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Frankfurter Weltkulturen-Museum : Hängematten und Geschlechtsteile

Schaupuppen: Vier Kubai-Figuren, Installation von Peggy Buth Bild: Wolfgang Günzel

„Ware & Wissen“ ist der Titel der neuen Dauerausstellung im Frankfurter Weltkulturen-Museum. Es geht vor allem um die Gegenstände der Sammlung als Objekte des Handels.

          5 Min.

          Der Ordnung der Dinge dienen im Abendland vornehmlich die Archive und Museen, und es ist schon erstaunlich zu sehen, wie systematisch, aber auch erfindungsreich sie dabei seit jeher vorgegangen sind. Im Frankfurter Weltkulturen-Museum können sich die Besucher von heute an davon ein exemplarisches Bild machen: Die Ausstellung „Ware & Wissen“, bei der wir das sonst oft sinnfrei verwendete Kaufmanns-Und ausnahmsweise einmal gelten lassen wollen, weil es tatsächlich mit dem Thema zu tun hat, führt unter anderem auch vor Augen, wie der museale Zugriff der Fülle der aus vielerlei Quellen stammenden Objekte Herr zu werden versucht. Minutiös ausgefüllte Karteikarten und akkurat geführte Listen, ausgeklügelte Lagerungssysteme und raffinierte Archivierungsmethoden verwalten und verwahren Artefakte sowie das mit ihnen verbundene Wissen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit Einzelbeispielen gaben sich die Ethnologen und Expeditionsteilnehmer einst nicht zufrieden, sie waren Großabnehmer von Masken, Figuren, Alltagsgegenständen aller Art. Und haben alles fein säuerlich katalogisiert und inventarisiert, um es einem Publikum fernab der Herstellungsregionen verfügbar zu machen. Mit dem Handelsaspekt der Objekte, die sich nunmehr in der Obhut des Museums befinden, befasst sich die neue Schau in der Villa Schaumainkai 29 vor allem. Aber auch mit etlichen anderen Fragen, die sich stellen, wenn es um Geschichte und Gegenwart eines völkerkundlichen Ausstellungshauses geht. Wie gewohnt ist die Präsentation aus der Forschungsarbeit der dort tätigen Kuratoren und einer Reihe von Gastkünstlern hervorgegangen. Wissenschaftliche und künstlerische Forschungsansätze überlagern sich, es geht um Ethik und Ästhetik, Metaphorik und Theorie.

          Fragen über Fragen

          Mit „Ware & Wissen (or the stories you wouldn’t tell a stranger), wie die fast ein Jahr lang laufende Ausstellung vollständig heißt, wird die Idee, die Museumsleiterin Clémentine Deliss mit der seit Jahrzehnten vergeblich auf einen Erweiterungsbau wartenden Institution verfolgt, so sichtbar wie noch nie zuvor. Indem sie nicht nur Fachleute in die Depots schickt, sondern auch Künstler, die einen je eigenen Blick auf die Sammlung haben und mit Werken daraus eigene Arbeiten entwickeln, holt sie die Objekte in die Gegenwart. Und sammelt Fragen über Fragen, die sie aufwerfen. Dieses Mal stehen die Grundfesten einer musealen Beschäftigung mit fremden Kulturen zur Debatte. Und geraten gehörig ins Wanken. Die Natur der Beziehungen zwischen den Menschen in anderen Erdteilen und den europäischen Forschern wird erörtert, im Raum steht die Frage nach der Legitimität einer Sammlung ethnologischer Objekte in postkolonialen Zeiten.

          Wieder haben die Künstler und Kuratoren in den Depots und Archiven des Hauses gekramt und mancherlei zutage gefördert, was lange im Verborgenen gelegen hatte. Darunter etliche Überraschungen, auch böse und zutiefst verstörende. So die penibel beschrifteten Fotografien von Bernhard Hagen, Anthropologe, Tropenarzt, Forschungsreisender und von 1904 an erster Direktor des Frankfurter Völkerkundemuseums. Seine seriellen Aufnahmen von männlichen Geschlechtsteilen, vor allem in Sumatra abgelichtet, sind noch befremdlicher als seine „anthropometrischen Datenblätter“ mit Menschen in Vorder-, Rücken- und Seitenansicht, die er sorgfältig vermessen hat. „Da bei vielen, namentlich jüngeren Individuen während des Messactes spontane Erectionen auftraten, kam ich öfters in die Lage, das Glied in diesem Stadium messen zu können. Dies bringt meines Wissens zum erstenmal eine größere Reihe authentischer Zahlen.“

          Diese Äußerung Hagens ist neben zahlreichen anderen als Wandtext im Gründerzeitambiente am Museumsufer zu lesen. Welche Lüste und Absichten den Mann getrieben haben mögen, darüber lässt sich gewiss nur spekulieren. Auch neckische Bilder von einem schwarzen und einem weißen Knaben gehören zum Repertoire der Hagenschen Fotowelt, mit dem vordergründigen Zweck wohl, einen Vergleich anzustellen, hier das Naturkind, dort das zivilisierte Wesen. Allerdings hätte schon damals auffallen müssen, dass die Jungen in ihrer Nacktheit ähnlicher nicht sein können.

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