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Krise der katholischen Kirche : „Die Lage ist ernst, aber hoffnungsvoll“

Ausweg aus der Krise: Stadtdekan und Pfarrer Johannes zu Eltz will einen Wandel innerhalb der katholischen Kirche. Bild: Ricardo Wiesinger

Mitgliederschwund und Missbrauchsskandal: Die katholische Kirche ist in einer Krise. Der „Synodale Weg“, über den die Bischofskonferenz in Fulda berät, soll helfen. Frankfurts Stadtdekan sagt, worauf die Kirchenführer achten müssen.

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          Wie mutig sind die deutschen Bischöfe?

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Normal mutig. Sie üben ihren Leitungs- und Hirtendienst für ihre deutschen Gläubigen aus. Dazu sind sie Bischöfe, dazu sind sie mit Geist gesalbt und dazu haben sie Hilfe von oben, von der Seite und von unten.

          Ist die Lage der katholischen Kirche in Deutschland so viel anders als in anderen Ländern?

          Man darf sie nicht zu besonders reden, sonst wähnt man uns gleich auf dem deutschen Sonderweg. Und der ist angstbesetzt. Er führt ins Unheil, in den Abgrund, ins Verderben – da will niemand hin.

          Also ein Kampf um ein Wort.

          Ja, auch. Mit all den politischen Konnotationen, die der Begriff vom Sonderweg hat, muss man die Unterstellung, wir strebten dorthin, entschieden zurückweisen. Es sind halt die spezifisch deutschen Bedingungen, unter denen die deutsche Kirche lebt. Darin ist sie manchen Ortskirchen sehr ähnlich, von anderen ist sie sehr verschieden. Das muss man aushalten. Am deutschen Wesen soll auch kirchlich die Welt nicht genesen. Was in einigen Ortskirchen unseres Zuschnitts nötig ist, damit es der Kirche gut geht, wird andernorts nicht oder noch nicht passend sein.

          In Fulda geht es bis Donnerstag um den „Synodalen Weg“. Den haben aber nur die deutschen Bischöfe und organisierten Laienkatholiken eingeschlagen.

          Ja. Hier gibt es eben einen selbstbewussten Laienkatholizismus, der trotzdem tief kirchenfromm ist. Den muss man schon bis aufs Blut quälen, bis ihm das ausgetrieben ist.

          Aber jetzt ist es so weit?

          Sieht so aus. Wenn viel Unvernunft und Hochmut und Mangel an Empathie zusammenkommen, sagt hier irgendwann auch der geduldigste und autoritätsfreundlichste Katholik: Unsere Dinge sind in Rom nicht gut aufgehoben.

          Sie erachten die Lage für ernst?

          Ernst, aber hoffnungsvoll. Mir liegt sehr daran, den massiven Konflikt, der sichtbar geworden ist, zu entskandalisieren.

          Können Sie den Konflikt zwischen der Bischofskonferenz und der römischen Kurie noch einmal skizzieren?

          Die Positionen und Perspektiven sind halt sehr unterschiedlich. Die Welt sieht von der Warte zentraler Ämter der römischen Kurie anders aus als aus der Perspektive seelsorglich orientierter deutscher Bistümer. Daran ist nichts verkehrt, dessen muss man sich auch nicht schämen. Vor allem muss man nicht vertuschen oder übertünchen, dass es solche Konflikte gibt. Wir sind keine Franchisenehmer der Gesamtkirche, wir sind Ortskirchen auch aus eigenem Recht.

          Der „Synodale Weg“ ist die Reaktion auf die Missbrauchsstudie vom vergangenen Herbst. Spätestens danach sind die Katholiken hierzulande auf die Barrikaden gegangen. Was muss dieser Weg erbringen?

          Die Missbrauchsstudie mit den furchtbaren Zahlen und den Schicksalen dahinter und den unleugbaren Hinweisen auf systemische Ursachen muss vor allem eine Erkenntnis bringen, die Seán O’Malley, der Erzbischof von Boston, so auf den Punkt gebracht hat: „I came to understand that we are part of the problem.“ Das ist es! Wenn die Bischöfe in ihrer historisch gewachsenen Allzuständigkeit ein Teil des Problems sind und das erkennen, müssen sie auch einsehen, dass sie just die Probleme, die sie selbst darstellen, nicht allein lösen können.

          Sie brauchen Hilfe.

          Ja, die Bischöfe müssen sich jetzt tatsächlich von den normalen Gläubigen weiterhelfen lassen. Keiner zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Wer mit dem umständlichen Ornat an allein weiterstrampelt, der wird versinken. Und dann sind, so wie wir verfasst sind, ganze Ortskirchen gefährdet. Deshalb freut es mich und macht mir Hoffnung, dass zum Beispiel unser Bischof Georg und jetzt zu meiner Überraschung auch Bischof Felix von Münster sich mit Umsicht an die Spitze der Reformbewegung setzen.

