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Hauptstadt der Daten

Von THERESA WEISS und THORSTEN WINTER
Foto: Wolfgang Eilmes

06.03.2018 · Kein Ort in Deutschland ist für das Internet so wichtig wie Frankfurt. Die Rechenzentren in der Stadt speichern und verschicken Informationen aus aller Welt. Ein Blick hinter Kühlaggregate und Hochsicherheitssperren.

Warum Frankfurt?


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In der Rhein-Main-Region wird es Ende des Jahres etwa 600.000 Quadratmeter Rechenzentren-Fläche geben. Ein Viertel der Datacenter-Flächen in Deutschland befindet sich am Main. Frankfurt profitiert von seiner Lage und klugen politischen Beschlüssen in der Vergangenheit, die zu einem Sog in die Stadt geführt haben. Dabei spielt der weltgrößte Internetknoten De-Cix eine wesentliche Rolle.

Als in den neunziger Jahren hierzulande die Telekommunikation liberalisiert wurde, hat die Stadt Frankfurt rasch reagiert und in ihrem Grund viele Glasfaserkabel verlegen lassen. Diese Kabel sind das, was landläufig als Datenautobahn bezeichnet wird. Das Material, das etwa aus Fabriken des Hanauer Familienkonzerns Heraeus kommt, leitet Daten viel schneller als alte Kupferkabel. Der Berater Gerd Simon sagt: „Frankfurt ist eine Global City mit einer Infrastruktur, die sonst nur Hauptstädte haben.“

Außerdem ist die Mainmetropole aus geographischer Sicht mittendrin statt nur dabei. Was für den Flughafen, den Hauptbahnhof und das Frankfurter Kreuz gilt, das gilt für die digitale Welt entsprechend. So ist es auch kein Wunder, dass die Väter des De-Cix vor gut zwei Jahrzehnten von Karlsruhe an den Main zogen. Der Fall des Eisernen Vorhangs und die Öffnung des früheren Ostblocks zum Westen hin spielte ihnen in die Karten. Der De-Cix verbindet, grob gesagt, Computer in Amerika mit solchen in Europa, Asien und Afrika. Um ihn herum haben sich Datacenter angesiedelt.

Wichtig für den Aufbau der digitalen Infrastruktur war der Finanzplatz, für den internationale Anbindung und schnelle Netze essentiell sind. Mittlerweile kommt kaum noch eine Firma ohne Internet aus. Der Datenstrom schwillt stetig an – nicht zuletzt sorgen Smartphone- und Tablet-Nutzer dafür.

Foto: Stefanie Silber

Was ist ein Rechenzentrum?


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Ein Rechenzentrum ist zunächst einmal eine Immobilie. Die meisten Datacenter sehen von außen überaus langweilig aus. Es sind schmucklose Quader. Wer ein frisch gebautes Rechenzentrum betritt, trifft meist auf gähnende Leere mit Pfosten aus Stahlbeton und viel Platz drum herum und allerlei Leitungen und Rohren unter der Decke. Ein neues Datacenter in Frankfurt bleibt aber nicht lange leer. Denn Kunden stellen dort ihre Hochleistungsrechner unter, die Daten durchleiten, speichern oder verarbeiten.

Zu den Kunden gehören Telekom-Konzerne und Internetfirmen, Mittelständler und Social-Media-Anbieter wie Facebook sowie Handelsketten und auch Krankenhäuser. Nicht zu vergessen spezialisierte Anbieter von Cloud Computing („Software aus der Steckdose“) wie Amazon Web Services und Microsoft Azure. In Frankfurt hat auch der Betreiber des weltgrößten Internetknotens De-Cix seine Switches genannten Rechner plaziert, verteilt über mehrere Datacenter. Viele, aber nicht alle Kunden vernetzen sich in einem solchen Zentrum.

Die Informationen laufen über Glasfaserkabel in die Computer ein. „Rechenzentren sind vereinfacht gesagt Datensilos“, erläutert Mareike Jacobshagen von Datacenter-Betreiber Interxion Deutschland an der Hanauer Landstraße, der von Jens Prautzsch geführt wird. Ähnlich wie ein Silo auf dem Bauernhof mit Getreide füllen sich die Speicher der Rechner mit einer Flut von Daten. Dafür sorgen zum Beispiel all jene, die per Smartphone, Tablet oder PC beim Internetversender ihrer Wahl ein Buch ordern, ein Video im Internet ansehen, online eine Reise buchen oder eine App aufrufen. Die Daten sausen dabei als Lichtsignale durch Glasfaserkabel. Und die Datenflut nimmt gerade in Frankfurt stetig zu.

