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Studie aus Frankfurt : Wie schwer eine Corona-Infektion das Herz schädigen kann

In der Röhre: Die Probanden wurden mithilfe eines Magnetresonanztomografen untersucht (Symbolbild). Bild: dpa

Die Wissenschaftler der Uniklinik Frankfurt haben bei ihrer Studie über die Folgen für das Herz bei einer Corona-Infektion „erschreckende Beobachtungen“ gemacht. Die Forscher setzen bei der Behandlung auf Früherkennung.

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          Es war an Tag drei der Studie, als sich Valentina Puntmann und Eike Nagel stumm anschauten. Ohne ein Wort zu wechseln, wussten sie, dass der jeweils andere in diesem Moment ebenfalls das Ausmaß dessen zu begreifen begann, was sie da vor sich sahen. „Da ist viel mehr, als wir befürchtet hatten“, fasst Nagel, Direktor des Instituts für Experimentelle und Translationale Kardiovaskuläre Bildgebung an der Uniklinik Frankfurt, seine Gedanken von damals zusammen.

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Das Team um die Kardiologen Nagel und Puntmann hat für eine Studie 100 ehemalige Corona-Patienten untersucht. Unter anderem haben sie dafür MRT-Aufnahmen der Herzen der Probanden angefertigt. Bei 78 Patienten konnten sie entzündliche Veränderungen des Herzens nachweisen, bei rund 60 Patienten diagnostizierten sie eine aktive Entzündung des Herzmuskels. Ein Ergebnis, mit dem die Wissenschaftler weltweit für Aufsehen sorgten. Auch weil nach Veröffentlichung der Studie kleinere Fehler in der statistischen Auswertung bekanntwurden. „Wir wollten das Wissen so schnell wie möglich teilen“, sagt Puntmann. Es sei ihr und ihrem Team primär darum gegangen, keine Zeit zu verlieren.

          Erkrankung kann auch bei mildem Verlauf das Herz schädigen

          Innerhalb nur weniger Tage hat das Team die gesammelten Studienergebnisse zusammengefasst und veröffentlicht. Immer verbunden mit dem Ziel, frühestmöglich Ärzte auf der ganzen Welt auf das Problem aufmerksam zu machen und nach geeigneten Therapieformen für die Patienten zu suchen. Trotz der Fehler bleibt die Kernaussage der Studie nach Überzeugung der Forscher unberührt: Eine Corona-Erkrankung kann selbst bei einem milden und symptomfreien Verlauf das Herz schädigen. Derzeit gehen die Forscher davon aus, dass das Coronavirus einen schädlichen Autoimmunprozess in Gang setzt, der die Herzprobleme verursacht.

          Die meisten, die an der Studie teilgenommen haben, waren nur leicht erkrankt. 67 der Probanden gaben an, ihre Virusinfektion zu Hause auskuriert zu haben. 33 der Corona-Infizierten mussten zur Behandlung ins Krankenhaus, zwei von ihnen sogar beatmet werden. 47 Frauen und 53 Männer haben sich nach einem Aufruf der Uniklinik freiwillig als Probanden gemeldet, die meisten von ihnen waren zwischen Ende vierzig und Anfang fünfzig.

          Die Forscher fertigten Herz-Aufnahmen von 100 weiteren Studienteilnehmern an, bei denen kein Coronavirus nachgewiesen werden konnte. Die Vergleichsgruppe wurde so ausgesucht, dass sie in Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und Gewicht mit den Corona-Patienten übereinstimmte.

          Bei den festgestellten Veränderungen am Herzen, die die Mehrheit der ehemaligen Corona-Patienten aufwiesen, handele es sich vorerst nur um Beobachtungen. „Erschreckende Beobachtungen“, wie Nagel sagt. Wirklich überraschend sei das Ergebnis aber nicht. Denn viele der Patienten hätten nach der überstandenen Corona-Infektion über unspezifische Symptome geklagt, sagt der Kardiologe und berichtet von einem jungen Familienvater, der neuerdings eine Verschnaufpause benötige, wenn er Treppen steige. Früher sei er alle Stufen hochgesprintet.

          Noch keine standardisierte Behandlung

          Durch die MRT-Aufnahmen konnten die Ärzte laut Nagel neue Schäden an den Herzen der Patienten deutlich sichtbar machen. Die Studienteilnehmer, bei denen bei den Untersuchungen Veränderungen aufgefallen sind, werden derzeit weiter durch die Uniklinik betreut. In vielen Fällen könne den Patienten aber noch keine standardisierte Behandlung angeboten werden, sagt Nagel. Denn die Herzmuskelentzündungen seien durch die MRT-Aufnahmen in einem sehr frühen Stadium diagnostiziert worden. Das sei zwar prinzipiell gut, aber eben auch eher untypisch für das Krankheitsbild. Üblicherweise erhielten Patienten eine solche Diagnose nämlich erst, wenn sie schon viele Symptome entwickelt hätten. Weil die Entzündung im Regelfall schon weit fortgeschritten sei, kämen dann starke Medikamente zum Einsatz. Womöglich zu stark für die im Rahmen der Studie erkannten leichten Entzündungen.

          „Wir warten in der Medizin oft, bis Menschen mit Beschwerden kommen, die in ein typisches Krankheitsbild reinpassen. Wir reparieren und beugen selten vor“, kritisiert Nagel. Auch deshalb wollen die Forscher weitere Studien vorantreiben. Um Behandlungsmethoden zu entwickeln, die bei einer früh festgestellten Herzmuskelentzündung Wirkung zeigen oder die prophylaktisch verabreicht werden können. In einem sind sich die Forscher schon jetzt sicher: Unbehandelt kann eine solche Entzündung eine Herzinsuffizienz zur Folge haben.

          Viele der Studienteilnehmer habe das Ergebnis trotzdem beruhigt, wie Valentina Puntmann sagt. Weil sie endlich wüssten, wieso sie noch immer Beschwerden hätten. „Wir passen auf sie auf, wir lernen zusammen.“ Gemeinsam mit Eike Nagel hofft sie, dass die Studie auch an anderen Standorten fortgeführt werden kann. Auch um zu vermeiden, dass falsche Schlüsse gezogen werden. „Wenn wir jeden, der sich nach einer Corona-Infektion nicht ganz fit fühlt, herzkrank machen, hilft das auch nicht“, sagt Nagel. „Manchmal braucht es einfach Zeit, bis man sich wieder erholt. Das kann lange, lange dauern.“

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