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Frankfurter Schauspielhaus : Theater als Leidenschaft

Sich selbst wollen Gerhard Bonk und Hartmut Schäfer nicht zeigen, ihre Helden von einst aber schon: Michael Degen spielte 1996 mit Renate Schroeter (rechts) und Carmen Renale Köper (links) Osbornes „Blick zurück im Zorn.“ Bild: Günter Englert

Seit 1962 haben Gerhard Bonk und Hartmut Schäfer keine hauseigene Inszenierung des Frankfurter Schauspiels ausgelassen: Ein Rückblick aus Zuschauerperspektive.

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          Nichts geht ihnen über die erste Penthesilea. Am 25. Januar 1962 stand Lola Müthel als Kleists Penthesilea auf der „Kochplatte“ im Großen Haus der Städtische Bühnen. So nannten die Frankfurter damals die Drehbühne in der Oper, wo das Schauspiel, das einst dort Hausherr war, mit den größeren Produktionen gastierte, weil es nach dem Krieg in Übergangslösungen spielte.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gerhard Bonk und Hartmut Schäfer saßen im Publikum und staunten über diese „archaische Inszenierung“ von Schauspieldirektor Heinrich Koch. „Heute wird alles krampfhaft in die Gegenwart gezogen.“ Hatte das jetzt Bonk oder Schäfer moniert? Einerlei. Die beiden Theaterfreunde, die auch Freunde im Leben sind, fallen sich immer wieder gegenseitig ins Wort, wenn es darum geht, sich an die schönsten Erlebnisse im Schauspiel Frankfurt zu erinnern.

          Die ersten Stücke im Schauspielhaus

          Am 14. Dezember 1963 eröffnete Generalintendant Harry Buckwitz das neu erbaute Schauspielhaus mit Goethes „Faust I“. Wieder inszenierte Heinrich Koch. Hans Caninenberg betrat als Titelheld die seither größte Bühne Deutschlands, Hans Dieter Zeidler folgte ihm als Mephisto.

          „Und unsere geliebte Renate Schröter spielte das Gretchen“, rufen die beiden Theaterveteranen wie aus einem Munde. Am Tag darauf präsentierte Buckwitz seine eigene Inszenierung von Brechts „Heiliger Johanna der Schlachthöfe“ mit Eva Kotthaus und Franz Kutschera. „Eine tolle Besetzung“, erinnert sich Schäfer. „Bühne total“, ergänzt Bonk. Aber der Star der Buckwitz-Zeit sei Michael Degen als Hamlet gewesen.

          „Die absolute Ikone für uns und Peter Iden war aber Johanna Wichmann.“ Heinrich Kochs Ehefrau spielte die Solveig in Ibsens „Peer Gynt“, die Titelheldin in Lorcas „Dona Rosita“, die Blanche in Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“. Zart und zerbrechlich soll sie gewesen sein. Schäfer hatte ein gemeinsames Essen mit ihr als ersten Preis bei einem Theaterquiz gewonnen. Der zweite Preis ging an Bonk: das Bühnengewand der Maria Stuart.

          „Große Empathie für Schauspieler“

          Er tauschte es gegen zwei Opernkarten für „Carmen“ und ging mit Schäfer und Wichmann in „Die Müllerin“ (heute das Burgerrestaurant „Die Kuh die lacht“). Ihre letzte Rolle, die Winnie in Becketts „Glückliche Tage“, spielte Johanna Wichmann 1980 im Chagallsaal. Danach nahm sie sich das Leben. Schäfer glaubt, diese Rolle habe ihr den Rest an Kraft genommen. „Sie war immer so gefühlvoll und verkannt.“ Begraben liegt sie neben ihrem Mann in Walldorf.

          Schäfer identifiziert sich sehr mit den Rollen. „Ich kann nur ein Leben leben, aber als Zuschauer lebe ich andere Leben mit“, sagt er. Und: „Ich habe eine große Empathie für Schauspieler.“ Er kann sich aber auch distanzieren, zum Beispiel von drei der fünf Penthesileen, die er in Frankfurt gesehen hat. „Marlen Diekhoff kam nicht an Müthel ran.“ Manuela Alphons auch nicht.

          Über Karin Pfammatter in Anselm Webers Inszenierung zur Eröffnung der Schweeger-Intendanz 2001 sagen beide: „Die Hauptdarsteller passten nicht.“ Nur Katharina Linder als Asteria hat ihnen gefallen: „Die hätte die Penthesilea spielen sollen.“ Einzig Constanze Becker 2015 lassen sie gelten. „Aber leider hat Michael Thalheimer nur ein Skelett der ,Penthesilea‘ auf die Bühne gebracht: mit drei Personen.“ Die erste „Penthesilea“ bleibt für sie die beste: „Koch hat bewiesen, dass sie doch spielbar ist.“

          Idol der Theaterfreunde: Johanna Wichmann in „Schmaler Weg in den tiefen Norden“ 1970

          Als „möblierte Herren“ im Nordend hatten sich Schäfer und Bonk Anfang der sechziger Jahre in Frankfurt niedergelassen. Da hatten sie schon mehr hinter sich als die meisten Theaterfans heutzutage. Bonk, 1939 in Niederschlesien geboren, erlebte als Kind, wie sein kleiner Bruder nach dem Krieg verhungerte und seine Mutter an Typhus starb. Seine Schwester überlebte die Krankheit. Gemeinsam zog die Oma mit ihnen im letzten Transport nach Westen. In einem Dorf nahe Hannover kamen sie unter. Seinen Vater, in Österreich hängen geblieben, fand Bonk über das Rote Kreuz. In der Steiermark ging er zeitweilig zur Schule, kehrte nach Niedersachsen zurück, ließ sich in Luzern zum Koch ausbilden, schmiss die Lehre und zog ins Ruhrgebiet, wo sein Vater inzwischen sesshaft geworden war. „Einen Tag vor dem 21. Geburtstag zog ich aus.“

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