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Flüchtlinge in Frankfurt : Unwürdiges Vorgehen

  • -Aktualisiert am

Vom Vorzeigeprojekt zur umstrittenen Unterkunft mit Mängeln: das Flüchtlingsheim Bonames Bild: Theresa Weiß

Frankfurt reagiert auf Kritik an den Mängeln in der Flüchtlingsunterkunft in Bonames. Doch die Herangehensweise wirft kein gutes Licht auf die Stadt. Denn das eigentliche Problem, fehlender bezahlbarer Wohnraum, bleibt bestehen.

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          Die Situation in der Flüchtlingsunterkunft Frankfurt-Bonames ist vertrackt. Da es der Stadt an Flächen mangelt, genehmigte Frankfurt vor vier Jahren eine Anlage im Landschaftsschutzgebiet, denn täglich strömten etwa 175 Menschen neu in die Stadt, die versorgt werden mussten.

          Ein guter Kompromiss? Vielleicht für eine kurze Zeit, denn dort steht zu wenig Strom zur Verfügung, um für Hunderte Menschen warmes Wasser und Kochmöglichkeiten anzubieten. Doch es gibt für sie kaum Wohnungen, und in Frankfurt warten Tausende auf eine bezahlbare Bleibe. Also blieben die Familien viel länger als gedacht am Alten Flugplatz. Sie wuchsen – inzwischen gibt es mehr als 180 Kinder im Camp. Die Lage verschärfte sich immer weiter.

          Keine einfachen Lösungen

          Für diese Probleme gibt es keine einfachen Lösungen. Hinzu kommt Pfusch beim Bau – an den Wohnmodulen wurden zum Beispiel die Regenrinnen falsch herum angebracht, was dafür sorgte, dass einige Wohneinheiten nass wurden und verschimmelten. Die Bewohner haben sich lange beschwert. Mittlerweile haben sie die Geduld verloren. Die Stimmung ist gekippt.

          Es ist wahr, dass die Unterkunft eine der besseren in der Stadt ist. Dass es im Labsaal in Bockenheim übler ist, dass es sich angenehmer im Grünen lebt als in einem Plattenbau an der Ludwig-Landmann-Straße. Es ist aber auch wahr, dass die Lebensumstände in Bonames auf Dauer nur schwer zu ertragen sind – vor allem aus der Perspektive der Eltern, die hergekommen sind, damit ihre Kinder nicht in Krieg oder Armut aufwachsen müssen, und die nun fünf Stunden am Tag damit verbringen, ein Essen auf zwei Kochplatten zuzubereiten. Es ist verständlich, dass sie nach Jahren ihr Vertrauen verloren haben und protestieren.

          Angespannte Situation

          In dieser angespannten Situation so vorzugehen, wie die Stadt es getan hat, hinterlässt Spuren: Dass Familien morgens von der Polizei aus den Betten geholt und des Camps verwiesen werden, wirkt auf die anderen Bewohner, als werde ein Exempel statuiert. Es wirkt, als würden die Familien, die sich am lautesten beschwert haben und auch mit der Presse geredet haben, entfernt.

          Auch wenn es Gründe gab, die Familien aus der Unterkunft zu holen: War es nötig, so aggressiv vorzugehen? Die Bewohner durften nicht einmal selbst ihre Sachen packen. Aber es hat auch etwas mit Würde zu tun, die Wäsche selbst einsammeln zu können. Dieses Vorgehen entspannt die Situation nicht und ist einer Stadt wie Frankfurt unwürdig.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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