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Regionale Start-up-Studie : Gründer wählen grün und klagen über Bürokratie

Kein Holzweg: Im Tech Quartier in Frankfurt treffen sich seit einem Jahr Start-ups und knüpfen Kontakte. Bild: Cornelia Sick

Die Rhein-Main-Region sieht sich gern als Start-up-Zentrum. Woran das jedoch scheitert, zeigt eine neue PWC-Studie für Frankfurt – und auch, welche Parteien sie wählen.

          3 Min.

          Der Raum Frankfurt mag ja vieles sein: Verkehrsknoten, Bankenzentrum, Pendlerhauptstadt, Apotheke der Welt. Was er aber nicht ist: eine Start-up-Metropole. Vor wenigen Tagen erst hatte die Beratungsgesellschaft EY (Ernst&Young) vorgerechnet, dass Start-ups in Deutschland 2019 zwar mehr als sechs Milliarden Euro erhalten hatten. Der Großteil aber floss nach Berlin und Bayern. Hessen bekam 73 Millionen ab, weniger als Sachsen. Nur vier Prozent der deutschen Jungunternehmen hätten ihren Sitz in Hessen, ist dem Start-up-Monitor des Beratungskonzerns PriceWaterhouseCoopers (PWC) zu entnehmen. Demnach gibt es fünf „Gründungs-Hotspots“: Berlin, Hamburg, München, Stuttgart/Karlsruhe und die Region Rhein-Ruhr. Rhein-Main ist nicht dabei.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Woran das liegt, hat PWC nun mit einer neuen Regionalauswertung des Start-up-Monitors für den Raum Frankfurt herauszufinden versucht, die es in dieser Form zum ersten Mal gibt. Da von den 2000 Firmen aus der Bundesstudie nur 55 aus der Rhein-Main–Region kommen, sind die Ergebnisse nicht repräsentativ. Ihre Antworten geben aber einige Hinweise darauf, woran es mangelt.

          Klagen über Mietpreise und Büromangel

          Grundsätzlich, entnimmt der Frankfurter PWC-Standortleiter Michael Burkhart den Zahlen, sei die Mehrheit der Gründer mit dem Standort Frankfurt zufrieden. Sie profitierten von der Nähe zu Unternehmenskunden und auch zu Universitäten, mit denen sie kooperieren könnten. Zudem ermögliche ihnen die gute Verkehrsanbindung internationale Geschäftskontakte, und die Frankfurter Gründer seien stärker als andere sehr international mit ihren Geschäftsmodellen ausgerichtet, heißt es in der Studie.

          „Zum wiederholten Mal aber werden Wohnraum und Büros als zu teuer bewertet“, sagt Burkhart. Mehr als die Hälfte der Befragten habe die Verfügbarkeit von Immobilien als schlecht oder sehr schlecht bezeichnet. Auch der Boom der Co-Working-Büros habe wenig an dem Flächenmangel ändern können. Die Leerstandsquote etwa auf dem Büromarkt beträgt nur noch 5,5 Prozent. Die Mieten sind mit knapp 15 Euro pro Quadratmeter die zweitteuersten bundesweit. „Das könnte im Hinblick auf die Suche nach qualifiziertem Personal zum Problem werden.“ Tatsächlich scheiterten daran viele Wachstumspläne. „Wachstum hat viel mit der Verfügbarkeit von Personal zu tun.“

          Gerade im Bundesvergleich täten sich Start-ups in Rhein-Main schwerer, an Fachkräfte zu kommen. Ein Grund, aus Sicht von PWC: Da die Frankfurter sich international orientierten, fiele es ihnen schwerer, Marktexperten aus Asien oder Amerika nach Deutschland zu holen. „Ich höre immer wieder, dass Fachkräfte aus Indien oder Mexiko massive Probleme haben, eine schnelle Arbeitserlaubnis zu bekommen“, sagt Burkhart. Hier müsse die Politik handeln, etwa durch erleichterte Migrationsregeln.

          Kabel verlegen dauert Monate

          Ein weiterer Kritikpunkt der Frankfurter Gründer: Es gebe zu viel Bürokratie beim Aufbau eines Unternehmens. 76 Prozent der Befragten benannten dies als Problem, das die Politik dringend lösen müsse – mehr als Finanzierung, Breitbandinternet und Personalmangel. Burkhart kennt ein Beispiel. Ein ihm bekanntes Finanz-Start-up sei extra nach Frankfurt gekommen, um sich in der Nähe des Internetknotens anzusiedeln. „Doch allein die Erlaubnis für die Verlegung eines Kabels dauert Monate.“ Das sei ein echter Standortnachteil.

          Natürlich wird auch der immer wieder spürbare Mangel an Finanzierungsmöglichkeiten in der Umfrage von PWC von den Gründern angesprochen. Die Befragten haben aber auch Ideen, wie er sich lösen ließe: Mehr als ein Viertel von ihnen plädiert für einen großen nationalen Digitalfonds, in den etwa Versicherungen und Pensionsfonds investieren können und der Wagniskapital an Gründer vergibt. Auch sollte es Privatanlegern erleichtert werden, sich an Start-ups zu beteiligen. Wegen des Anlegerschutzes sind die Hürden dafür recht hoch.

          Frankfurter Start-ups setzen auf Nachhaltigkeit

          Bemerkenswert ist aber auch, in welchen Branchen sich zumindest die befragten Gründer bewegen. „Für mich ist es bemerkenswert, dass Frankfurter Start-ups überdurchschnittlich häufig auf Nachhaltigkeit und gesellschaftlich relevante Themen setzen“, sagt der PWC-Standortleiter. Sie würden sich vor allem in den Segmenten Materialeffizienz, Emissionsvermeidung und Energieeffizienz engagieren – Start-ups der Region wollen also mehr sein als nur Verkaufsplattformen oder Alternativen zur Bankberatung.

          Dass Gründer nicht immer dem Klischee entsprechen, zeigt auch der Blick auf ihre politischen Präferenzen: 41 Prozent der Frankfurter würden nicht etwa die Liberalen, sondern die Grünen wählen. In der Umfrage stimmte nur jeweils jeder Vierte für die FDP und CDU. SPD, Linke und AfD haben unter diesen Gründern so gut wie keine Anhänger.

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