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Frankfurter Weltkulturen-Museum : Hängematten und Geschlechtsteile

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Man kommt nicht umhin, in den Körpervermessungen und Leibesbegutachtungen des späteren Museumsleiters die Intentionen jener Rassentheorien zu sehen, die dann im Dritten Reich zur pseudowissenschaftlichen Fundierung der nationalsozialistischen Ausgrenzungspolitik wurde. An Hagens Ansicht, die „Naturvölker“ seien den Europäern weit unterlegen, hat offenbar auch sein 17 Jahre währender Aufenthalt in Indonesien nichts geändert. Davon zeugt die Rede, die er zur Eröffnung des Museums hielt. Dem in der damaligen Jugendliteratur weitverbreiteten Klischee vom blutrünstigen Wilden trat er immerhin mit dem Hinweis entgegen, der „Primitive“ sei im Wesentlichen damit beschäftigt, nützliche und schöne Gegenstände zu schaffen, wovon man sich im neuen Museum überzeugen könne. Schließlich aber sah er die Bewohner ferner Gegenden einschließlich der Untertanen des Kaisers in den deutschen Kolonialgebieten als künftige Konsumenten und das Völkerkundemuseum als idealen Ort für Kaufleute, um sich auf neue Absatzmärkte vorzubereiten. Das Museum als Institut zur Beförderung des Handels: Dies war in den Augen seines ersten Direktors die vordringliche Aufgabe einer solchen Einrichtung.

Nicht minder frappierend wie Hagens Fotografien sind die vier Schaupuppen, wie sie offensichtlich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in den ethnologischen Museen üblich waren. Neben der „Kubai“-Figur aus dem Frankfurter Weltkulturen-Museum sind tiefschwarze Krieger zu sehen, die sich nach einigen Recherchen in Freiburg, Sankt Gallen und Burgdorf finden ließen. Sie erzeugten einst einen Jahrmarktseffekt und bedienten alle Klischees vom edlen Wilden, die sich die vermeintlich überlegene Kultur zurechtgelegt hatte. Auch hier gilt das Prinzip des Seriellen. Individuelle Unterschiede spielen keine große Rolle.

Viele Objekte in dieser Ausstellung werden in Serie gezeigt. Wie Waren eben, wie Reproduktionen des Immergleichen. Zusammengeknüllte Hängematten der Yanomami aus Venezuela, Essschalen für Sugo aus der Sepik-Region, Webrollenhalter von der Elfenbeinküste. Was davon eigens für die Weißen produziert wurde, nachdem diese ihr Interesse für die einheimischen Dinge geäußert hatten, lässt sich kaum noch nachvollziehen.

Axtgeld zu sehen

Diese Schau bietet eine große Menge an Material. Und Gedanken. So fragt sie etwa nach dem Wert der Dinge. In kultischen Zusammenhängen lässt er sich nicht in einer Währung ausdrücken. Da wäre zum Beispiel diese Zauberfigur, die ein Schamane einem Sammler unter der Bedingung überlassen hat, sie niemals öffentlich zu zeigen. Das Objekt der brasilianischen Kamayurá-Indianer, dessen Besitz den Häuptling auch zum größten Schamanen werden lässt, liegt unter einer weißen Decke in einer Vitrine. Die Umrisse sind nur zu erahnen. Zum Thema gehört natürlich auch das Geld: Axtgeld etwa ist zu sehen, sehr merkwürdig. Die mexikanische Künstlerin Minerva Cuevas weist aber auch auf den Potlatsch als Gegenmodell zur kapitalistischen Wirtschaftsweise hin: Der Brauch mancher nordamerikanischer Stämme, wertvolle Gegenstände zu verschenken oder gar rituell zu vernichten, war in Kanada lange Zeit verboten. Weil die neuen Herren ein Denken nicht duldeten, das im Widerspruch zu ihrer Wirtschaftsordnung stand, meint die Künstlerin.

Es bildet auch einen gewissen Gegensatz zur Idee des Museums, das im Bewahren eine seiner zentralen Aufgaben hat. Wie es dabei vorgeht, lässt sich etwa an dem Teil des Lagerungssystems erkennen, das afrikanische Waffen hütet. Äste, Schwerter, Dolche, Messer, Pfeile mitsamt Köchern. Und dass das schlichte Verwahren der Sachen angesichts des Verfalls aller Dinge zum Problem werden kann, offenbaren schon die Aufschriften auf den Holz-Glas-Konstruktionen mit australischen Rindenmalereien. „Vorsicht, brüchig!“, steht da. Oder: „Achtung, Risse!“ Die Ordnung der Dinge ist und bleibt ein schwieriges Unterfangen.

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