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Frankfurt wächst : Als zöge ganz Offenbach nach Frankfurt

Frankfurt wächst: Allerdings brauchen Neubürger nicht nur Wohnungen, sondern auch eine funktionierende Infrastruktur, also Kitas, Schulen oder Verkehrswege. Bild: Frank Röth

In Frankfurt sollen bis 2040 830.000 Menschen wohnen. Das sorgt dafür, dass die Stadt jung bleibt. Auch wenn Frankfurt fleißig baut, laut den Prognosen fehlen 2030 Wohnungen für Zehntausende.

          In 25 Jahren sollen 121.230 Frankfurter mehr in der Stadt leben als Ende 2014 – das ist in etwa so, als würden alle Offenbacher ihre Sachen packen und gemeinsam in die Nachbarstadt ziehen. Bis 2040 wächst die Stadtbevölkerung voraussichtlich auf 830.000 Einwohner. Schon in zwölf Jahren, 2027, wird demnach die Marke von 800.000 Einwohnern erreicht. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Bevölkerungsvorausberechnung des Amts für Statistik und Wahlen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Mitarbeiter haben die Geburten und Sterbefälle sowie die Zu- und Wegzüge der vergangenen zehn Jahre analysiert und hochgerechnet. Der lange Bezugszeitraum wurde bewusst gewählt, um die Bevölkerungsdynamik im Modell etwas abzudämpfen. Denn die Demographen rechnen nicht damit, dass die Bevölkerung weiter so rasant steigt wie in den vergangenen drei Jahren. Zuletzt wuchs sie um jährlich 15.000 Einwohner – das sind 42 Neu-Frankfurter am Tag und 1300 im Monat.

          „Es wurde gebaut wie verrückt“

          Man käme zu noch deutlich höheren Einwohnerzahlen, wenn man annähme, dass die Entwicklung bis zum Ende des Berechnungszeitraums so weiterginge. Doch das halten Wolfhard Dobroschke und Patrick Gebhardt, die Verfasser der Studie, für wenig wahrscheinlich. „Es ist nicht anzunehmen, dass wir die nächsten 25 Jahre so weiter wachsen wie in den vergangenen drei bis vier“, sagt Dobroschke, der auch von „konservativen Annahmen“ spricht. Er geht davon aus, dass die Geschwindigkeit des Wachstums langsam abnimmt.

          Die aktuelle Vorausberechnung ersetzt die bisherige aus dem Jahr 2009, die sich als zu vorsichtig erwiesen hat. Damals hatten die Statistiker noch prognostiziert, dass die Bevölkerung bis 2020 auf rund 725.000 ansteigen und dann leicht abnehmen werde. Allerdings hatten sie nicht damit gerechnet, dass der Wohnungsbau derart stark zunehmen wird. „In den letzten zehn Jahren wurde gebaut wie verrückt“, sagt Dobroschke.

          Die ausgeprägte Bautätigkeit floss in die neue Berechnung mit ein. Unter anderem haben die beiden Verfasser auch das Wohnbauland-Entwicklungsprogramm des Planungsdezernats berücksichtigt. Demnach können bis 2030 noch Wohnungen für 70.000 Frankfurter entstehen. Diese Menge genügt allerdings nicht, um alle Neu-Frankfurter unterzubringen. Die Demographen rechnen für 2030 schon mit rund 810.000 Einwohnern, also knapp 100.000 mehr als heute.

          „Das zweite Echo der Baby-Boomer“

          Im Planungsdezernat sorgen diese Zahlen nicht für Aufregung. „Die Entwicklung orientiert sich an dem, was wir für machbar halten“, sagt der Sprecher. Die Ausweisung von Wohnbauland bleibe eines der wichtigsten Betätigungsfelder. „Wir dürfen uns nicht ausruhen, und das tun wir auch nicht.“ Er sieht die Stadt insgesamt vor großen Herausforderungen. Denn die Neubürger benötigen nicht nur Wohnraum, sondern auch eine funktionierende Infrastruktur, also Kitas, Schulen, Verkehrswege und Freizeiteinrichtungen. Allerdings sieht der Sprecher auch Grenzen des Wachstums. Auf die Frage, wie schnell und wie weit die Stadt noch wachsen kann, soll das integrierte Stadtentwicklungskonzept eine Antwort geben, das derzeit vorbereitet wird.

          Die Verfasser der Bevölkerungsvorausberechnung erwarten, dass der Zuzug in die Ballungsgebiete noch länger anhalten wird. Dobroschke beschreibt das Phänomen als „das zweite Echo der Baby-Boomer“: Die Kinder der geburtenstarken Nachkriegsgeneration bekommen selbst wieder Kinder. Außerdem seien sie in einem Alter, in dem viele in den Beruf einträten und daher in die Städte zögen. „Das trägt die Wachstumswelle.“ Mit dem Ende dieser Phase werde das Wachstum abflauen – möglicherweise schon in fünf bis sieben Jahren.

          Frankfurt bleibt jung

          Dank des Zustroms junger Altersgruppen altert die Frankfurter Bevölkerung nur langsam. Die Altersstruktur wird sich bis 2040 nur wenig verändern, das Durchschnittsalter steigt geringfügig von 41,09 auf 41,86 Jahre. Zwar wächst die Zahl der Fünfundsiebzigjährigen und Älteren bis 2040 um 34 Prozent – ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung steigt allerdings nur um 1,1 Prozentpunkte auf 8,8 Prozent.

          Wie sicher ist diese Prognose? Wie groß ist die Gefahr, dass für ein Wachstum geplant wird, das am Ende doch nicht eintritt? Dobroschke verweist darauf, dass die Berechnung auf Parametern der Vergangenheit beruht: „Wir haben keine Glaskugel. Aber wenn die Parameter so bleiben, wird sich die Bevölkerung genau so entwickeln.“

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