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Frankfurter Zoo : Marthas Schicksal soll sich nicht wiederholen

Ein seltener Anblick: Die Socorrotaube soll wieder ausgewildert werden. Nur knapp 170 Tiere leben in Zoos weltweit. Bild: mauritius images

Nur noch knapp 170 Socorrotauben leben in Zoos überall auf der Welt. Doch es gibt Hoffnung für die seltenen Tiere: Der Frankfurter Zoo hilft bei der Erhaltung der Art.

          Er spricht von einer „Herzensangelegenheit“, und man glaubt es ihm sofort: Seit 1995 koordiniert der Biologe Stefan Stadler im Frankfurter Zoo das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für die Socorrotaube, eine von 369 Taubenarten weltweit. In ihrer mexikanischen Heimat ist sie längst ausgestorben, sie wird von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) als „Extinct in the wild“ geführt. Im Serengeti-Saal des Frankfurter Zoos stellte der Kurator für Vögel und Huftiere jetzt sein Herzensprojekt vor und erklärte, warum 40 Zoos in Europa, den Vereinigten Staaten und Mexiko schon mehr als vier Millionen Euro ausgegeben haben, um diesen kleinen rostbraunen Vogel mit den langen Beinen zu retten. Was Biologen am 1. September 1914 im Zoo von Cincinnati erlebten, solle sich nicht wiederholen: Damals starb Martha, die letzte Wandertaube.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Socorrotaube war auf der gleichnamigen Insel heimisch. In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts entdeckte der gestrandete amerikanische Naturforscher und -maler Lawrence Jackson Grayson dort eine „Solitary Dove“. Socorro war nicht besiedelt, weil es bis auf zwei Quellen in der Gezeitenzone kein Trinkwasser gab. Erst 1957 bauten mexikanische Soldaten hier eine Marinestation und brachten ihre Familien samt Haustieren mit. Die Tauben, die in ihrer Evolution nur Überlebensstrategien gegen Luftfeinde wie den Rotschwanzbussard entwickeln mussten, waren den verwildernden Hauskatzen hilflos ausgeliefert. Zudem wurden die Vögel von den Soldaten gejagt. Innerhalb von 25 Jahren starben die Tauben aus.

          Naturschutz als Herzstück des Zoos

          Schon 1863 habe der damalige Frankfurter Zoodirektor David Friedrich Weinland den Naturschutz als Herzstück des Zoos beschrieben, führte Stadler aus. Mittlerweile koordiniert der Zoo sechs der weltweit mehr als 200 Erhaltungszuchtprogramme. Das sogenannte Zuchtbuch, über das Stadler wacht, ist heute ein ausgetüfteltes Computerprogramm namens „PMx“. Mit ihm wird die Bestandsentwicklung erfasst sowie Altersstruktur und Genetik der Socorrotauben analysiert und ausgewertet, um beim Austausch mit anderen Zoos Inzucht zu vermeiden. Insgesamt 46 Tauben sind in der 20 Quadratmeter großen Frankfurter Innenvolière geschlüpft, die bepflanzt ist, um das Weibchen zu schützen, wenn der paarungsbereite Tauber aggressiv wird.

          Schon 1925 waren 17 Socorrotauben nach Kalifornien und vier nach England ausgeführt worden. 1991 begannen die Zoos in Frankfurt und Köln ein Zuchtprogramm, für das aber nur europäische Socorrotauben in Frage kamen, weil sich die amerikanischen mit der dortigen Trauertaube gepaart hatten und hybridisiert waren. 1994 wurde auf der Socorro-Insel ein Biosphärenreservat ausgewiesen, 2004 eine Zuchtstation aufgebaut. Dann kam der Rückschlag: Wegen der Vogelgrippe durften keine europäischen Zuchttauben nach Mexiko eingeführt werden. 2008 wurden zwölf EEP-Tauben als „Sicherheitspopulation“ in die Vereinigten Staaten gebracht. Ein Jahr später begann man, die Population verwilderter Hausschafe auf Socorro zu reduzieren. Denn neben der Taubenpopulation muss auch der natürliche Lebensraum wiederhergestellt werden.

          170 Tiere weltweit

          „Und die Katzen?“, wollten die Zuhörer von Stadler wissen. Vor einer „Reduktion“ der Katzenpopulation schreckt der Frankfurter Zoo zurück. „Das gefällt vielen Menschen nicht“, sagte Stadler sichtlich verlegen und verwies auf eine mexikanische Arbeitsgruppe, die sich um die Katzen kümmere. Seit 2011 beteiligt sich auch der mexikanische Zoo Africam Safari im Bundesstaat Puebla an dem Zuchtprogramm. Seit 2013 gibt es wieder Socorrotauben in Mexiko, im Jahr darauf ist dort die erste Taube geschlüpft. 2016 wurden 22 EEP-Zuchttauben aus den Vereinigten Staaten nach Mexiko umgesiedelt.

          Im Oktober vorigen Jahres erklärte der mexikanische Präsident den Archipel zum künftigen Nationalpark. Zudem wurde das Projekt Socorrotaube in das offizielle mexikanische „Aktionsprogramm für den Artenschutz“ aufgenommen.

          Mittlerweile leben 30 Socorrotauben im Zoo von Puebla, weltweit schätzt Stadler den Bestand auf bis zu 170 Tiere. Nun steht die Auswilderung an. Doch der Kurator will sich zeitlich nicht festlegen. Vielleicht sei es in zwei Jahren so weit. Vielleicht erst später. Dann könnte die Rettung dieser repräsentativen „Flaggschiff-Art“ auch anderen Organismen im selben Ökosystem dienen.

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