Jens Prautzsch Foto: Maximilian von Lachner

Was kostet das Internet?


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Surfen, Snappen und Whatsappen sind nicht gratis. Jedes Rechenzentrum, in dem all die dafür nötigen Daten gespeichert sind, verbraucht im Jahr etwa 100 Gigawattstunden Strom. Das entspricht 30.000 Haushalten und kostet rund 20 Millionen Euro. Etwa ein Fünftel des Gesamtverbrauchs und somit der Kosten gehen laut Mareike Jacobshagen von Interxion für die Kühlung der Rechner drauf. Und der Rest? „Jeder Aufruf einer App erzeugt den sieben- bis zehnfachen Stromverbrauch im Rechenzentrum“, sagt Béla Waldhauser von Telehouse. Weil die Daten mehrmals gespeichert werden und jeder Speicherplatz Strom braucht, kommt schnell einiges zusammen.

Das Smartphone kostet den Nutzer im Jahr übrigens etwa 1,20 Euro – so viel muss man für rund vier Kilowattstunden ausgeben, die dafür nötig sind, das Handy jeden Tag aufzuladen. Mit der gleichen Menge Strom könnte man auch zwei Stunden staubsaugen oder 140 Tassen Kaffee kochen, wie aus einer Berechnung von Vattenfall hervorgeht.

Ein richtiger Stromfresser ist Google. Zwar verbraucht eine einzelne Google-Anfrage nur etwa 0,0003 Kilowattstunden – mit dieser Menge Strom könnte eine 20-Watt-Lampe etwa fünf Minuten leuchten. Doch die schiere Anzahl der Suchanfragen macht Google zum Großverbraucher: Täglich gehen 5,6 Milliarden Anfragen an die Suchmaschine. Viele nutzen Google auch dann, wenn sie eine bestimmte Internetseite aufrufen wollen, weil der Weg über die Suchmaschine bequemer ist. Das kostet jeden Tag 2,2 Millionen Euro. Doch auch kleinere Apps fressen Strom: Die zwei Milliarden Neujahrsgrüße, die in Deutschland zu Neujahr versendet werden, kosten laut Eon umgerechnet etwa 4000 Euro an Strom.

Foto: Zenium

Warum gibt es immer mehr Rechenzentren?


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Derzeit investieren Betreiber von Rechenzentren in Frankfurt alles in allem Hunderte Millionen Euro. Telehouse Deutschland erweitert seinen Standort an der Kleyerstraße im Gallus, Interxion stockt seinen Campus an der Hanauer Landstraße auf, Zenium fügt seinem Datacenter an der Wilhelm-Fay-Straße in Sossenheim ein weiteres hinzu, gleich neben Neuzugang Digital Realty. Mitbewerber Equinix baut in Bergen-Enkheim aus. Und in Rödelheim füllt E-Shelter gerade sein achtes Datacenter am Ort. Und das sind nur die Großen unter den 40 Rechenzentrums-Betreibern in der Stadt. Ihre Investitionen sind weitere Glieder einer Kette, die in den vergangenen Jahren gebildet worden ist. Selbst in den Zeiten der Rezession 2008/09 kannte die Branche nur eine Richtung: aufwärts.

Daran hat sich nichts geändert. Geschäftsführer wie Béla Waldhauser von Telehouse im Gallus und Equinix-Chef Donald Badoux sagen unisono, die Betreiber von Rechenzentren kämen kaum mit dem Bauen hinterher, so groß sei die Nachfrage. Das führt zu der Frage, weshalb diese Branche anhaltend wächst. Ein Grund ist: Immer weniger Firmen wollen selbst ihre Daten betreuen. Denn die dafür nötige Infrastruktur auf dem Stand der Technik zu halten ist teuer. Über allem schwebt, was Gerd Simon „digitale Transformation“ nennt. Wie der Berater aus Bad Homburg sagt, steigen die Anforderungen an die Informations- und Kommunikationstechnik derzeit exorbitant. Das betreffe den Umgang mit den Daten einschließlich der Sicherheit. Hinzu kommt ein Wachstum, das der frühere Interxion-Geschäftsführer als „Daten-Tsunami“ bezeichnet. „Das können Sie mit der Mannschaft zu Hause nicht mehr schaffen“, meint er.

