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Frankfurter Weihnachtsmarkt in Birmingham : „Frankfurt? Das steht ja auch auf den Tassen“

  • -Aktualisiert am

Ein Tick mehr Kitsch: So etwas wie die Birminghamer Weihnachtsmannbude aus Plastik würde der Frankfurter Veranstalter zuhause nicht zulassen. Bild: Franziska Bährle

Die Frankfurter Weihnachtsmärkte in Großbritannien laufen gut. Sie sind Botschafter - des ganzen Landes, weniger der Stadt. Denn wenn es deutsches Bier gibt, dann gibt es keine Alternative.

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          Das R fehlt, und deshalb sieht es jetzt so aus, als würde die Bude mit dem singenden Elch deutsche Tiere verkaufen. „Germanbee“ steht auf dem Schild, was frei übersetzt deutsche Biene heißt. Aber die Briten wissen eh, was gemeint ist: Germanbeer, deutsches Bier. Gary, Richard und David halten je ein Glas davon in ihren Händen, obwohl es spät ist und kalt und sie auch Glühwein kaufen könnten an der Bude. Gary, der 22 Jahre alt ist, bei Jaguar Autos zusammenschraubt und einen Pullover mit seinem Namen trägt, findet die Frage komisch, warum er denn nichts Warmes trinke. Wenn es deutsches Bier gibt, sagt er, dann gibt es keine Alternative. Auf der Bühne interpretiert jemand Roger Whittaker, und niemand hier findet das unpassend. Gary und seine Freunde wohnen in Birmingham, und seitdem sie trinken dürfen, kommen sie jedes Jahr auf den deutschen Weihnachtsmarkt, den die Tourismus- und Congress GmbH Frankfurt in ihrer Stadt organisiert. „We love it“, sagen sie, und das hört oft, wer auf dem zentralen Victoria Square in der britischen Millionenstadt die Frage stellt, wie es denn gefalle zwischen Würstchen und Lebkuchen.

          1997 hat die Tourismusgesellschaft den ersten deutschen Weihnachtsmarkt in Birmingham organisiert. Damals wurden zehn Buden aufgestellt, in diesem Jahr sind es hundert. Der Markt gilt als der größte außerhalb des deutschsprachigen Raums, jedes Jahr kommen mehr als drei Millionen Besucher. Auch in Leeds, Edinburgh und Manchester richtet die Frankfurter Gesellschaft Weihnachtsmärkte aus, auf denen alle Schilder zweisprachig sind, wo es Frankfurter Würstchen zu kaufen gibt, After-Eight-Kreppel und eine sehr große Auswahl Schaumküsse. Im Gegensatz zum defizitären Weihnachtsmarkt in Frankfurt macht die Tourismus- und Congress GmbH mit jedem ihrer vier Märkte in Großbritannien Gewinn. „Genug“, sagt Geschäftsführer Thomas Feda, wenn er nach genauen Zahlen gefragt wird, und grinst. Er redet viel vom Benefit, vom Nutzen, den die Stadt Frankfurt davon habe, dass ihre Tourismusgesellschaft ein Stück deutsche Weihnachtskultur nach England exportiert. „Die Einwohner in Birmingham bringen uns nicht nur mit Banken und Flughafen in Verbindung, sondern auch mit Tradition und Gemütlichkeit.“ 230000 Übernachtungen von britischen Gästen zählt die Stadt pro Jahr. Das ist Platz zwei hinter den Vereinigten Staaten, und vielleicht hat das ja wirklich etwas zu tun damit, dass in der Einkaufsstraße von Birmingham ein „Bratwurstturm“ steht und ein Gartenzwerg an den Füßen gefesselt kopfüber von der Decke einer Bude hängt.

          Alles schön dekoriert - und mit tieferem Sinn

          Die drei Frauen aus dem eine knappe Autostunde von Birmingham entfernten Burton-on-Trent zeigen auf ihre Glühweintassen. „Frankfurter Weihnachtsmarkt“ steht drauf, und das fällt ihnen jetzt erst auf, als der Name der Stadt im Gespräch fällt. Bisher haben sie den Weihnachtsmarkt vor allem als „very german“ wahrgenommen, typisch deutsch also. Zumindest will Siobhan, die von sich sagt, ein großer Weihnachtsfan zu sein, gerne daran glauben, dass es in Deutschland so ist wie auf diesem Weihnachtsmarkt: alles schön dekoriert und mit einem tieferen Sinn. „Für die Deutschen ist Weihnachten mehr als bloß Geschenke kaufen“, sagt sie und freut sich, als sie hört, dass zumindest deutsche Weihnachtsmärkte tatsächlich so sind wie der in Birmingham.

          Stefan Toennes fährt seit elf Jahren mit seiner Bude, an der es Kuscheltiere und Hexen zu kaufen gibt, nach Birmingham. Er wohnt in Limburg, wo er den Rest des Jahres ein Café betreibt, und ist der einzige hessische Budenbesitzer in Birmingham. Auch er redet vom Benefit, der ihm der Brauchtumsexport, wie er es nennt, einbringt. Er verdiene viel in den sechs Wochen Weihnachtsmarkt, wie viel genau, will er nicht sagen. Aber die Briten seien verrückt nach seinen auf Besen reitenden Figuren mit der typischen Hakennase. „Die denken hier alle, jeder in Deutschland habe eine Hexe im Fenster hängen, um die bösen Geister zu vertreiben“, sagt er.

          „Für die Besucher spielt Frankfurt keine Rolle“

          Bei dem Gedanken an vermeintliches deutsches Kulturgut wird Toennes ein bisschen übermütig: Natürlich sei er wegen des Geldes hier, aber auch, weil es ihm eine Ehre sei, sein Land zu vertreten. Sein Grinsen verrät zwar, dass er das vor allem deshalb sagt, weil es sich so gut anhört, und weil er schon öfter Interviews gegeben hat in seinem Leben, damals, als er auf Weihnachtsmärkten in großen deutschen Städten der einzige gewesen ist, der handgemachte Marionettenpuppen verkauft hat. Aber auch in seinen Erzählungen geht es darum, dass der „Birmingham Frankfurt Christmas Market“ vor allem Botschafter des Landes, weniger der Stadt ist. „Für die Besucher spielt Frankfurt keine Rolle“, sagt Toennes. „Für die Stadt Birmingham schon.“

          Birmingham und Frankfurt sind Partnerstädte. Verglichen mit der Intensität anderer Partnerschaften findet Stadtrat Volker Stein (FDP), der den Weihnachtsmarkt in Birmingham am vergangenen Donnerstag zusammen mit dem Bürgermeister der englischen Stadt eröffnet hat, die zwischen Rhein-Main und den West Midlands recht rege. Für Birmingham lässt sich der Benefit, den der Frankfurter Weihnachtsmarkt in die zweitgrößte Stadt Großbritanniens bringt, recht genau benennen: Die Bruttowertschöpfung, also die Zahl, die herauskommt, wenn alles zusammengerechnet wird, was die Hotels und Betriebe der Stadt durch den Weihnachtsmarkt verdienen, beziffert die Tourismusgesellschaft auf 70 Millionen Pfund. Das sind rund 87 Millionen Euro.

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