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Frankfurter Weltkulturen-Museum : Hängematten und Geschlechtsteile

  • -Aktualisiert am

Schaupuppen: Vier Kubai-Figuren, Installation von Peggy Buth Bild: Wolfgang Günzel

„Ware & Wissen“ ist der Titel der neuen Dauerausstellung im Frankfurter Weltkulturen-Museum. Es geht vor allem um die Gegenstände der Sammlung als Objekte des Handels.

          5 Min.

          Der Ordnung der Dinge dienen im Abendland vornehmlich die Archive und Museen, und es ist schon erstaunlich zu sehen, wie systematisch, aber auch erfindungsreich sie dabei seit jeher vorgegangen sind. Im Frankfurter Weltkulturen-Museum können sich die Besucher von heute an davon ein exemplarisches Bild machen: Die Ausstellung „Ware & Wissen“, bei der wir das sonst oft sinnfrei verwendete Kaufmanns-Und ausnahmsweise einmal gelten lassen wollen, weil es tatsächlich mit dem Thema zu tun hat, führt unter anderem auch vor Augen, wie der museale Zugriff der Fülle der aus vielerlei Quellen stammenden Objekte Herr zu werden versucht. Minutiös ausgefüllte Karteikarten und akkurat geführte Listen, ausgeklügelte Lagerungssysteme und raffinierte Archivierungsmethoden verwalten und verwahren Artefakte sowie das mit ihnen verbundene Wissen.

          Mit Einzelbeispielen gaben sich die Ethnologen und Expeditionsteilnehmer einst nicht zufrieden, sie waren Großabnehmer von Masken, Figuren, Alltagsgegenständen aller Art. Und haben alles fein säuerlich katalogisiert und inventarisiert, um es einem Publikum fernab der Herstellungsregionen verfügbar zu machen. Mit dem Handelsaspekt der Objekte, die sich nunmehr in der Obhut des Museums befinden, befasst sich die neue Schau in der Villa Schaumainkai 29 vor allem. Aber auch mit etlichen anderen Fragen, die sich stellen, wenn es um Geschichte und Gegenwart eines völkerkundlichen Ausstellungshauses geht. Wie gewohnt ist die Präsentation aus der Forschungsarbeit der dort tätigen Kuratoren und einer Reihe von Gastkünstlern hervorgegangen. Wissenschaftliche und künstlerische Forschungsansätze überlagern sich, es geht um Ethik und Ästhetik, Metaphorik und Theorie.

          Fragen über Fragen

          Mit „Ware & Wissen (or the stories you wouldn’t tell a stranger), wie die fast ein Jahr lang laufende Ausstellung vollständig heißt, wird die Idee, die Museumsleiterin Clémentine Deliss mit der seit Jahrzehnten vergeblich auf einen Erweiterungsbau wartenden Institution verfolgt, so sichtbar wie noch nie zuvor. Indem sie nicht nur Fachleute in die Depots schickt, sondern auch Künstler, die einen je eigenen Blick auf die Sammlung haben und mit Werken daraus eigene Arbeiten entwickeln, holt sie die Objekte in die Gegenwart. Und sammelt Fragen über Fragen, die sie aufwerfen. Dieses Mal stehen die Grundfesten einer musealen Beschäftigung mit fremden Kulturen zur Debatte. Und geraten gehörig ins Wanken. Die Natur der Beziehungen zwischen den Menschen in anderen Erdteilen und den europäischen Forschern wird erörtert, im Raum steht die Frage nach der Legitimität einer Sammlung ethnologischer Objekte in postkolonialen Zeiten.

          Wieder haben die Künstler und Kuratoren in den Depots und Archiven des Hauses gekramt und mancherlei zutage gefördert, was lange im Verborgenen gelegen hatte. Darunter etliche Überraschungen, auch böse und zutiefst verstörende. So die penibel beschrifteten Fotografien von Bernhard Hagen, Anthropologe, Tropenarzt, Forschungsreisender und von 1904 an erster Direktor des Frankfurter Völkerkundemuseums. Seine seriellen Aufnahmen von männlichen Geschlechtsteilen, vor allem in Sumatra abgelichtet, sind noch befremdlicher als seine „anthropometrischen Datenblätter“ mit Menschen in Vorder-, Rücken- und Seitenansicht, die er sorgfältig vermessen hat. „Da bei vielen, namentlich jüngeren Individuen während des Messactes spontane Erectionen auftraten, kam ich öfters in die Lage, das Glied in diesem Stadium messen zu können. Dies bringt meines Wissens zum erstenmal eine größere Reihe authentischer Zahlen.“

          Diese Äußerung Hagens ist neben zahlreichen anderen als Wandtext im Gründerzeitambiente am Museumsufer zu lesen. Welche Lüste und Absichten den Mann getrieben haben mögen, darüber lässt sich gewiss nur spekulieren. Auch neckische Bilder von einem schwarzen und einem weißen Knaben gehören zum Repertoire der Hagenschen Fotowelt, mit dem vordergründigen Zweck wohl, einen Vergleich anzustellen, hier das Naturkind, dort das zivilisierte Wesen. Allerdings hätte schon damals auffallen müssen, dass die Jungen in ihrer Nacktheit ähnlicher nicht sein können.

