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Frankfurter Volkstheater : Heilende Hände mit Hintersinn

Schreibt Romane und Theaterstücke: Annegret Held Bild: Fricke, Helmut

Für eine Dorfbühne schreibt sie 20 Jahren Theaterstücke im Westerwälder Dialekt. Nun präsentiert Annegret Held im Frankfurter Volkstheater ihr erstes Stück.

          Charisma ist eine schwierige Gabe. Annegret Held weiß, wie heikel es ist, über spirituelle Dinge zu sprechen, erst recht über ein Phänomen wie die sogenannte Geistheilung, die der Scharlatanerie Tür und Tor öffnet. Dennoch hat sie sich dem Thema gestellt, wohl wissend, dass sie intellektuellen Skeptikern damit die Breitseite bietet. Mutig war sie schon immer, etwa als sie in Polizeiuniform an der Startbahn West im Einsatz war. Nun setzt sie sich in ihrem ersten dramatischen Text "Die Heilerin von Tribbelbach", der unter dem Titel "Die Geistheilerin" am 19. November um 20 Uhr im Frankfurter Volkstheater uraufgeführt wird, mutig mit den sogenannten heilenden Händen auseinander.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Stück nimmt die Gabe des Heilens ernst - "und auch nicht", sagt die Frankfurter Schriftstellerin: "Der Text ist saukomisch, aber mit Hintersinn." Komisch ist, wie der Ehemann sein "Gottesgeschenk", die Titelheldin Dorothea, aus dem gemeinsamen Haus wirft, weil er genug hat von deren Hokuspokus. Ernst ist, wie die Menschen ihr die Tür einrennen, weil sie an Dorotheas Heilkraft glauben und sich tatsächlich nach ihrer Behandlung besser fühlen. Ernst und komisch zugleich ist, wie Dorothea der heiligen Hildegard von Bingen verfällt, wir ihre Mutter Käthe das Talent ihrer Tochter nutzt, als sie sich in einen Patienten und dessen Gallenwickel verliebt, und wie die Geistheilerin von allen guten Geistern verlassen wird, sobald ihre guten Absichten auf kommerzielle oder erotische Abwege geraten.

          Theaterstücke im Westerwälder Dialekt

          Die "Heilerin" ist jetzt nicht mehr in Tribbelbach, sondern in Bretzebach, einem fiktiven Frankfurter Vorort, zu Hause. Ihr Urbild aber lebte im Westerwald, wo Annegret Held 1962 als Spross einer Tischler-Dynastie geboren wurde und aufwuchs. Für die Bühne im Wirtshaus des Dorfes schreibt sie seit etwa 20 Jahren Theaterstücke im Westerwälder Dialekt. Der ist bei der Prinzipalin des Volkstheaters Gisela Dahlem-Christ und ihrer Künstlerischen Leiterin Sylvia Hoffman, die den Text in Auftrag gegeben hat, bearbeitet und inszeniert, nicht so gefragt. Doch Held, die bisher allen Lebenskrisen auch ohne heilende Hände erfolgreich die Stirn geboten hat, wusste sich auch diesmal zu helfen: Nicht etwa Hildegard rief sie an, sondern Mama Hesselbach: "Mit alten Videos habe ich Hessisch gelernt."

          Ganz nebenbei hat sie auch einen neuen Roman verfasst, diesmal nicht über ihre eigenen Erfahrungen bei der Polizei ("Meine Nachtgestalten", 1988), im Hotelgewerbe ("Das Zimmermädchen", 2004), im Pflegeheim ("Die letzten Dinge", 2005) oder bei der Flugsicherung ("Fliegende Koffer", 2009), sondern über ihre Großmutter, Titelheldin des Romans, und die Geschichte ihres Heimatdorfs. "Apollonia" ist als erster Teil einer Zimmermanns-Trilogie aus dem Westerwald geplant und umfasst die Lebenszeit der Ahnherrin von 1902 bis 1978, als die Verfasserin 16 Jahre alt und in den amerikanischen Soldaten Jim verliebt war. Schon damals hat Held die Heimat-Saga in Schulheften skizziert, bis sie auf 555 Seiten angeschwollen war. Sie will sich nicht nur durch das schwere Leben ihrer Großmutter graben, sondern bis in den Dreißigjährigen Krieg zurück.

          Erscheinungszeitpunkt offen

          Da die Rechte des Romans bei Eichborn liegen und der Frankfurter Verlag gerade von Bastei-Lübbe gekauft wurde, weiß die Autorin noch nicht, wann und wo die für Februar avisierte "Apollonia" erscheinen wird. "Die Geistheilerin" jedenfalls ist von Samstag an zu sehen. Die Mainzer Schauspielerin Anette Krämer wird in der Rolle von Mutter Käthe mit dem Frankfurter Schauspieler Jochen Nix als skurriles Pärchen auftreten, auf das man sich schon jetzt besonders freuen darf. Kate Schaaf nimmt die charismatische Titelheldin in Angriff, und Ivan Vrgoc wehrt sich als deren entnervter Ehemann. Hildegard von Bingen ist als Statuette mit von der Partie. Schließlich war man im Westerwald stets katholisch und ist es in Frankfurt immer noch in der Mehrheit.

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