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Frankfurts Kinogeschichte : Auf den Spuren der Lichtspiele

Kinosterben: 1957 wurde das MGM Frankfurt mit „Die oberen Zehntausend“ eröffnet. Genau 50 Jahre später blieben von den 900 Sesseln des „Royal“ in der Schäfergasse nur ein Müllhaufen. Bild: Henning Bode

Wo heute das Rotlicht regiert und Einkaufszentren die prachtvollen Säle von einst nicht einmal erahnen lassen, verbirgt sich die reiche Frankfurter Kinogeschichte.

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          Heute wäre „Die Liebe des gnädigen Fräuleins“ wohl nicht mehr zu haben im Frankfurter Bahnhofsviertel. Seinerzeit, als in August Haslwanters „Kinematographen-Theater“ an der Kaiserstraße derlei „spannende Sensationsdramen aus dem modernen Leben“ zu sehen waren, dachte in den funkelnagelneuen Prachtbauten noch niemand an Rotlichtviertel. Allenfalls ein wenig erotisch-exotisches Prickeln gab es.

          Eva-Maria Magel
          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Erst recht, als wenig später das geneigte Publikum in Asta Nielsens „Abgründe“ strömte, weil ruchbar geworden war, dass es ebensolche auch auf der Leinwand zu bestaunen gäbe. Den lasziven Tanz der Nielsen um ihren gefesselten Partner herum allerdings haben die Frankfurter nie zu Gesicht bekommen: 1911 schritt die Polizei ein, die anstößigen Filmmeter mussten herausgeschnitten werden.

          Filmmuseum bietet Ausflüge an

          Auf Christian Setzepfandts Tablet hingegen kann man die fehlenden Sekunden nun ansehen, zwischen Bahnhofsplatz und Kaiserstraße, wo er seinen Rundgang beginnt. An der Hohenzollernstraße stand 1911 das erste Kino, das als solches gebaut worden ist, das „Hohenzollern-Theater“, wo „Abgründe“ seinerzeit im „Allein-Aufführungsrecht“ gezeigt wurde, wie stolz plakatiert war. „Exli“ oder vielmehr „Excelsior-Lichtspiele“ hieß der Nachfolger, eingebaut in ein Hotel. Kuriose Abkürzungen, so lernt man auf den Spuren der Frankfurter Kinos, sind genauso üblich gewesen wie Säle, die in bestehende Gebäude eingesetzt wurden. Nicht selten stößt man, vor allem in den Frankfurter Stadtvierteln, auf einstige Lichtspiele, erahnt hier einen alten Schaukasten, sieht dort, oft bei Umbauten, einen Schriftzug an der Fassade freigelegt.

          Skandal: „Das Mädchen Rosemarie“ nach der Geschichte der Nitribitt hatte 1958 in Frankfurt Premiere.
          Skandal: „Das Mädchen Rosemarie“ nach der Geschichte der Nitribitt hatte 1958 in Frankfurt Premiere. : Bild: Haus der Geschichte

          Gezielte Ausflüge in die Frankfurter Kinogeschichte bietet jetzt das Deutsche Filmmuseum: Ihr hat es anlässlich der Ausstellung „Filmtheater“ mit einem Bilderbogen in deren Vorraum ein Denkmal gesetzt. Den gibt es jetzt auch auf DVD zu kaufen. Viel unterhaltsamer aber ist es, mit Christian Setzepfandt, dem wohl beliebtesten Führer der Stadt, eine Tour durch das Bahnhofsviertel bis zur Hauptwache zu unternehmen. Der Kinofan bietet sie derzeit in Kooperation mit dem Museum an.

          Setzepfandt erinnert an die Vorläufer der Kinobilder, die Panoramen und Panoptikum-Variétés, an Leopold Sonnemann, der dort, wo heute der Willy-Brandt-Platz liegt, 1891 eine Internationale Elektrotechnische Ausstellung organisiert hatte. Damals wurde aus der Brache vor dem neuen „Centralbahnhof“ das modernste Viertel der Stadt - und wohl deshalb auch das mit den meisten Lichtspielen.

          Das frühe Sterben

          Überhaupt war Frankfurt durchaus eine Kinostadt: 1906 gab es zwei Kinos, 1931 waren es schon 58, und nach dem Nullpunkt 1945 im Spitzenjahr 1959 gar 85 Kinos, in die das Publikum strömte. „Der Film ist zur Lebensgewohnheit geworden, eine Tatsache, die unseren Vätern nahezu fremd war“, hieß es am 27. Februar 1950 in dieser Zeitung, als drei neue Großkinos angekündigt wurden - unter anderem das „Europa“ an der Hauptwache, das als „E-Kinos“ bis heute in Familienbesitz existiert. Die marmornen Paläste für mehrere tausend Besucher kann man sich im heutigen Frankfurt kaum mehr vorstellen, Wasserspiele gab es, Bars, Live-Musik - auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg. Legendär ist das „Künstlerzimmer“ des „Europa“ mit seiner Autogrammtapete, die von den Stars anlässlich der Frankfurter Premieren signiert wurde. Im „Europa“ posierte Nadja Tiller, unweit der Kaiserstraße, wo „Das Mädchen Rosemarie“ 1958, nur ein halbes Jahr nach der Ermordung Rosemarie Nitribitts, gedreht wurde.

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