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Frankfurter Weihnachtsmarkt : Frau Nikolaus fährt Karussell

  • -Aktualisiert am

Lichtermeer: Mit der beleuchteten Skyline bildet der Weihnachtsmarkt auf dem Römer Jahr für Jahr ein schönes Ensemble. Bild: Francois Klein

Von Einhorn-Mandeln, Büroflüchtigen und warmem Handkäs’: Jeder findet auf dem Weihnachtsmarkt das Richtige – sogar ein Zitat aus Goethes „Faust“.

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          Es funktioniert. Verlässlich. Kein Wunder, dass man Eltern und Großeltern sehen kann, die diskret ein Tränchen wegwischen, wenn sie ihren Knirps so sehen: Glücklich, mit leuchtenden Augen hebt das Kind Runde um Runde die Hand zum Winken, wenn es an Mama oder Papa vorbeifährt. Als stolze Reiterin auf einem Schimmel im Doppelstock-Karussell auf dem Römerberg. Oder in der kleinen Eisenbahn an der Hauptwache, wo die Platzanweiser für Gerechtigkeit sorgen müssen, weil alle Kinder Lokführer sein wollen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Frankfurter meckern gern und viel, der Christbaum vor dem Rathaus wird verlässlich missbilligt, bevor er überhaupt steht. Über das Angebot auf dem Weihnachtsmarkt ist garantiert schon gemeckert worden, als er 1393 erstmals urkundlich erwähnt wurde – allerdings ging es damals wohl nicht um aufdringliche Friteusengerüche, Heizpilze und pinkfarbene Beleuchtung. Wobei der rosa Markt der „Gay Community“ auf dem Stoltze-Platz mittlerweile für viele, die es ein wenig schicker haben wollen, ein beliebter Treffpunkt ist. Können ja nicht alle nach Wiesbaden zum Sternschnuppenmarkt fahren, wo handgedrechselte Salatschüsseln, selbstgeschnitzte Pommes und getrüffeltes Popcorn feilgeboten werden.

          Für jeden das Richtige

          Frankfurt hat zwar auch kulinarische Schatzkästlein auf dem Weihnachtsmarkt, doch das Gros der Besucher will Verlässliches: Nierenspieße, impertinent riechende Gerichte aus geschmolzenem Handkäs’ und ein Sortiment an gebrannten Mandeln, dessen größte Attraktion für kleine Mädchen die Geschmacksrichtung „Einhorn“ sein dürfte. Und Eintracht-Fans können wieder schwarz-rot eingefärbte Zuckermandeln erstehen.

          So findet jeder das Richtige: Honig im historischen Fachwerkhaus auf der Zeil, französische Salami, Nagelscheren und Plätzchenausstecher. Exhibitionistisch veranlagte Besucher staffieren sich mit Elchgeweihen, blinkenden Mützen und Bärten aus, neuerdings sieht man hin und wieder als Nikolausin verkleidete Damen mittleren Alters, wie sie auf den Stufen eines langsam anfahrenden Karussells posieren, während ihre männlichen Begleiter versuchen, daraus ein attraktives Video für die sozialen Netzwerke zu machen. Es gibt eben die merkwürdigsten Hobbys.

          Segensbotschaft: Für viele Marktbesucher muss das Fest der Liebe vor allem süß und bunt sein. Bilderstrecke
          Weihnachtsmarkt in Frankfurt : So schön ist der Frankfurter Weihnachtsmarkt

          Eines der beliebtesten ist in der Vorweihnachtszeit ganz offenkundig: im Büro früher Schluss machen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass schon am frühen Nachmittag die warmen Alkoholschwaden über der Innenstadt eine atemraubende Dichte annehmen, während Angeheiterte, die der Frankfurter Siegfried Kracauer 1930 als „die Angestellten“ studiert hatte, sich mit Glühwein ebenfalls einer alkoholischen Dichte entgegentrinken, die den tristen Büroalltag zumindest bis zum nächsten Morgen vergessen lässt.

          Überhaupt, der Glühwein. An den Buden ist er so oft mit dem Zusatz „Winzer-“ versehen, dass man unweigerlich misstrauisch wird, wenn da mal nur „Glühwein“ steht. Wer den Kelch, pardon, die „Frankfurter Weihnachtsmarkttasse 2019“ bis zur Neige leert, kann dort ein Zitat aus Goethes „Faust“ entdecken. Denn in diesem Jahr ist die Tasse, die es bei der Tourist-Information zu kaufen gibt, den Frankfurter Theatern gewidmet – vielleicht eine Art Kompensation für den Eiertanz um die Sanierung der Städtischen Bühnen. Folgerichtig sind auf der Tasse die Alte Oper sowie ein Weihnachtsmann in der Pose von Tischbeins Goethe-Porträt aus dem Städel zu sehen. Wie gesagt: Die Frankfurter haben ja immer was zu meckern. Und wie das Zitat lautet? Keine Ahnung. Aber bis zum 22. Dezember um 21 Uhr kann man die Tassen auf dem Weihnachtsmarkt ja noch leeren.

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