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Schüler für Klimaschutz : Auf der Straße statt im Klassenzimmer

  • -Aktualisiert am

Jugendbewegung: Seit Dezember demonstrieren Schüler auch in Frankfurt für den Klimaschutz. Einer von ihnen ist Luca Peters (im grauen Mantel). Bild: christoph boeckheler*

Zum vierten Mal streiken Schüler heute für den Klimaschutz. Mit ihrem Engagement verstoßen die Jugendlichen gegen die Schulpflicht. Das Kultusministerium rät Schulen allerdings von harten Sanktionen ab.

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          Seit 24 Wochen befindet sich Greta Thunberg im Streik. Die 16 Jahre alte Schwedin boykottiert jeden Freitag die Schule, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. Ihre Begründung: Es bringe nichts, Fakten in der Schule zu lernen, wenn die wichtigsten Fakten offensichtlich nichts für Politiker und Gesellschaft bedeuteten. Auch Frankfurter Schüler haben sich von Thunberg inspirieren lassen. „Fridays for Future“ nennt sich die Bewegung, der sich weltweit Zehntausende Jugendliche angeschlossen haben. Demonstriert wird nicht etwa nach der Schule, sondern während der Unterrichtszeit, weshalb die Aktion auch „Schulstreik“ heißt.

          Gerichtet an andere Schüler, sagt Thunberg, sie müssten nicht streiken, jeder solle selbst für sich entscheiden. Seit Anfang Dezember haben sich in Deutschland rund 100 Ortsgruppen gebildet, um jeden Freitag für einen schnellstmöglichen Kohleausstieg und das Erreichen der Klimaziele zu streiken. Nachdem die Bewegung in Frankfurt mit rund 40 demonstrierenden Schülern begonnen hatte, liefen zuletzt rund 200 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren mit.

          Streikrecht steht Schülern nicht zu

          Luca Peters, Mitorganisator der Schulstreiks in Frankfurt, rechnet damit, dass es heute mehr als doppelt so viele Teilnehmer sind. Das hängt auch mit der Ausgabe der Halbjahreszeugnisse zusammen: Nach der dritten Stunde endet heute in den meisten Schulen der Unterricht. Rechtzeitig zur Demonstration, die um 11 Uhr losgehen soll. Von der Bockenheimer Warte soll die Route über den Campus Westend und die Innenstadt bis zum Römerberg führen.

          Obwohl heute somit kein Schüler schwänzen muss, wird über den Schulstreik unter Eltern, Lehrern, in den Kultusbehörden und auch zwischen den Jugendlichen kontrovers diskutiert. Denn ein Streikrecht steht Schülern nicht zu. Zudem impliziere der Begriff Schulstreik, dass gegen die Schule gestreikt werde, sagt der Stadtelternbeirats-Vorsitzende Eckhard Gathof. Dabei gehe es doch um ein allgemeines Ziel, nämlich den Klimaschutz. Deshalb den Unterricht zu boykottieren sei falsch. Eine Demonstration nach der Schule oder am Wochenende wäre nach Gathofs Meinung genauso aussagekräftig. Dennoch sei das Engagement der Schüler lobenswert. Auch gemeinsame Aktionen von Eltern und Schülern seien vorstellbar.

          Kultusministerium rät von harten Sanktionen ab

          Wie alle Bürger hätten auch Jugendliche das Recht zu demonstrieren, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums. Andererseits gelte die allgemeine Schulpflicht, die in diesem Fall vorrangig sei. Rechtlich gesehen, sei ein Schulstreik deshalb abzulehnen. In pädagogischer Hinsicht sei es jedoch zu fördern, dass sich die Jugendlichen für ihre Zukunft einsetzten. Zum Bildungsauftrag gehöre es, die Entwicklung zu politisch bewussten und engagierten Erwachsenen zu unterstützen. Die Entscheidung, wie man mit dem Schulstreik umgehe, liege im Ermessen jeder einzelnen Schule. Von harten Sanktionen rät das Kultusministerium allerdings ab.

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          Trotz der steigenden Teilnehmerzahlen bei den Demonstrationen in Frankfurt wollen viele Schulleitungen offiziell nichts davon wissen, dass sich ihre Schüler am Streik beteiligen. Die Schülervertretung der Bettinaschule im Westend begegnet dem Streik laut Schulleiterin Elke Schinkel mit Distanz. Wer seinem Protest Ausdruck verleihen wolle, der müsse auch mit den Fehlstunden als Konsequenz leben, laute der Tenor einer Übereinkunft mit der Schülervertretung. Schinkel lobt den „reifen Umgang“ der Jugendlichen mit dem Thema.

          „Wir schwänzen nicht, wir streiken“

          In der Sachsenhäuser Schillerschule habe man in dieser Woche zwei Schulstunden genutzt, um in jeder Klasse eigene Klimaziele zu formulieren, sagt Schulleiterin Claudia Wolff. So lernten die Schüler, einen kritischen und differenzierten Blick für die Thematik zu entwickeln. Schulleiter Gerhard Köhler vom Heinrich-von-Gagern-Gymnasium sagt, er entscheide je nachdem, wie überzeugend die Jugendlichen ihr Engagement begründeten, über eine mögliche einmalige Freistellung vom Unterricht. Am Riedberg-Gymnasium wird dagegen auf die begleitete Aufarbeitung der Thematik in Gruppen gesetzt. Man müsse den Jugendlichen auch das Gefühl vermitteln, dass sie sich für ihre Interessen engagieren sollen. Einzelaktionen brächten keinen Mehrwert, sagt Direktor Helmut Kühnberger.

          Dem 18 Jahre alten Peters ist es durchaus bewusst, dass der Streik gegen die Regeln verstößt. Von dem Begriff „Schule schwänzen“ will er jedoch nichts wissen. „Wir schwänzen nicht, wir streiken“, sagt Peters. Es gehe bei dem Streik nicht darum, nicht lernen zu müssen, sondern darum, etwas zu verändern. Die Politik setze wissentlich die Zukunft der jüngeren Generation aufs Spiel. „Erst wenn Politiker anfangen, in unserem Interesse zu handeln, werden auch wir wieder in ihrem Interesse handeln“, sagt Peters. Die Lösungen seien da, sie müssten nur in die Tat umgesetzt werden. Nach der heutigen Demonstration ist in der heißen Phase der Abiturprüfungen am 15. März ein „Generalstreik“ für Hessen in Frankfurt geplant. Schließlich warte der Klimawandel nicht auf den Schulabschluss, sagt Peters.

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