Bewältigung psychischer Probleme helfen sollen, strengen Qualitätsprüfungen unterzogen werden. „Es gibt eben Leute, die gut programmieren können, aber keine Ahnung von Psychologie haben“, sagt der Professor. Er rät Patienten, die digitalen Angebote nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt zu nutzen.

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