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Mit dem Krebs umgehen : Die Angst in Kraft umwandeln

Elke Jäger ist Chefärztin für Onkologie am Krankenhaus Nordwest. Bild: Wolfgang Eilmes

Was widersprüchlich klingt, ist für Elke Jäger zur Mission geworden: Sie will Krebspatienten ermutigen, Zweifel zuzulassen.

          3 Min.

          Ein Schild in ihrer Wohnung erinnert sie an das, was der Krebs sie gelehrt hat. Ein Schild und die Narben an ihrem Körper. „Trotzdem“ steht da in großen Lettern geschrieben. Manchmal liest sie es wie eine bestärkende Aufforderung. „Los, trotze dem.“ Manchmal bleibt sie nur an den ersten fünf Buchstaben hängen. „Trotz!“ Und manchmal ist es das „Trotzdem“, das sie hat weitermachen lassen. An Tagen, an denen sie zu müde war, Cello zu spielen, hat sie sich trotzdem aufgerafft. An Tagen, an denen sie mit ihrem Anblick haderte, hat sie sich trotzdem nicht versteckt. Geholfen, die Krankheit zu überstehen, haben ihr die moderne Medizin – und Johann Sebastian Bach. Seine Musik hat sie durch die Krankheit getragen.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Susanne Müller-Hornbach ist Cello-Professorin – und Brustkrebspatientin. Dreimal hat sie die Diagnose erhalten. Dreimal hat sie den Krebs überwunden. Gemeinsam mit dem Psychoonkologen Klaus Siegler, der 2005 an Lymphdrüsenkrebs erkrankte, will sie sich am Mittwoch der Frage stellen, ob es eine gesunde Art gibt, krank zu sein. Das Gespräch in der Evangelischen Akademie ist Teil einer Vortragsreihe zum Thema Medizin und Ethik, initiiert von Elke Jäger, Chefärztin der Klinik für Onkologie am Krankenhaus Nordwest, und Kurt Schmidt vom Zentrum für Ethik in der Medizin. „Diese Reihe beschäftigt sich mit dem Tabu, das die Erkrankung in vielen Fällen auslöst“, sagt Jäger. Die maßgeschneiderten Behandlungsentwürfe, die die moderne Krebstherapie mit sich bringe, seien mit einer „unglaublichen Erwartungshaltung“ verknüpft. „Dass es aber nicht funktionieren könnte, daran wird nicht gerne gedacht“, meint Jäger. Sie will dem Zweifel einen Raum in der Behandlungsphase geben. Sie will die Patienten und ihre Angehörigen ermutigen, sich offen über die Krankheit auszutauschen und sich so wieder näherzukommen. „Die, die ihre ganze Kraft darauf verwenden, nicht zu weinen, die, die nicht auch mal am Boden sind, denen fehlt es oft an Ideen, wie sie wieder aufstehen können.“

          Die Haltung der Patienten nachvollziehen

          Klaus Siegler hat als Onkologe viele Patienten kennengelernt, die die Krankheit am liebsten verdrängen wollten. Seit seiner eigenen Diagnose im Jahr 2005 kann er diese Haltung zwar besser nachvollziehen, verstehen kann er sie aber nicht. „Ein Patient hat ein Recht darauf, auch die Dinge zu hören, die er nicht hören will“, sagt er. „Ich möchte die Krankheit nicht schönreden. Manchmal ist es entsetzlich. Zu der Einsicht, was ein gutes Leben ausmacht, kann man auch anders kommen. Aber die Krankheit zwingt einen dazu“, sagt er. Siegler, mittlerweile im Ruhestand, setzt sich weiterhin dafür ein, dass zu einem früheren Zeitpunkt als bisher in die psychoonkologische Betreuung der Patienten investiert wird. Vorträge, die er als Fachmann in den vergangenen Jahren gehalten habe, seien stets wissenschaftlich angelegt gewesen, erzählt er. Da habe der Mediziner, nicht der ehemalige Patient Klaus Siegler gesprochen. Es ging um Zahlen, Daten, Fakten. „Aber ich bin diesmal bereit, meine ganz persönlichen Erfahrungen zu teilen.“ Denn auf der Suche nach dem individuellen Weg, die Krankheit zu bewältigen, sei es hilfreich, sich auszutauschen und ganz persönliche Strategien zu entwickeln. Das zu fördern, falle vielen Ärzten schwer. „Da fehlt es an Ausbildung.“

          Über den Umgang mit der Krankheit berichten

          Siegler und Müller-Hornbach werden nicht nur als Betroffene, sondern auch als Freunde darüber sprechen, wie sie ihre eigene Art gefunden haben, mit der Krankheit umzugehen. Sie werden von ihrem Leben „vor“ und ihrem Leben „nach“ der Diagnose berichten. Beide, so behaupten sie von sich, seien heute mutiger als noch vor einigen Jahren. Er habe einen besseren Zugang zu seinem Beruf gefunden, sagt Siegler. Die Krankheit wirke auf ihn wie ein „Lebensgeschmacksverstärker“.

          Susanne Müller-Hornbach hingegen hat während der Krankheitsphasen für sich eine neue Art entdeckt, Musik zu machen. „Mit der Chemo, dem Cortison und dem ganzen Scheißdreck im Körper ist man nicht gerade in der Lage, virtuose Höhenflüge zu erzeugen.“ Aber sie habe in dieser Zeit, in der sie nur für sich gespielt habe, gelernt, auch die zu leisen, die nicht perfekt getroffenen Töne anzunehmen, sich durch die Musik tragen und trösten zu lassen. Einige der Bach-Stücke, die sie durch die Krankheit begleitet haben, wird sie am Mittwoch spielen.

          Der Vortrag am Mittwoch, 11. März, beginnt um 18.30 Uhr in der Evangelischen Akademie. Anmeldungen sowie vier weitere Termine der Reihe „Die Herausforderungen der personalisierten Medizin in der Onkologie“ unter www.evangelische-akademie.de.

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