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Einrichtungs-Start-up : Geschmack on Demand

  • -Aktualisiert am

Bloß keine Langeweile: Daniel Kuczaj sitzt auf einer Schaukel. Bild: Marcus Kaufhold

Das Unternehmen Roomhero will Einrichten einfacher machen. Dazu bietet es Arbeitsräume zum Mieten - oder übernimmt die komplette Gestaltung der Wohnung. Was der Kunde dafür tun muss? Einen Fragebogen ausfüllen.

          Der blaue Teppichboden fließt als schmales Band durch die gesamte Büro-Etage, gerahmt ist er von sandfarbenem Flor. „Der Teppichboden steht für den Main und sein Ufer“, sagt Daniel Kuczaj. Links reihen sich Einheitsschreibtische mit gleichen Bürosesseln und Lampen, dazwischen einige mobile Whiteboards. An der Decke verbreiten offen liegende Leitungen und Rohre ein Industrie-Loft-Flair im ursprünglich sterilen Bürohochhaus aus den neunziger Jahren.

          Am Ende des Raumes türmen sich aus schlichten Holzleisten gezimmerte, rund zwei Meter hohe „Taunus-Hills“ auf einem Podest, die ein Schriftzug an der Wand als solche ausweist. Dort kann man sich auf eine von drei Schaukeln setzen und einfach entspannen. Oder sich ein paar Meter weiter an die Kaffeebar setzen, deren Tresen aus Holz und wie der Bug eines Schiffs geformt ist. Der Holzleisten-Hügel verdeckt zwei Schlaf-Kojen für das Powernapping zwischendurch.

          Arbeitsplätze auf Zeit mieten

          Verschlossene, enge Kabinen mit neu gepolsterten alten Flugzeugsitzen ermöglichen den diskreten Rückzug aus dem Großraumbüro im dritten Stock des Tech-Quartiers im Pollux-Hochhaus an der Messe. Eine Etage tiefer steht ein weißer Flügel mitten im Großraumbüro, hier ist die Teppichfarbe Grün und soll den Frankfurter Grüngürtel abbilden. Der mündet hier allerdings nicht in den Taunus, sondern in ein symbolisches Waldstadion mit kleiner Tribüne fürs Treffen. An der Kaffeebar sorgen Lampen aus Apfelweingläsern und traditionelle Bembel fürs Lokalkolorit.

          Daniel Kuczaj und die Mitgründer seines Start-up-Unternehmen Roomhero haben hier, im Vorzeigeobjekt der Frankfurter Finanztechnologie-Szene, ein paar Arbeitsplätze gemietet. Sie zeichnen verantwortlich für die gesamte Innenausstattung der mittlerweile rund 3600 Quadratmeter an Büroflächen, eine weitere Etage ist bereits in der Planung. Fünf Gründer zählt Roomhero plus einen festen Mitarbeiter. Kuczaj, Betriebswirt, ist mit seinen Freunden vor drei Jahren angetreten, Ideen für das Arbeiten und Wohnen der Zukunft zu entwickeln.

          „Man verbringt sehr viel Zeit am Arbeitsplatz, und die Art des Arbeitens hat sich enorm verändert“, sagt er. Junge, aber auch ältere Firmengründer können hier Arbeitsplätze auf Zeit mieten, morgens um zehn ist es noch recht leer, ab 12 nimmt der Andrang an der Kaffeebar deutlich zu. Manche sind hier nur einen Tag die Woche stundenweise, andere täglich. Man kennt sich, man duzt sich. 262 Schreibtischplätze, verteilt auf zwei Etagen.

          Nach den Vorgaben des Kunden

          Hier erläutert der Gründer, wie er mit Roomhero nicht nur die Ausstattung moderner Start-up-Arbeitsplätze, sondern eigentlich den ganzen Möbelmarkt neu denken will: „Die meisten Menschen wünschen sich eine geschmackvoll eingerichtete Wohnung, aber viele haben keine Zeit und Lust tagelang von Möbelhaus zu Möbelhaus zu ziehen, um das Richtige zu suchen“, sagt Kuczaj. Einen individuellen Innenarchitekten aber würden nur sehr wenige finanzieren. Deshalb können Einrichtungswillige, aber Möbelhaus-Geschädigte bei ihm einen Komplettservice buchen: Man gibt sein Budget, die Raummaße, Stilvorlieben und vieles andere in einen Online-Fragebogen ein, ein Team von Innenarchitekten und Raumausstattern entwickelt nach Bedarf bis zu drei Vorschläge, besorgt das Mobiliar, liefert es und baut es auf.

          Je nach Wunsch von der einfachen Grundausstattung bis zum passenden Sofakissen und Bild. Die Möbelauswahl reicht vom preisgünstigen Schweden-Möbelhaus bis zum hochpreisigen Designerstück und richtet sich ganz nach den Vorgaben des Kunden. 199 Euro kostet der Planungs-Service je Zimmer, ab einem bestimmten Warenwert werden diese Kosten auch wieder verrechnet.

          Viele Kunden sind Immobilienbesitzer

          32 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Möbel aus, der Onlinemarkt liege dabei bislang bei weniger als fünf Prozent, sagt Kuczaj. Möbelhäuser auf der grünen Wiese übertrumpften sich gegenseitig an Größe und Sortimentstiefe. „Doch die Kunden wollen sich nicht unter Hunderten von Sofas entscheiden müssen, sondern eigentlich nur die drei finden, die zu ihnen passen.“ Deshalb will der 36 Jahre alte Kuczaj mit seinem Unternehmen auch nicht „der hundertste Online-Shop, der Möbel anbietet“ sein sondern „Problemlöser“. Angesichts der immer stärker steigenden Wohnungspreise im Rhein-Main-Gebiet müssten sich viele Menschen auch mit kleinen oder schwierigen Grundrissen begnügen. „Auch für Räume, die nicht so attraktiv sind, finden wir smarte und variable Möbel, um das Maximum daraus zu machen.“ Mit Hilfe einer 360-Grad-Kamera, die die Kunden zugeschickt bekommen, um die eigenen Räume zu filmen, ließen sich auch Problemecken bei der Ausstattung bedenken.

          Viele Kunden von Roomhero in Frankfurt sind Immobilienbesitzer, die Wohnungen ausstatten lassen, um sie möbliert zu vermieten. „Der Trend geht dahin, dass vor allem junge Berufstätige immer öfter den Job, die Stadt und die Wohnung wechseln“, sagt Kuczaj. Möbel zu besitzen, die man ständig umziehen oder bei Ebay billig verkaufen müsse, sei dann gar nicht mehr so wichtig, sondern eher lästig. Etwa jeder vierte seiner Kunden lässt sich privat eine Wohnung von ihm und seinen Innenarchitekten-Teams ausstatten, 80 Prozent dieser Kunden sind weiblich.

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