          Man kommt nicht umhin, in den Körpervermessungen und Leibesbegutachtungen des späteren Museumsleiters die Intentionen jener Rassentheorien zu sehen, die dann im Dritten Reich zur pseudowissenschaftlichen Fundierung der nationalsozialistischen Ausgrenzungspolitik wurde. An Hagens Ansicht, die „Naturvölker“ seien den Europäern weit unterlegen, hat offenbar auch sein 17 Jahre währender Aufenthalt in Indonesien nichts geändert. Davon zeugt die Rede, die er zur Eröffnung des Museums hielt. Dem in der damaligen Jugendliteratur weitverbreiteten Klischee vom blutrünstigen Wilden trat er immerhin mit dem Hinweis entgegen, der „Primitive“ sei im Wesentlichen damit beschäftigt, nützliche und schöne Gegenstände zu schaffen, wovon man sich im neuen Museum überzeugen könne. Schließlich aber sah er die Bewohner ferner Gegenden einschließlich der Untertanen des Kaisers in den deutschen Kolonialgebieten als künftige Konsumenten und das Völkerkundemuseum als idealen Ort für Kaufleute, um sich auf neue Absatzmärkte vorzubereiten. Das Museum als Institut zur Beförderung des Handels: Dies war in den Augen seines ersten Direktors die vordringliche Aufgabe einer solchen Einrichtung.

          Nicht minder frappierend wie Hagens Fotografien sind die vier Schaupuppen, wie sie offensichtlich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in den ethnologischen Museen üblich waren. Neben der „Kubai“-Figur aus dem Frankfurter Weltkulturen-Museum sind tiefschwarze Krieger zu sehen, die sich nach einigen Recherchen in Freiburg, Sankt Gallen und Burgdorf finden ließen. Sie erzeugten einst einen Jahrmarktseffekt und bedienten alle Klischees vom edlen Wilden, die sich die vermeintlich überlegene Kultur zurechtgelegt hatte. Auch hier gilt das Prinzip des Seriellen. Individuelle Unterschiede spielen keine große Rolle.

          Viele Objekte in dieser Ausstellung werden in Serie gezeigt. Wie Waren eben, wie Reproduktionen des Immergleichen. Zusammengeknüllte Hängematten der Yanomami aus Venezuela, Essschalen für Sugo aus der Sepik-Region, Webrollenhalter von der Elfenbeinküste. Was davon eigens für die Weißen produziert wurde, nachdem diese ihr Interesse für die einheimischen Dinge geäußert hatten, lässt sich kaum noch nachvollziehen.

          Axtgeld zu sehen

          Diese Schau bietet eine große Menge an Material. Und Gedanken. So fragt sie etwa nach dem Wert der Dinge. In kultischen Zusammenhängen lässt er sich nicht in einer Währung ausdrücken. Da wäre zum Beispiel diese Zauberfigur, die ein Schamane einem Sammler unter der Bedingung überlassen hat, sie niemals öffentlich zu zeigen. Das Objekt der brasilianischen Kamayurá-Indianer, dessen Besitz den Häuptling auch zum größten Schamanen werden lässt, liegt unter einer weißen Decke in einer Vitrine. Die Umrisse sind nur zu erahnen. Zum Thema gehört natürlich auch das Geld: Axtgeld etwa ist zu sehen, sehr merkwürdig. Die mexikanische Künstlerin Minerva Cuevas weist aber auch auf den Potlatsch als Gegenmodell zur kapitalistischen Wirtschaftsweise hin: Der Brauch mancher nordamerikanischer Stämme, wertvolle Gegenstände zu verschenken oder gar rituell zu vernichten, war in Kanada lange Zeit verboten. Weil die neuen Herren ein Denken nicht duldeten, das im Widerspruch zu ihrer Wirtschaftsordnung stand, meint die Künstlerin.

          Es bildet auch einen gewissen Gegensatz zur Idee des Museums, das im Bewahren eine seiner zentralen Aufgaben hat. Wie es dabei vorgeht, lässt sich etwa an dem Teil des Lagerungssystems erkennen, das afrikanische Waffen hütet. Äste, Schwerter, Dolche, Messer, Pfeile mitsamt Köchern. Und dass das schlichte Verwahren der Sachen angesichts des Verfalls aller Dinge zum Problem werden kann, offenbaren schon die Aufschriften auf den Holz-Glas-Konstruktionen mit australischen Rindenmalereien. „Vorsicht, brüchig!“, steht da. Oder: „Achtung, Risse!“ Die Ordnung der Dinge ist und bleibt ein schwieriges Unterfangen.

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