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Frankfurter Unternehmen : Die Glocken-Bäckerei wächst mit Mutter Rewe

Nicht nur geschnitten ein gutes Geschäft: Brot der Glocken-Bäckerei in der Filiale am Frankfurter Grüneburgweg Bild: Kretzer, Michael

Verbraucher kaufen ihr Brot immer öfter beim Discounter und im Supermarkt. Davon profitiert die Frankfurter Glocken-Bäckerei, seit 1986 Tochter des Rewe-Konzerns.

          Diese Zahlen können sich sehen lassen: Um 41 Prozent ist der Umsatz des Frankfurter Großbetriebs binnen zwei Jahren gestiegen, ein Plus von 78 Millionen auf 270 Millionen Euro bis Ende 2011. Damit zählt das Unternehmen, das 1904 von Bäckermeister Georg Dinges und seiner Frau Wilhelmine als „Offenbacher Brot- und Zwiebackfabrik Georg Dinges“ gegründet worden war, nach Lieken, Harry Brot und Edeka (Schäfers, K&U) zu den vier Größten der Branche. 3200 Mitarbeiter beschäftigt die Rewe-Tocher in Produktion und Verkauf.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Allein knapp 247 Tonnen Mehl verarbeitet die Großbäckerei in Fechenheim jeden Tag. Sie ist der älteste und mit 665 Mitarbeitern größte von inzwischen drei Bäckereibetrieben. Zwei Drittel aller Waren werden hier im Drei-Schicht-Betrieb gefertigt und neuerdings in roten Lastwagen mit flotten Sprüchen wie „Zu Hause hab ich eine Sahneschnitte. Und an Bord hundertzwanzig“ durch die Gegend gefahren, um vor allem die Regale bei Rewe- und der Discounter-Tochter Penny im süddeutschen Raum aufzufüllen. Auch Toom und Nahkauf sind Kunden. Zur Vertriebsregion gehören die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland, Baden-Württemberg und Bayern.

          Zehn Prozent Bio

          Das Sortiment umfasst etwa 350 Artikel. Sie werden für verschiedene Haus-, Handels- und Premium-Marken produziert: etwa Rewe, Rewe-Bio, Ja, Rewe Feine Welt sowie Feinstes Handwerk. Die Glockenbäckerei legt Wert darauf, dass in der Produktion ausschließlich Mehl aus deutschen Getreidemühlen verarbeitet wird. Konservierungsstoffe und künstliche Geschmacksverstärker sind tabu. Der Bio-Anteil liegt bei zehn Prozent.

          Die Warenwelt ist kompliziert in der Glocken-Bäckerei, die beides ist, Hersteller und Filialist. Für das Sortiment in den Marktregalen produziert die Rewe-Tochter Aufbackware für Zuhause, Rohlinge für die Backstation, bereits fertig gebackenes und verpacktes Brot. Damit sind noch nicht alle Verkaufstypen benannt. Hinzu kommen Kuchen, Brot und Brötchen für die eigenen 300 Filialen. Die sind meistens in der Eingangszone der Märkte untergebracht. Hierher liefert die Bäckerei frische Teige, die noch bearbeitet werden müssen, Rohlinge und fertige Ware.

          Die Glocken-Bäckerei bedient alle Schienen

          „Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir alle Schienen bedienen“, begründet Marketing-Leiter Christian Diederich den Erfolg der Glocken-Bäckerei. Zur positiven Umsatzentwicklung in den vergangenen Jahren habe auch die Übernahme der mittelständischen Bäckerei Rothermel in Östringen in Baden-Württemberg beigetragen. Etwa 20 Filialen fielen der Rewe-Tochter damit zu, das Netz wurde ausgebaut, inzwischen sind es 64 Standorte.

          Vorangebracht wurde das Geschäft auch durch eine neue hauseigene Großbäckerei in Bergkirchen in Bayern, die 2010 in Betrieb ging und nun gut 1100 Rewe- und Penny-Märkte in Bayern beliefert. Zuvor war die Großbäckerei Müller-Brot Hauptlieferant. Aufgegeben wurde dagegen im August der Bäckerei-Betrieb in Bergheim, ebenso 46 Glockenshops vorwiegend in Nordrhein-Westfalen, weil sie nicht zum regional ausgerichteten Konzept passten, wie Diederich erläutert.

          „Viele Bäcker gehen in Richtung Gastronomie“

          Um die Zukunft der Glocken-Bäckerei muss man sich wohl keine Sorgen machen. Wie der Verband Deutscher Großbäckereien annimmt, wird die Zahl der Backstationen in Discountern und Supermärkten steigen und den kleinen Bäckereien das Leben schwermachen. Schon heute würden 60 Prozent aller Brote im Lebensmittelhandel gekauft. Ein Grund: Die Preissteigerungen bei Mehl und anderen Rohstoffen können große Betriebe leichter wegstecken. „Wir versuchen durch Produktivitätssteigerung, die Preise zu halten“, sagt Gérard Rog, Sprecher der Geschäftsleitung.

          Den Druck bekommen auch die Filialisten zu spüren, ganz gleich, ob Handwerksbetriebe oder große Ketten. Für die meisten wird es immer schwieriger, allein vom Verkauf der Backwaren zu leben. Deswegen bieten immer mehr Filialen frisch zubereitete Imbisse an. „Viele Bäcker gehen in Richtung Gastronomie“, sagt Rog. Zum Konzept gehört auch, dass Filialen schicker und handwerkliche Arbeiten in den Verkaufsraum verlegt werden.

          Die Kürbissuppe köchelt in aller Öffentlichkeit

          Auch die Glockenbäckerei investiert wie andere Filialisten (Heberer, Kamps) in einen neuen Auftritt. „Wir sind beides, Industriebäckerei und Handwerker“, betont der Sprecher der Geschäftsleitung. Unter dem Motto „Reinster Backgenuss“ wurde 2011 in Bad Nauheim die erste Vorzeigefiliale eröffnet. Dabei legt die Glocken-Bäckerei laut Rog besonderen Wert auf „Frische und Transparenz“. Ein Bäcker schiebt Brotteig in den Steinbackofen. Kunden können einer Konditorin beim Sahneschlagen zusehen und beim Füllen der Quiche. Auch die Kürbissuppe köchelt in aller Öffentlichkeit.

          „Wir versuchen mit den Läden eine Art Bühne für unser Produkt zu schaffen“, sagt Rog. Die Investitionskosten lägen um knapp ein Drittel über denen einer herkömmlichen Filiale. Ein weiterer Back- und Gastronomiebetrieb dieser Art wurde Anfang September am Grüneburgweg in Frankfurt eröffnet, mit etwa 40 Sitzplätzen. Fünf Vorzeigefilialen sind es inzwischen. Ein bis zwei in jeder größeren Stadt sollen es werden.

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