https://www.faz.net/-gzg-7hxwp

Frankfurter Traditionsgeschäft : Die Herrin der Dippe

  • Aktualisiert am

Kulturgüter: Emma Roßmann inmitten ihrer Dippe. Bild: dpa

Emma Roßmann und ihr Laden sind Frankfurter Institutionen. Sie verkauft Gartenzwerge, Steinzeugtöpfe, Krüge, Kuckucksuhren und Sparschweine.

          Eine Hundertschaft von Gartenzwergen grüßt grinsend auf die Berliner Straße, inmitten von salzglasierten Steinzeugtöpfen und Krügen, Kuckucksuhren, Sparschweinen. Jeder Quadratzentimeter der großen Schaufensterflächen des Dippemarkts an der Ecke von Fahrgasse und Berliner Straße ist besetzt. Ebenso wie die Regalwände im Inneren des Geschäfts. „En gude Schobbe is besser als Pille un Drobbe“, „Trink Apfelwei zu jeder Stund, dann lebst du lang und bleibst gesund“ – Dutzende solcher Weisheiten stehen auf den Krügen, die sich in dem engen Ladenraum dicht an dicht reihen.

          Mitten drin steht Emma Roßmann und strahlt. „Guten Tag, kann ich ihnen helfen?“ Seit mehr als 40 Jahren ist die Vierundachtzigjährige die Herrin über Dippe, Dippscher und Deckelsche, dem Originalzubehör der Frankfurter Ebbelwei-Seligkeit. „Alles echtes Traditionshandwerk aus dem Westerwald“, sagt sie. „Hier finden Sie keinen Kitsch aus China.“ Auch die Kuckucksuhren kommen von Handwerkern aus dem Schwarzwald, ebenso die berühmten grünen Hühnertassen mit Namenszug, den Emma Roßmann mit sicherer Hand auf die Keramik pinselt und anschließend selbst brennt. Aber das ist natürlich nicht alles. Die Ladeninhaberin und ihr Sohn Gerhard zaubern auf Bembel, Teller, Aschenbecher, Biergläser und alles, was den passenden Untergrund bietet, alles, was ihre Kunden wünschen, vom Frankfurter Wappen über Stadtansichten und Firmenlogos bis hin zu ulkigen Sprüchen.

          Die letzte Konstante in einer sich wandelnden Straße

          Das traditionelle Handwerk liegt Emma Roßmann am Herzen – als Gegenmodell zur Invasion der Billigprodukte aus Fernost. Ihr Laden ist eine der letzten Bembel-Bastionen: Sehr viele Geschäfte, die Steinzeug aus dem Westerwald verkaufen, gebe es nicht mehr, bestätigt auch Gitta Ermert von der Werkstatt Girmscheid in Höhr-Grenzhausen. Sehr viele Werkstätten, die Bembel nach alter Tradition von Hand töpfern, bemalen und unter Salzzufuhr brennen, auch nicht mehr. Geliefert werde tatsächlich fast nur noch nach Hessen: „Ich find’s toll, wie dort die Trink- und Esskultur gepflegt wird“, findet die Westerwälder Dippemacherin.

          Emma Roßmann jedenfalls denkt noch nicht ans Aufhören – zumal ihr Dippemarkt auch die letzte Konstante in der schmalen Fahrgasse mit ihrem schnellen Wechsel an Geschäften zu sein scheint. 1954 hat sie mit ihrem Mann Adolf dort ihren ersten Laden bezogen. Das Paar betrieb eine Metzgerei, bis sich Adolf Roßmann mit dem Ausbeinmesser so schwer verletzte, dass er das Geschäft aufgeben musste – und kurzerhand sein Hobby zur neuen Existenzgrundlage machte: Seit jeher hatte er Bierkrüge, Bembel und Aschenbecher gesammelt. „In jeder Wirtschaft hat er welche gekauft und ich hab’ geschimpft, was er immer heimschleppt“, erinnert sich Emma Roßmann. Jetzt hängt sie selbst an den Dippe und könnte sich nichts Besseres mehr vorstellen.

          „Allein schon wegen de’ Leut’“, sagt sie und meint damit außer ihren Stamm- und Geschäftskunden auch die Touristen aus Japan und Amerika, die vom Römer zu ihr herüberlaufen und sich über den urigen Laden freuen. Gut gelaunt plaudert, kassiert und verpackt Emma Roßmann hinter ihrem Tresen. Jeden Morgen um kurz vor halb acht läuft sie von ihrer Wohnung an der Berliner Straße herüber und schließt ihr Reich auf, das sie erst abends um halb neun wieder verlässt. Dazwischen geht es allenfalls mal in die Werkstatt an der Fahrgasse, ansonsten hält sie seit dem frühen Tod ihres Mannes allein die Stellung im Geschäft. Drei Kinder hat die gebürtige Sudetendeutsche neben der Arbeit groß gezogen. „Und ich freue mich jeden Montagmorgen, wenn ich wieder in den Laden darf.“

          Weitere Themen

          Erotik und Liebesleid

          Staatstheater Wiesbaden : Erotik und Liebesleid

          Rossinis „La donna del lago“ ist in der opulenten Inszenierung von Max Emanuel Cenčić in Wiesbaden zu erleben. Mit der erstmalig im Jahr 1819 in Neapel aufgeführten Opera seria wurde ein ganzer Modetrend in Gang gesetzt.

          Topmeldungen

          Deutsche und Commerzbank : Schlechte Aussichten

          Die Hauptversammlungen von Deutscher und Commerzbank haben einmal mehr gezeigt: Wer glaubt, die Unabhängigkeit der Geldhäuser sei ungefährdet, könnte eines Morgens aufwachen und sich verwundert die Augen reiben.

          Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

          Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
          Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor.

          Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

          Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.
          Kam 1996 auf den Markt: das Schmerzmittel Oxycontin

          Amerikanische Opioid-Tragödie : McKinsey berät Purdue nicht länger

          Die amerikanische Opioidkrise hat schon Tausende Amerikaner das Leben gekostet. Im Zentrum der Tragödie steht das Pharmaunternehmen Purdue. McKinsey hat nun die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen eingestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.