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Frankfurter Schauspiel : Wenn der Ehemann den Schmerbauch von sich wirft

Irrer Singsang: Lena Schwarz (Gregers Werle), Wiebke Mollenhauer (Hedwig Ekdal), Claude de Demo (Gina Ekdal) Bild: Hupfeld

Melodram und Comedy: „Die Wildente“ von Henrik Ibsen in der Inszenierung Karin Henkels im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels

          2 Min.

          Die Schauspieler haben den Abend gerettet. Auch wegen des komischen Talents, das vor allem Torben Kessler als Hjalmar Ekdal und Lena Schwarz als Gregers Werle zu beweisen üppige Gelegenheit hatten. Nur dass einem „Die Wildente“ nicht gerade als Komödie in Erinnerung ist, auch wenn das Stück durchaus possenhafte Momente hat und das bürgerliche Trauerspiel als solches seit jeher die Tendenz zur Farce in sich trägt. Das Regietheater im 20. Jahrhundert, vor allem aber auch der Film mit Großkritikern der Bourgeoisie wie Buñuel oder Chabrol, haben derlei in vollem Umfang ausgekostet. Insofern gibt es jetzt im Frankfurter Sprechtheater ein Dacapo.

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch cineastische Anleihen macht Karin Henkel in ihrer Inszenierung des Dramas von Henrik Ibsen zuhauf, die im Großen Haus des Schauspiels einen Teil des Premierenpublikums zu Buh-Rufen animierte. Die Erwartungshaltung wurde enttäuscht: Anstatt die großen Konflikte der groß- und kleinbürgerlichen Existenz ästhetisch elegant auf die Bretter zu bringen, verwirbelt die oft in schwindelerregende Bewegung versetzte Drehbühne die Fragen nach Wahrheit und Schuld, Lebenslüge und Charakter, Familienzusammenhalt und Eheglück, Moralismus und Laissez-faire, Gesellschaft und Außenseitertum ins Lächerliche, Pseudomelodramatische, Hochironische.

          Kein Platz für das Drama

          Das geht uns alles nichts mehr an, scheint die Botschaft zu lauten. Der Rigorismus des Bürgertums mit seinem Pochen auf unbedingte Wahrhaftigkeit, wie ihn Gregers vertritt, wirkt ebenso grotesk wie die mühsam aufrechterhaltenen Illusionen von heiler Familie, doch noch in Gang kommender Karriere, künftiger Unabhängigkeit von den Reichen und Mächtigen. In Frankfurt wird das rasante Verschwinden von Lebensentwürfen inszeniert, die an Konventionen orientiert sind, auf ein festes soziales Gefüge bauen, sich moralischen Ansprüchen stellen. Da ist kein Platz für das Drama, er wird von der Daily Soap beansprucht, deren Kitsch- und Klischeehaftigkeit natürlich sogleich im Klamauk aufgeht.

          Vorsicht, falsche Gefühle: Ein Herz aus Leuchtröhren strahlt über einer mehrstöckigen Wohnanlage, in der sich zuerst das Haus der Werles und alsbald das der Ekdals auftut. Eine Klappe führt vom Gemach zum Dachboden, wo neben Kaninchen auch eine Wildente haust, ein eher symbolisches Tier, das unter anderem für den Wunsch steht, der eigenen Natur zu folgen. Hedwig (Wiebke Mollenhauer), die Tochter von Hjalmar, widmet dem Vogel, den die Zuschauer nicht zu Gesicht bekommen, ihre ganze Zuneigung. Wie sich herausstellt, ist das 14 Jahre alte Mädchen gar nicht das Kind des arbeitsscheuen Fotografen.

          Das tragische Ende wirkt aufgesetzt

          Vielmehr ist Direktor Werle (Martin Rentzsch) ihr leiblicher Vater. Einst hat er Hjalmars nachmalige Frau Gina (Claude de Demo) bedrängt. Nach Jahren klärt Werles Sohn, der seinen Erzeuger hasst, die Zusammenhänge auf. Das Idyll der Ekdals zerbricht. Dass Gregers mit einer Frau besetzt ist, die zwischen überspannter Tochter eines reichen Mannes und Femme fatale changiert, ist ein Regieeinfall, der sich nicht wirklich erschließt, auch wenn Gregers und Hjalmar auf diese Weise ein reizendes Paar abgeben: Unter dem Einfluss der anderen Frau wirft er sogar seinen gemütlichen Schmerbauch von sich, der so gut zur ehelichen Behaglichkeit passte. Einmal Charakter zeigen: Wie sich der Mann dabei verbiegt, auch im körperlich-pantomimischen Sinn, ist wunderbar anzuschauen. Das tragische Ende des Stücks wirkt danach reichlich aufgesetzt. Wie der ganze Ibsen in dieser Inszenierung.

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