Für einen Schub hat der Skandal um die Datenspionage durch den Geheimdienst NSA gesorgt. Seitdem legen mehr Firmen Wert darauf, dass ihre Daten in Deutschland betreut werden. Daher wollen nun auch Cloud-Betreiber nach Frankfurt, denen der Strom dort bisher zu teuer war, wie etwa Waldhauser berichtet.

Bèla Waldhauser, Chef von Telehouse an der Kleyerstraße im Gallus, erweitert seinen Standort. Foto: Wonge Bergmann

Wer sind die Betreiber?


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In Frankfurt teilen sich mittlerweile mehr als drei Dutzend Betreiber von Rechenzentren den Markt. Hinzu kommen Unternehmen wie Main Cubes in Offenbach. Während die meisten Kunden von Datacentern schon aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden wollen, sind viele Betreibergesellschaften transparent. Das gilt allerdings nicht für ihre Gebäude – wer nicht eingeladen ist, muss vor dem Tor bleiben. Dafür sind die großen Betreiber oder ihre Gesellschafter fast alle börsennotiert. Interxion ist ebenso in New York gelistet wie Equinix und Digital Realty. Der hinter Telehouse Deutschland stehende Konzern KDDI ist an der Börse Tokio zu finden; dasselbe gilt für die Muttergesellschaft von E-Shelter, NTT. Alle diese Titel werden auch an der Börse Frankfurt gehandelt. Zenium weiß Finanzinvestoren hinter sich.

Vielfältiger ist dagegen das Bild, wenn es um die Besitzverhältnisse bei den Datacentern geht. Wie der auf Rechenzentren spezialisierte Berater Gerd Simon sagt, wirtschaften etwa Equinix und E-Shelter in eigenen Gebäuden, während Interxion auch Flächen von Investmentfonds in Anspruch nehme. Zenium hat ebenfalls in Frankfurt gekauft. Hinter Digital Realty stehe ein Immobilieninvestor.

Foto: Patrick Junker

Sind die Zentren sicher und umweltfreundlich?


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Rechenzentren sind Hochsicherheitstrakte. Allerdings sind die Betreiber nur für die physische Sicherheit zuständig. Gegen Hackerangriffe müssen die Kunden sich mit Software wehren. Oft hätten die Betreiber der Zentren gar keinen Zugang zu den Rechnern der Kunden, erläutert Mareike Jacobshagen von Interxion.

Wer nicht eingeladen ist, hat es schwer, ein Rechenzentrum zu betreten. Fast alle Einrichtungen in der Region haben hohe Zäune mit Übersteigschutz, Kameras und Sicherheitspersonal, das die Computer stets bewacht. Außerdem sind viele Sicherheitsschleusen mit Vereinzelungssystemen, biometrischem Datenabgleich und Kartenleser zu überwinden. Würde ein Unbefugter eindringen und sich an den Servern zu schaffen machen, könnten Internetseiten abstürzen und Daten gestohlen werden. Doch wegen des starken Schutzes ist diese Gefahr gering.

Die vielen Rechner brauchen jedoch massenhaft Strom. Interxion und Telehouse beziehen ihre Energie von Mainova ausschließlich aus erneuerbaren Quellen, wie sie mitteilen. Techniken für alternative Stromversorgung seien in den Innenstadtlagen in Frankfurt aber schwer anzuwenden, meint Jacobshagen. Für Solarpanels etwa gibt es zu wenig Platz. Von der eigenen Abwärme profitieren die großen Rechenzentren bisher ebenfalls nicht. „Leider ist eine direkte Nutzung für das Fernwärmenetz nicht so leicht möglich, da wir nur auf 35 Grad kommen, das Fernwärmenetz aber 70 bis 80 Grad benötigt“, sagt Béla Waldhauser von Telehouse.

Kleinere Projekte, zum Beispiel das Cloud & Heat im Turm Eurotheum in der Innenstadt, gehen andere Wege. 90 Prozent der Abwärme aus den Hochleistungsrechnern speist der Betreiber in den Heißwasserkreislauf des Turms ein, wie es heißt. „Dadurch können die jährlich anfallenden Kosten für Heizenergie im Hochhaus um bis zu 40.000 Euro reduziert werden“, teilt die Dresdner Firma mit.

Wie alle Rechenzentren ist auch das Gebäude von Interxion gut gesichert. Foto: Patrick Junker

Was leistet ein Rechenzentrum?


