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Frankfurter SPD-Chef : „Mafiöse Awo-Führungsclique“

  • -Aktualisiert am

Will seine Partei schützen: der SPD-Vorsitzende Mike Josef Bild: Helmut Fricke

Der Frankfurter SPD-Chef Mike Josef fordert professionelle Aufsichtsstrukturen für Sozialverbände. Und er warnt die CDU vor dauernden Attacken gegen SPD-Dezernenten und Peter Feldmann.

          4 Min.

          Schadet der Awo-Skandal der Frankfurter SPD?

          Es handelt sich um einen Awo-Skandal!

          Aber wirkt der Skandal nicht zurück auf die SPD?

           Es geht nicht um Parteien, sondern um Kontrollmechanismen, die versagt haben, und eine mafiöse Führungsclique, die dies ausgenutzt hat. Sowohl private Wirtschaftsprüfer als auch städtische Kontrollorgane als auch ehrenamtliche Vorstandsmitglieder haben versagt.

          Besteht das Problem aber nicht darin, dass viele die Awo als einen Ableger der SPD sehen?

          Natürlich teilen wir grundsätzliche Werte wie Solidarität und Gerechtigkeit. Darum tun mir die ehrenamtlichen Mitglieder, die sich für alte Menschen und Arme engagieren, auch besonders leid. Sie haben es keinesfalls verdient, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Im Übrigen finde ich es unmöglich, dass bis heute aus den Reihen der Awo-Führungsriege keine Fehler eingeräumt wurden und es kein Wort des Bedauerns gab.

          Hätten die ehrenamtlichen Aufseher bei der Awo genauer hinschauen müssen?

          Der Betrug hat ja offenbar System gehabt. Dabei hat die Awo-Führung die Vorgänge geschickt vertuscht, und die Akteure haben sich gegenseitig gedeckt. Es gibt ja andere Beispiele von großen Unternehmen und Sportvereinen, die eine hauptamtliche Aufsicht hatten und wo trotzdem niemand bemerkt hat, dass der Laden gegen die Wand gefahren wird. Eine Garantie ist das nicht. Nichtsdestotrotz ist bei der Awo offensichtlich geworden, dass so ein großes soziales Unternehmen mit vielfältigen Aufgaben und komplexen wirtschaftlichen Vorgängen professioneller kontrolliert werden muss.

          Waren die Aufseher zu vertrauensselig?

          Es gab zumindest einen Vertrauensvorschuss. Den findet man oft, wenn es etwa um Wohlfahrtsverbände geht, weil die etwas Gutes tun, weil sie für die Schwachen in der Gesellschaft da sind. Es gibt eine Lehre aus dem Awo-Skandal: Bei komplexen wirtschaftlichen Vorgängen, bei denen es zudem um viel Geld geht, darf man nicht einfach nur vertrauen, und man braucht professionalisierte Aufsichtsstrukturen.

          Was müssen die Kontrolleure künftig anders machen?

          In Aufsichtsräten herrscht manchmal der Gedanke vor: Die werden das schon richtig machen, deshalb brauche ich nicht nachzufragen. Besser ist es, einmal zu viel nachzufragen als zu wenig. Und man muss sich durchaus trauen zu sagen: Erklärt mir die Zahlen und Zusammenhänge bitte genauer, ich verstehe sie nicht.

          Gilt man dann nicht schnell als unkollegiale Nervensäge?

          Nein, das darf kein Kriterium sein.

          Musste es nicht auffallen, dass der Geschäftsführer der Awo um die 300.000 Euro im Jahr verdient, mehr als die Bundeskanzlerin?

          Ja. Diese Gehälter sind unanständig und unangemessen.

          Die SPD dürfte jetzt mit einer Awo-Hypothek ins letzte Jahr vor der Kommunalwahl gehen. Machen Sie sich Sorgen?

          Der Awo-Skandal muss jetzt zügig und rückhaltlos aufgeklärt werden, unabhängig von Wahlen. Aber Frankfurt steht vor großen Herausforderungen und Fragen zu seiner Zukunft. Diesen Themen müssen wir wieder unsere Aufmerksamkeit widmen. Die Stadt wächst, wir brauchen immer mehr Investitionen in Wohnungen, Schulen, Kitas, in unseren Grüngürtel, den Radverkehr, die U- und Straßenbahnstrecken. Wir brauchen mehr Aufenthaltsqualität in der Innenstadt, fußgängerfreundliche Stadtteile, also eine echte Verkehrswende. Wir wollen den Willy-Brandt-Platz als Ort des Theaters erhalten und nicht den Kapitalinteressen opfern. Ich mache mir von daher keine Sorgen, da die Menschen in unserer Stadt auf diese Fragen Antworten erwarten. Und die haben wir – glaubwürdig und mit Haltung.

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