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Paradies oder Belastung? : Hier können Angestellte so viel Urlaub nehmen wie sie wollen

  • -Aktualisiert am

Urlaubspionier: Mitarbeiter von Christian Wendler (vorne) können unbegrenzt freie Tage nehmen. Bild: Frank Röth

In einem Frankfurter Unternehmen dürfen sich Angestellte unbegrenzt viele Tage freinehmen. Was zunächst wie ein attraktives Modell klingt, sehen viele Experten kritisch.

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          Die Räume der Firma wirken wie ausgestorben. Fünf Mitarbeiter des IT-Dienstleisters Byte 5 tippen auf ihren Laptops herum und heben nur kurz die Köpfe für ein schmales „Hallo“. „Die meisten arbeiten heute von zu Hause“, sagt Christian Wendler. Auch jene, die da sind, hätten nicht kommen brauchen – und stattdessen einen Tag bezahlten Urlaub nehmen können. Denn bei Byte 5, das seine Büros im Frankfurter Ostend hat, ist das kein Problem, wie Wendler sagt. Bezahlter Urlaub steht hier nämlich unbegrenzt zur Verfügung.

          Dass sich Angestellte so oft freinehmen können, wie sie wollen, und dafür auch noch entlohnt werden, ist ein ungewöhnliches Modell. Zur Erklärung blickt Christian Wendler auf die Zeit vor zwei Jahren zurück. Byte 5 wuchs schnell, berichtet er, doch das sei Fluch und Segen zugleich gewesen. Denn auf einmal habe man viele neue Mitarbeiter einarbeiten müssen. „Es war Chaos.“ Die Projekte hätten gelitten, die Kunden seien unzufrieden gewesen. Die Reaktion von Wendler und seinen Teamleitern war, „die Leine kurzzuhalten“. Die Folge: Die Angestellten seien unzufriedener geworden, sagt Wendler, und auch er habe sich gefragt, ob er so eine Firma überhaupt führen wolle. Er habe einen Unternehmensberater engagiert, Wendler nennt ihn einen „Mentoren“. Nach dessen Analyse stand fest: „Lasst uns einen Plan machen.“

          Zwei Jahre später sitzt Wendler in den lichtdurchfluteten Büros seiner karg eingerichteten Firma. In einer Kinderecke steht ein riesiges aufgeblasenes Einhorn neben einem Bällebad mit Hunderten bunter Kugeln. Heute seien die Räume nur noch „der Ort, an dem wir zusammenkommen“, sagt Wendler. Ein Treffpunkt, zum Beispiel für Workshops. Zwar gebe es auch noch Büros, in denen die Mitarbeiter arbeiten könnten. Doch die würden nur von wenigen genutzt. „An einem Freitag wie heute“, sagt Wendler, „da sind die meisten zu Hause.“ Kabel oder fest angeschlossene PCs sind in den Büros kaum zu finden. „Wir haben komplett auf mobiles Arbeiten umgestellt.“

          Rücksicht nehmen im Umgang miteinander

          Grundlage für dieses Modell ist die Lebenswirklichkeit der Menschen, erklärt der Chef. „Der Alltag, den wir sonst erleben, ist nicht starr“, sagt er, „sondern dynamisch.“ Daran angepasst habe er nach und nach den Mitarbeitern mehr Freiheiten gegeben. Erst durften sie sich aussuchen, an welchem Ort sie arbeiten wollen. Wenig später sei die Vertrauensarbeitszeit eingeführt worden. Nur noch die starre Urlaubszeitregelung sei übrig geblieben – und die wurde im Juli abgeschafft. Die Mitarbeiter konnten sich entscheiden, ob sie weiterhin nach dem alten System Urlaub beantragen, oder ob sie selbst bestimmen, wann und wie viele Urlaubstage sie nehmen würden.

          Etwa drei Viertel der zwanzig Mitarbeiter hätten sich für das neue Modell entschieden. Der einzige Zwang sei der, dass kein Kollege unter den neuen Arbeitsbedingungen leiden müsse und sich alle untereinander eng abstimmten. „Wir haben hier die no pain policy“, sagt Wendler. Heißt: Kein Mitarbeiter soll leiden müssen, kein Kunde und auch kein Projekt. Wenn es doch einmal zu einem Konflikt komme, „dann reden wir miteinander“.

          Der Deutsche Gewerkschaftsbund Frankfurt teilt mit, dass solche Arbeitszeit- und Urlaubsmodelle nicht automatisch gut oder schlecht für den Arbeitnehmer seien. Es komme auf das Betriebsklima und die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens an. Besonders problematisch seien solche Modelle, wenn im Unternehmen eine hohe Arbeitslast herrsche. Dann könne unter den Kollegen ein sozialer Druck entstehen. „Nehme ich Urlaub, obwohl wir im Team so viel zu tun haben?“ Die optimale Organisation sei eigentlich Aufgabe des Arbeitgebers. Sie komme nun dem Arbeitnehmer zu.

          Mitarbeiter mit mehr Freiheiten arbeiten mehr

          „Vertrauensarbeitszeit oder Vertrauensurlaub sind fast immer nur für den Arbeitgeber profitabel“, sagt Marcel Kern. Er ist Arbeitspsychologe und forscht an der Frankfurter Goethe-Universität unter anderem zum Thema Gesundheit am Arbeitsplatz. Laut Kern haben Studien gezeigt, dass Mitarbeiter mehr arbeiten, wenn sie sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen können. Gehen Mitarbeiter etwa von zu Hause aus ihrer Tätigkeit nach, werden Kern zufolge kleine Pausen viel seltener, als wenn sie auf der Arbeit dafür ein- und ausstechen müssen.

          So würden ausgedehnte Kaffeepausen oder Schwätzchen unter Kollegen in der regulären Arbeitssituation eher nicht erfasst, bei der Arbeit zu Hause schon. Es sei ein einfacher Mechanismus, der bei den Mitarbeitern in Gang komme: „Wenn ich schon von zu Hause aus arbeiten darf, dann gehe ich mit der Zeit achtsam um.“ Zwischen einem und zehn Prozent liegt der Anteil derer, die solche Regelungen missbrauchen und ihren Arbeitgeber betrügen, sagt Kern. Das passiere vor allem in großen Unternehmen. In kleineren Betrieben identifizierten sich die Mitarbeiter stärker mit dem Arbeitgeber. Betrug finde hier seltener statt.

          Christian Wendler kenne die Kritik an den modernen Arbeitszeitmodellen, sagt er. Man müsse aufpassen dass niemand ausbrenne. „Daran haben wir am wenigsten Interesse.“ Damit die Angestellten mit der neuen Situation zurechtkommen, habe es Workshops gegeben. Darin werde den Mitarbeitern vermittelt, wie sie ihre psychologische Widerstandsfähigkeit ausbauen können. Und es werde darauf geachtet, dass die Mitarbeiter ihre gesetzlich festgelegte Urlaubszeit auch wirklich nehmen.

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