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Früher seien Rechenzentren oft von den Konzernen selbst betrieben worden, sagt Béla Waldhauser, der Geschäftsführer von Telehouse. Doch: „Aufgrund der wesentlich gestiegenen Anforderungen an Sicherheit und Verfügbarkeit nehmen immer mehr Unternehmen die Angebote eines Co-Location-Anbieters in Anspruch.“ Das heißt, dass in einem Zentrum die Rechner von verschiedenen Unternehmen nebeneinanderstehen, sich Stromzufuhr und Kühlung teilen. Die Kunden fordern Hochverfügbarkeit, Sicherheit und Energieeffizienz. „Im Kern geht es um die Absicherung gegen Störfälle“, sagt Mareike Jacobshagen von Interxion. Hochverfügbarkeit bedeutet, dass die Daten immer abgerufen werden können, zu jeder Zeit, an jedem Tag. Dafür müssen sie mehrfach gespeichert werden. Um die Server zu schützen, auf denen die Informationen lagern, werden sie gekühlt. „Freie Kühlung ist mittlerweile state of the art“, sagt Waldhauser. Dafür wird Frischluft verwendet und in Warm- und Kaltluftgängen auf perfekte Arbeitstemperatur gebracht. 24 Grad seien ideal für die Rechner. Diese Infrastruktur zu schaffen ist aufwendig und teuer. Die Daten zu speichern lohnt sich aber: Ist ein Rechenzentrum voll vermietet, sei die Profitabilität „ausgesprochen gut“, meint der Telehouse-Chef.

Foto: Patrick Junker

Rechenzentren als Wirtschaftsmotor?


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Milliarden von Byte liegen auf den Servern in den schmucklosen Hallen. Beschützt werden sie von einer vergleichsweise geringen Zahl von Angestellten. In den Zentren an der Hanauer Landstraße, in Rödelheim und im Gallus arbeiten nicht viele Menschen, gemessen am Umsatz, der dort erwirtschaftet wird. Bei Interxion sind es zum Beispiel 120 Mitarbeiter, die direkt beim Unternehmen angestellt sind. Die gesamte Branche kommt in der Stadt auf etwas mehr als 1000 Beschäftigte.

Dafür ist aber die Zahl der Beschäftigten in den Firmen, die Daten lagern, umso größer. Zudem bietet ein Rechenzentrum Arbeitsplätze für viele Fachkräfte: beim Bau, der Vermarktung, der Klimatechnik, der Sicherheit und der Stromversorgung. „Studien belegen, dass in Deutschland rund 215.000 Menschen direkt oder indirekt im Rechenzentrum arbeiten“, sagt Béla Waldhauser, Geschäftsführer von Telehouse. Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen wachse diese schon seit Jahren, meist um mehr als zehn Prozent im Jahr. „Die Branche bietet immer mehr und vor allem sichere Arbeitsplätze.“ Andererseits habe das schon zu einem Fachkräftemangel in der Region geführt.

Doch die Datacenter schaffen nicht nur Jobs. „Die Bedeutung der Rechenzentren für Frankfurt ist in Zahlen gar nicht quantifizierbar“, sagt Waldhauser. Was die Zentren an Gewerbesteuern zahlen, legen sie nicht offen – Steuergeheimnis. Doch wer das Wachstum von etwa zehn Prozent im Jahr den steigenden Gewerbesteuerzahlungen der Gruppe „Sonstige“ gegenüberstellt, kommt zum Schluss: Die Datacenter tun der Wirtschaft gut. Zuletzt nahm die Stadt 1,8 Milliarden Euro Gewerbesteuer im Jahr ein. Vor fünf Jahren zahlten die „Sonstigen“, zu denen auch Rechenzentren gehören, ein Viertel dieser Steuern. Inzwischen sind es 37 Prozent, ihr Anteil ist also um zwölf Prozentpunkte gestiegen. „Ganz davon abgesehen ist die Branche mittlerweile größter Kunde der Mainova, noch vor dem Frankfurter Flughafen“, sagt Waldhauser. Betrachte man alle Faktoren, wie Körperschaftsteuer, Einkommensteuer sowie Kaufkraft der Zentren und ihrer Mitarbeiter, so komme man auf eine Zahl jenseits der 100 Millionen Euro.

Donald Badoux von Equinix Germany zeigt, wie es der Datacenter-Branche geht.
Foto: Rainer Wohlfahrt

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 06.03.2018 21:10 Uhr