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Von Kälteclub bis Hot Yoga : Das Geschäft mit den überschüssigen Pfunden brummt

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Frieren für die schlanke Figur: Kältekammer in Frankfurt Bild: dpa

Im Frühjahr beginnt der Kampf um die Strandfigur. Manch einer lässt sich dafür sogar in der Kältekammer einfrieren. Doch hat das auch den gewünschten Effekt?

          Die Temperatur sinkt langsam, aber stetig. Am Ende zeigen die roten Ziffern über der Kabine den unglaublichen Wert von minus 145 Grad Celsius an. Was nach Trainingscamp für eine Alaska-Reise klingt, ist tatsächlich eine Behandlung in einem Frankfurter Kälteclub. Versprochen wird der rasche Verlust überflüssiger Pfunde, da die Minusgrade den Stoffwechsel anheizen sollen. Jetzt im Frühjahr können sich nicht nur die Betreiber dieses Angebots für Diätwillige über regen Zuspruch freuen.

          Möglichkeiten für eine Kältebehandlung gibt es inzwischen mehrere in der Frankfurter Innenstadt. Die extreme Kälte sei für die Kunden unschädlich, sagt die Leiterin des zuletzt eröffneten Kälteclubs „Cryosizer“, Renate Süssenguth. Denn es handele sich um trockene Kälte, die mithilfe von Stickstoff erzeugt wird. „Das fühlt sich ganz anders an, als wenn man etwa draußen unterwegs wäre“, berichtete die 31-Jährige. In den Vereinigten Staaten werde Kältetraining bereits weithin geschätzt, auch von Promis, in Deutschland sei es dagegen gerade erst im Kommen. Süssenguth bewirbt die Methode als „Kalorienburner to go“.

          Ungeschützt in der Kältekabine

          Die Kunden ziehen sich zuerst bis auf die Unterwäsche aus. Für die Füße erhalten sie wärmende Wollschuhe und steigen ansonsten ungeschützt in die Kältekabine, nur der Kopf ragt oben heraus. Nach und nach wird Stickstoffnebel in das silberne Gehäuse geblasen. „Es wird langsam runtergekühlt, damit sich der Körper daran gewöhnen kann“, sagt Süssenguth. Sie überwacht und steuert die Behandlung über einen Touchscreen direkt neben der Kabine.

          Nachfrage gebe es aus allen Altersgruppen, vielen Kunden seien Kältebehandlungen aus der Rheumatherapie bekannt. Zusätzlich gibt der Club Ernährungsempfehlungen, die auf die Anwendungen abgestimmt seien. Zwei bis drei Kältetrainings empfiehlt Süssenguth pro Woche. Ähnliche Konzepte sind unter anderem auch aus der Sportmedizin bekannt, die Kälte soll die Regeneration fördern. Autoren der Deutschen Sporthochschule Köln äußerten sich in einer Studie allerdings skeptisch dazu.

          „Es gibt keinerlei wissenschaftliche Daten dafür“

          Der Lübecker Endokrinologe und Stoffwechselforscher Sebastian Schmid spricht von einem hochinteressanten Konzept. Ob damit tatsächlich eine Gewichtsabnahme möglich ist, sei aber unklar. „Es gibt keinerlei wissenschaftliche Daten dafür, das ist schlichtweg nicht untersucht“, sagt der Professor. Er habe bei zwei Herstellern angefragt, ob seine Arbeitsgruppe eine Kältekammer ein Jahr lang auf ihre Wirkung auf Stoffwechsel, Blutdruck und Gewicht untersuchen könne, doch Absagen erhalten. Auch mögliche Gegenanzeigen seien deshalb nicht untersucht. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, offenen Hauterkrankungen oder psychischen Problemen wie Klaustrophobie rate er ab, in eine Kältekammer zu steigen, sagte Schmid.

          Zahlreiche weitere Angebote versprechen auch in der Frankfurter City, den Weg zur Traumfigur mindestens beschleunigen zu können. Training auf speziellen Vakuum-Laufbändern etwa oder Muskelstärkung mit elektronischen Impulsen - nur 20 Minuten wöchentlich sollen hier laut Werbung genügen, um eine schlankere Linie zu erreichen. Wem die Kältekammer nicht zusagt, der kann es als Kontrastprogramm zudem mit Hot Yoga bei 39 Grad und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit versuchen.

          Diäten und Fastenprogramme

          Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat zum Frühjahr mehrere Diäten und Fastenprogramme bewertet und betont, wichtig sei in jedem Fall ein langfristiger und alltagstauglicher Ansatz. „Denn ansonsten steigt das Körpergewicht wieder, wenn man in alte Gewohnheiten zurückfällt“, sagt Sprecherin Antje Gahl.

          Vor Crash-Diäten warnt Gahl: „Ein halbes bis ein Kilo pro Woche ist schon ganz ordentlich.“ Wer mehr abnehme, laufe Gefahr, durch den Jojo-Effekt am Ende mehr zu wiegen als zuvor. Eine dauerhafte Gewichtsabnahme gelinge nur bei einer langfristigen Umstellung der Ernährung und täglich etwa 30 bis 60 Minuten körperlicher Aktivität, erklärt die DGE.

          Eine Ernährung mit viel Gemüse und Obst, dafür wenig Süßigkeiten, Alkohol und Weißmehl-Produkten sowie zusätzliche Bewegung reichten in vielen Fällen schon aus, um drei bis vier Kilo zu verlieren, sagt Sprecherin Gahl. Viel Geld für ein Schlankheitsprogramm müsse man also eigentlich nicht ausgeben.

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