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Frankfurter Volkstheater : Bäppi, du goldisch Maus

Wieso sollen Heinz Schenk und Lia Wöhr den ganzen Spaß für sich alleine haben? Thomas Bäppler-Wolf spielt auf Mundart mit den Geschlechtergrenzen. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Gebt mir eine Showtreppe: Thomas Bäppler-Wolf feiert als Zaza Triumphe im Frankfurter Volkstheater.

          Plumps: Das Sofa in seinem Stammcafé „Glauburg“ ächzt. „Ich muss dringend abnehmen“, seufzt Thomas Bäppler-Wolf. Aber seit er nicht mehr raucht, wird er die zehn Kilo plus nicht mehr los. Die hatten sich festgesetzt, als er sich vor vier Jahren monatelang nicht richtig bewegen konnte: Bandscheibenvorfall, Operation, Schonung. Nicht gerade das, was ein Tanzlehrer und Entertainer gebrauchen kann. Auf der Bühne des Frankfurter Volkstheaters lässt sich „Bäppi“ aber nichts anmerken. Hier entpuppt sich der Travestiekünstler seit einigen Wochen als Schauspieler: Im Musical „Ein Käfig voller Narren“ feiert er Abend für Abend Triumphe in der Rolle des Protagonisten Albert, der im Nachtclub als Zaza regiert. „Die Hütte ist voll. Gerade war der zehntausendste Besucher da“, freut er sich.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Volkstheater hat einen neuen Star. Den Plan zu diesem Coup haben Bäppler-Wolf und sein Kollege Wolff von Lindenau allerdings schon vor zehn Jahren beim Pizza-Essen ausgeheckt. Dereinst, sprich: im fortgeschrittenen Alter, wollten sie gemeinsam das schwule Ehepaar Albert und in dem Kultstück „La Cage aux Folles“ spielen. Mittlerweile zählen beide zusammen 112 Lenze. Es wurde Zeit. Bäppler-Wolf beschaffte sich die Aufführungsrechte, aber sein Theater „Theatrallala“ in der Friedberger Landstraße war mit 90 Plätzen zu klein. Da kam ihm das Benefiz-Spargelschälen bei Ingrid Pajunk gerade recht. Einträchtig bearbeitete er das Gemüse neben Sylvia Hoffman, der künstlerischen Leiterin des Volkstheaters. Dann rückte er mit seiner Idee heraus: Das Volkstheater hat 413 Plätze.

          Schon lange bekannt in Frankfurt

          Ein Termin bei der Intendantin Gisela Dahlem-Christ besiegelte den gemeinsamen Plan. Mit dem Travestie-Stück „Ganze Kerle“ hatte das Volkstheater schon vor ein paar Jahren einen Erfolg verbucht. „Männer im Fummel kommen immer“, kommentiert Bäppler-Wolf. „Ein Käfig voller Narren“ bietet aber auch eine tragfähige Handlung und eine Botschaft: Mit dem Hauptsong „I am what I am“ ruft das Musical zu mehr Toleranz auf. Bäppler-Wolf durfte die Handlung dank der Großzügigkeit des Verlags von St. Tropez nach Frankfurt verlegen und den Text in Mundart übersetzen, sofern die Story und die Lieder erhalten blieben. Regie und Choreographie übernahm der amerikanische Regisseur Gaines Hall. Die Verlegerin kam zur Premiere und war genauso begeistert wie das Publikum.

          Die Besucher des Theaters kannten den Protagonisten spätestens seit seinem Auftritt als Stargast bei der Gala „40 Jahre Volkstheater“ im vorigen Jahr. Aber Bäppler-Wolf ist schon viel länger bekannt in Frankfurt. Geboren wurde er am 24. Dezember 1961 im Stadtteil Griesheim. Dort wuchs er zusammen mit seiner älteren Schwester auf, besuchte die Georg-August-Zinn-Gesamtschule und dachte darüber nach, Reiseverkehrskaufmann zu werden. Dann ließ er sich nach der Mittleren Reife doch lieber an der damaligen Tanzschule Kiel-Blell zum Tanzlehrer ausbilden und arbeitete dort bis 1989. Ein Jahr später gründete er mit einer Kollegin eine eigene Tanzschule, spezialisiert auf Standard- und Gesellschaftstänze. Dort trainierte er auch Turnierpaare. „Wir sind die erfolgreichste Tanzschule Deutschlands“, sagt Bäppler-Wolf, der seit 2008 Präsident des Berufsverbands Deutscher Tanzlehrer ist, und verweist auf die 65 deutschen Meister, die seit 2005 aus seiner Schule hervorgegangen seien.

          Auf die Zukunft vorbereiten

          Als die Gründungskollegin 1994 ausschied, nahm er die Gelegenheit wahr und gründete das „Tits“, das „Theater in der Tanzschule“, das er 2008 in „Theatrallala“ umbenannte. Schon 1990 hatte er für Freunde, die ihm beim Einzug in die Friedberger Landstraße 296 geholfen hatten, einen Travestie-Abend veranstaltet: „Bäppi 90“. Aus einer Show im Monat wurden zwei, dann vier, dann kam zum Samstagabend der Freitagabend hinzu und 1995 war die Kunstfigur „Bäppi La Belle“ geboren. Eine Solo-Show löste die andere ab. Vor allem mit seiner Merkel-Travestie „Angela, du goldisch Maus“ begeisterte er 2006 seine Zuschauer. Zwei Jahre später tischte er „Samstag gibt’s dick’ Supp“ auf. Unter diesem Titel gab er mit Sibylle Nicolai auch ein Kochbuch mit 90 Rezepten hessischer Prominenter heraus.

          Bis zu den Probenarbeiten für „La Cage aux folles“ hat er auch noch zwei Tanzkurse angeboten. Im Übrigen überlässt er die Tanzschule seinem angetrauten Lebenspartner Carsten Wolf, der seit 2006 auch eine Filiale in Bad Vilbel leitet. Bäppler-Wolf dagegen bereitet sich „auf die Zukunft“ vor. Er bezweifelt, dass Travestie und Alter zusammenpassen. Und: „Ich wollte schon immer mal richtiges Theater.“ Deshalb plant er kleine Stücke, hat inzwischen auch Brecht-Lesungen in sein Programm aufgenommen. Mit Benedikt Ivo aus der „La Cage“-Produktion und einer Live-Band unter Leitung von Gabriel Groh plant er für den November eine Show mit Sinatra-Swing: „One and a Half Men“. Mit der Tänzerin Nina Henrich will er eine deutsche Schlagershow unter dem Titel „Nina und Bert“ aufführen und am Ostersonntag nächsten Jahres abermals „Das Leben des Brian“ lesen.

          Am 14. und 15. August hat aber erst einmal „Heinz und Heinz“ Premiere: „Das Beste von Heinz Schenk und Heinz Erhardt“. Die Frankfurter Mundart will Bäppler-Wolf weiter pflegen, vom 5. Oktober an mit seiner Show „Zum Rosa Bock“, einer Reverenz an den „Blauen Bock“von Heinz Schenk und Lia Wöhr. Als Wöhr verkleidet hat er 92 Mundart-Führungen durch die Frankfurter Tutanchamun-Ausstellung bestritten. Das hat ihn auf die Idee gebracht, einen Roman über Ritualmorde in der Ausstellung zu schreiben: „Ägypten ist ohnehin mein Hobby.“ In Münchens Englischem Garten will sich der ruhelose Künstler demnächst in Ruhe auf das Werk vorbereiten - dächte er nur nicht schon wieder an das biographische Musical, das er noch der ehemaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth schuldet.

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