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Frankfurter Tech Quartier : Frankfurt will zur Start-up-Hochburg werden

Im Aufschwung: Vom Frankfurter Tech Quartier aus will sich Frankfurt zu einem renommierten Start-up-Hub entwickeln. Bild: Cornelia Sick

Ein ehrgeiziger Plan soll Stadt und Region zu einem weltweit angesehenen Standort für Gründer machen. Die Zahl der Start-ups soll in fünf Jahren mehr als verdreifacht werden. Nur: Die konkrete Finanzierung ist noch unklar.

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          „Vor anderthalb Jahren war das hier noch eine Baustelle.“ Tarek Al-Wazir (Die Grünen) nimmt sich eine Limonade aus dem Kühlschrank, trinkt einen Schluck und schaut zufrieden drein. Im August 2016 hatte Hessens Wirtschaftsminister an dieser Stelle Journalisten durch einen Rohbau geführt, von dem aus sich Frankfurt und die Region nun zu einem weltweit namhaften und begehrten Standort für Gründer entwickeln sollen. Inzwischen hat sich das hier entstandene Frankfurter Tech Quartier, das im Hochhaus „Pollux“ nahe der Messe schon zwei Stockwerke belegt, als Leuchtturm der hiesigen Start-up-Szene etabliert.

          Daniel Schleidt
          Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn es nach dem Willen der Gesellschafter des Gründerzentrums und Al-Wazir geht, soll das junge Tech Quartier, in dem technologieorientierte Start-ups an neuen Geschäftsmodellen arbeiten, nun zum Nukleus für den Aufstieg der Rhein-Main-Region zu einer der bedeutendsten Start-up-Zentren weltweit werden.

          Zwischen 15 und 20 Millionen Euro

          Gestern stellten Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft dort ein ehrgeiziges Projekt vor, das Jungunternehmern in Stadt und Umland mehr Geld und Unterstützung bieten soll. Bis zum Jahr 2022 sollen dazu zwischen 15 und 20 Millionen Euro entsprechend einem 20 Punkte umfassenden Förderprogramm fließen, bei dem es um das Anlocken von Talenten, neue Kooperationen, besseren Zugang zu Kapital und eine stärkere Vermarktung des Standorts gehen soll.

          Betrachtet man aktuelle Zahlen und Studien, ist die Lage in der Region nicht eben komfortabel für Gründer. Das zeigte zuletzt das Start-up-Barometer des Beratungsunternehmens EY: Demnach gingen von den 4,3 Milliarden Euro, die 2017 in ganz Deutschland in Gründer investiert wurden, gerade einmal 83 Millionen Euro an hessische Start-ups. In Berlin, Bayern und Hamburg wurde ein Vielfaches in neue Geschäftsideen gesteckt.

          Fokus auf Finanz-Start-ups

          Das soll sich ändern. Schließlich gilt es als offenes Geheimnis, dass die Digitalisierung Geschäftsmodelle in rasanter Geschwindigkeit verändern und neue Akteure hervorbringen wird, die dann für viele neue Arbeitsplätze und hohe Steuereinnahmen sorgen. Frankfurt will sich als Finanzplatz vor allem bei technologieorientierten Finanz-Start-ups (Fintechs) als führender Standort etablieren. Der Masterplan sieht vor, die Zahl der Fintechs, die derzeit bei 80 liegt, innerhalb der nächsten fünf Jahre auf 500 zu vervielfachen – aktuell gibt es in ganz Deutschland 700, so eine Comdirect-Studie. Bislang zieht es aber viele Fintech-Gründer nach Berlin, Hamburg und München. Gleichzeitig soll die Menge der Start-ups in der Region insgesamt von 300 auf 1000 ansteigen.

          „Die Aufgabe ist groß“, räumte Al-Wazir bei der Vorstellung des Vorhabens gestern ein. Doch offenbar ist er optimistisch, sie bewältigen zu können. Schließlich hätten Stadt und Umland als Verkehrsdrehscheibe, als bedeutender Finanzplatz und als größter Internetknoten der Welt gute Voraussetzungen für die Herausbildung eines florierenden Gründer-Ökosystems zu bieten.

          Lehrstühle für Unternehmertum

          Aus welchen Töpfen der Millionenbetrag kommen wird, steht im Einzelnen noch nicht fest. Es hieß, etwa ein Drittel der benötigten Summe sei bereits gesichert, auch das Land werde Mittel bereitstellen. Die Deutsche Börse kündigte in Person von Vorstand Hauke Stars an, eine sechsstellige Summe in die Umsetzung des Masterplans zu investieren.

          Der im Tech Quartier erarbeitete Masterplan hat vier Kernfelder festgelegt, die gefördert werden sollen. Um erstens Talente nach Frankfurt zu locken, sieht das Papier vor, an allen Universitäten der Region, so noch nicht geschehen, Lehrstühle für Unternehmertum einzurichten. Zudem sind internationale Austauschprogramme geplant, die Gründer aus anderen Ländern an den Main lotsen sollen.

          Besserer Zugang zu Kapital

          Als zweite Säule sieht der Masterplan vor, mit Hilfe von großen Konferenzen und kleineren Netzwerktreffen Kooperationen unter den Gründern selbst sowie zwischen Start-ups, Unternehmen und Universitäten voranzutreiben. Thomas Funke, Ko-Direktor des Tech Quartiers, sagte, etablierte Konzerne sollten etwa Probleme, an denen sie arbeiteten, künftig in die regionalen Gründerplattformen einspeisen, um gemeinsam mit jungen Unternehmen Lösungen zu erarbeiten.

          Auch der Zugang zu Kapital, der in Frankfurt – trotz der hier stark vertretenen Finanzbranche – häufig als unterdurchschnittlich kritisiert wird, soll laut Funke mit Hilfe des Förderprogramms verbessert werden. So teilte er gestern mit, dass kürzlich ein Kooperationsvertrag mit dem im Silicon Valley ansässigen Accelerator „Plug and Play“ geschlossen wurde. Das Unternehmen, das Gründer und etablierte Konzerne zusammenbringt, gilt auf diesem Feld als eines der renommiertesten der Welt. „Mit Hilfe der Partnerschaft sollten weitere finanzstarke internationale Investoren nach Frankfurt geholt werden“, so Funke.

          Und schließlich soll die Vermarktung der Region als Gründer-Standort ausgebaut werden. Dazu wird unter anderem ein neues Gründerportal gehören, das sich bereits in der Entwicklung befindet, hieß es. Start-ups sollen weiterhin mit dem im Herbst vergangenen Jahres aufgelegten, 33,5 Millionen Euro schweren Förderprogramm „Hessen Kapital III“ leichter an Kapital kommen, um aus Ideen marktreife Produkte und Dienstleistungen zu formen. Schon seit Jahren gibt es Versuche, die Region attraktiver für Start-ups zu machen. Zuletzt wurde die Aufnahme Frankfurts in die Start-up-Genome-Studie, in der die 50 wichtigsten Gründerstandorte der Welt aufgelistet sind, als Erfolg gefeiert. Damit will man sich offenbar künftig nicht mehr zufriedengeben.

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