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Sozialer Brennpunkt : Kosmetik für die Ahornstraße

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Willkommen in Griesheim: Einladend sieht anders aus. Bild: Wonge Bergmann

Einladend sieht anders aus: Die Ahornstraße gilt in Frankfurt als sozialer Brennpunkt. Doch die Zeiten der „No-go-Areas“ sollen endlich der Vergangenheit angehören.

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          An ihrem östlichen Ende hat die Ahornstraße einen beinahe dörflichen Charakter: Bunt angestrichene Einfamilienhäuser mit hübschen Vorgärten prägen das Straßenbild, Rasensprinkler wechseln sich mit Gartenzwergen ab. An der Elektronstraße ändert sich die Szene. Die Fassaden der vierstöckigen Wohnblocks sind schwarz vom Ruß oder mit Graffiti beschmiert, neben einer leerstehenden Trinkhalle stehen Autowracks auf einem Schrottplatz. „Die Elektronstraße war schon immer eine Art Grenze im Stadtteil“, sagt Beate Gottschling, die am östlichen Ende der Ahornstraße wohnt – das westliche Ende meidet sie. Noch heute leidet Griesheim unter dem schlechtem Ruf der Straße: In den 1990er-Jahren geriet sie durch Jugendbanden in Verruf; nach dem Mord an einem Jugendlichen sprach der „Focus“ von „Frankfurts Bronx“.

          „Die Zeiten der No-go-Area sind zwar vorbei“, sagt Planungsdezernent Mike Josef (SPD) beim Rundgang durch das Viertel am Mittwochnachmittag. Einladend sei das Quartier aber immer noch nicht. „Aus stadtplanerischer Sicht muss etwas passieren“, findet er. Gemeinsam mit Frank Junker, Chef der städtischen Wohnbaugesellschaft ABG Holding, hat Josef ein Konzept entwickelt. „Bis 2020 sanieren wir sämtliche Fassaden der Siebziger-Jahre-Bauten“, kündigt Junker an. Auch neue Fenster und Türen sollen eingebaut und die Treppenhäuser gestrichen werden. Das sei dringend nötig. „Viele Häuser sind in bemitleidenswertem Zustand“, findet Junker. Insgesamt 1,6 Millionen Euro gibt die ABG für die Aufwertung aus. Im Budget enthalten ist auch Geld, um Spielplätze in dem kinderreichen Viertel neu zu gestalten. „Generell möchten wir strukturiertere Grünflächen im Quartier“ erklärte der ABG-Chef.

          Viele Brach- und Gewerbeflächen sollen verschwinden. Auch der Abstellplatz eines Gebrauchtwagenhändlers neben dem Fußballfeld des SV Griesheim. Statt Autos sollen hier bald Bälle rollen: „Der gegenüberliegende Sportplatz wechselt die Seiten und wird neu gebaut“, erklärt Josef. Auf dem Areal, das frei wird, entsteht hingegen Wohnraum: 29 Wohnungen in Reihenhäusern und zehn in Geschossbauten baut die ABG.

          Einen Steinwurf entfernt prägt neben der Bilal-Moschee vor allem ein klobiges Umspannwerk der Mainova das Straßenbild. „Hier ist ein gemeinschaftliches Wohnprojekt denkbar“, sagt Josef. Ob auf dem Areal gebaut werden kann, sei aber noch unsicher. „Wir sind mit der Mainova im Gespräch.“

          Ein „Schandfleck“

          Deutlichere Worte fand der Planungsdezernent für die Hinterhofparkplätze zwischen Ahorn- und Froschhäuserstraße. Ein „Schandfleck“ sei das Areal, auf dem mehrere Autowracks lagern. Junker spricht von „verlorenen Flächen“. Ein Wohnhaus sei hier denkbar, so der ABG-Chef. Geförderte Wohnungen hingegen nicht. „Wir wollen eine Durchmischung im Viertel“, sagt er. Lediglich Sozialwohnungen zu bauen sei der falsche Schritt.

          Anwohnerin Gottschling hält die Aufwertung für eine gute Sache. Nur um den zunehmenden Verkehr macht sie sich Sorgen. „Schon jetzt ist die Parksituation angespannt“, findet sie. Dem Ruf ihres Stadtteils würde die Förderung aber guttun. Ulrike Steinig, Kinderbeauftragte in Griesheim, sieht die Sache ähnlich: „Höchste Zeit, dass die Häuser saniert werden.“ Einen neuen Anstrich hätten die Gebäude bisher nur bekommen, wenn mal wieder ein Keller brannte, erzählt die Griesheimerin.

          Leichte Gentrifizierung

          Sascha Mahl kennt Griesheim wie seine Westentasche. Der Zweiundvierzigjährige, der hauptberuflich als Personalreferent arbeitet, führt regelmäßig Besuchergruppen durch seinen Stadtteil. „Die meisten Frankfurter meiden die Ahornstraße“, sagt er. Die geplante Aufwertung hält er für den richtigen Schritt. „Der Ruf des gesamten Stadtteils könnte sich dadurch verbessern“, hofft er. Schon jetzt sei eine „leichte Gentrifizierung“ in Griesheim zu spüren. „Vielleicht lockt der Umbau auch mehr Gastronomen in den Stadtteil“, sagt Mahl. So könne sich die Aufenthaltsqualität im Frankfurter Westen verbessern und Besucher aus anderen Stadtteilen angezogen werden.

          Darauf zielt auch Mike Josef ab, der selbst im Westen der Stadt wohnt. „Griesheim hatte bereits in den neunziger Jahren einen Entwicklungsplan, der nie umgesetzt wurde“, sagt er. Nun möchte die Stadt verstärkt Anwohner in die Planung miteinbeziehen. Dazu gründen Bewohner, Vereine und Ehrenamtliche die lokale Partnerschaft. „Die Vorschläge fließen direkt in die Planung mit ein“, verspricht Stephanie Doering vom Planungsamt. Für den 13. August lädt die Gruppe zum ersten öffentlichen Treffen in den Saalbau Griesheim ein.

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