          Schauen wir uns die systemischen Ursachen des Missbrauchs und der Krise genauer an. Ist der Zölibat, die Ehelosigkeit der Priester, noch zu halten?

          Natürlich ist der Zölibat zu halten. Schon deshalb, weil Jesus sein strahlender Anführer ist. Aber der obligatorische Zölibat, der an den Pfarrerberuf gekoppelt ist, der ist nicht zu halten.

          Es sollte also Priester geben dürfen, die verheiratet sind?

          Selbstverständlich, und zwar gleichwertig; in einem Wettstreit, vor dem keiner Angst haben muss. Das Beste am Zölibat und das Schönste am Ehe- und Familienleben müssen nebeneinander zur Geltung kommen können. Dabei können wir auf die evangelischen Kirchen im Westen und die Ostkirchen schauen, auch auf die katholischen. Die hatten das noch nie anders und sind damit näher am Ursprung.

          Für den „Synodalen Weg“ wird auch über die Rolle der Frau in der Kirche diskutiert. Sollen Frauen zu Priesterinnen geweiht werden?

          Ich finde, Frauen sollen unverzüglich zu Diakoninnen geweiht werden. Und über alles andere muss frei gesprochen werden können. Die Frage nach dem Amt für Frauen ist existentiell. Sie ist ein brennendes Gerechtigkeitsproblem geworden. Unser Festhalten an der Tradition wird in Deutschland weitgehend als Ungerechtigkeit empfunden. Das verletzt sehr, und die Verletzten haben keine Lust, sich mit etwas zu befassen, was die Kirche außer Ungerechtigkeit sonst noch zu bieten hat. Auf diese Weise vermint die Frauenamtsfrage das Vorfeld des Evangeliums. Wenn wir darüber nicht hinwegkommen . . .

          . . . verlieren Sie alle Frauen, die sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren.

          Wenn nicht die lebens- und leidenserfahrenen Frauen der Generation Maria 2.0, dann jedenfalls die nächste. Oder die kommen gar nicht erst. Und die Männer dann auch nicht mehr. Der Vorfeld-Eindruck von einer habituell ungerechten Institution ist nicht umgehbar. Das gilt bei uns auch für manche Fragen der Sexualmoral.

          Ein weiterer Kritikpunkt sind die starren Machtstrukturen in der Kirche. Was muss sich da ändern?

          Entscheidendes ändert sich schon, wenn überall in den Führungspositionen, die es ja nicht nur in den Weiheämtern gibt, erst quotiert wird und dann ganz normal auch Frauen vertreten sind. Das wird an der Weise, wie Macht ausgeübt wird, etwas ändern, weil die Machtausübung diverser wird – nach den Stilen der Geschlechter. Außerdem müssen Elemente von echten Wahlen in die Bestellung der Ämter.

          Welcher Ämter?

          Vor allem Bischofsämter und Pfarrämter. Die Gläubigen müssen sich in einer vernünftigen und repräsentativ geordneten Weise an Wahlen beteiligen können. Das wird das Selbstverständnis der Gewählten beeinflussen. Sie werden dann nicht allein vom Papst ernannt und vielleicht noch von Domkapiteln auf eine etwas murkelige Weise mitbestimmt. Sie werden nicht nur ihrem Gott Rechenschaft schulden, sondern auch den Gläubigen, denen sie dienen wollen.

          Inklusive Misstrauensvotum zur Abwahl von Bischöfen?

          Wenn es zum Äußersten kommt. Aber ich glaube: Gute geistliche Leute, die echt gewählt werden, gehen mit ihrer auf Zeit verliehenen Macht so um, dass ein „Impeachment“ nicht nötig ist.

          Wie lässt sich verhindern, dass eventuelle Reformresultate vom Vatikan wieder kassiert werden?

          Indem Rom die Möglichkeit rechtlich absichert, gleichzeitig an verschiedenen Orten der Weltkirche in wichtigen Fragen zu unterschiedlichen Ergebnissen zu kommen – also um des Wohles der Kirche willen kultursensible und kulturrelative Entscheidungen in Organisationsfragen zu treffen, die nicht das Herz des Glaubens berühren. Das ist unumgänglich. Das muss der Papst möglich machen.

          Über die Reformen wird in den nächsten zwei Jahren im Frankfurter Dom beraten. Nach der Entscheidung muss ihr Herz doch vor Freude gehüpft sein.

          Das ist so hoch wie der Domturm gehüpft.

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