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Frankfurter Schauspiel : Die Litanei der Erinnerungen

Bayern unter sich: Traute Hoess und Felix von Manteuffel. Bild: Birgit Hupfeld

Das Frankfurter Schauspiel eröffnet die neue Saison in den Kammerspielen mit „Bouncing in Bavaria“ mit Traute Hoess und Felix von Manteuffel. Ein gelungener Auftakt.

          4 Min.

          Sie nehmen zwei Döschen aus der Tasche, in denen jeweils ein klein zusammengefaltetes Staniolpapier Platz fand. Jeder entfaltet seines, Mann und Frau ziehen die Schuhe aus, was zu einem ersten Lacher beim Publikum führt, denn Felix von Manteuffel entledigt sich seines Paars, indem er ein aus dem Bühnenboden ragendes Hilfsgerät wie einen Dosenöffner nutzt. Sie betreten die metallisch glänzenden Flächen. Mit einer gewissen Abgeklärtheit und Nonchalance richten sich von Manteuffel und Traute Hoess in einer Versuchsanordnung ein, einem experimentellem Ambiente, in einem wegen seiner weißen Farbe klinisch wirkendem Gehäuse, einem unbeschriebenen, neutralen, für die Aufnahme von Inhalten prädestinierten Raum. Später wird er sich kurz und zaghaft mit Bildern und abstrakten Formen füllen, in kleinen Pausen, als minimalistische Zwischenspiele. Zweimal konterkarieren farbenfrohe Projektionen einer bayrischen Landschaft mit durchs Bild laufenden Kühen die Sterilität des Bühnenbilds.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          „Bouncing in Bavaria“ ist der Titel dieses Stücks, das kein Stück im herkömmlichen Sinn ist. Er bezieht sich auf eine Sendung des amerikanischen Soldatensenders AFN, der einst nicht nur den Musikgeschmack der jungen Westdeutschen beeinflusst hat, sondern auch viel zur Auflockerung ihres Lebensgefühls beitrug. In den Kammerspielen des Frankfurter Schauspielhauses hatte das Werk, das man mit Fug postdramatisch nennen darf, jetzt Premiere. Als Auftakt zur neuen Saison. Die Besucher waren begeistert.

          Es gerät nichts außer Kontrolle

          Eine junge, ganz in Weiß gekleidete Frau im Hintergrund hat schon zu Beginn mit einem Gerät, das den Kerzenlöschern von Mesnern nachempfunden scheint, einen Leuchtkasten abgedeckt. Er markiert einen Ausgang. Der Weg nach draußen, ins Hier und Jetzt, wird dergestalt symbolisch versperrt. Lili Mihajlović verharrt knapp anderthalb Stunden lang mit dem Verdunkelunginstrument in der Hand, eine wahrhaft stumme und dazu noch äußerst bewegungsarme Rolle. Die Frau und der Mann im besten Menschenalter suchen sich ihren Ort auf der Bühne. Frontal zu den Besuchern. Ein Energiekreislauf wird geschlossen, doch es kommt immer wieder zu technischen Irritationen oder auch einfach nur Reaktionen: Wenn sich die beiden berühren, lärmt ein Signalton los. Zwischendrin ohrfeigen sich die Akteure, was Auswirkungen auch auf das Licht und die technischen Töne hat, es flackert und klirrt. Ennio Morricones „Lied vom Tod“ wird die aus der Sphäre von Elektrizität und psychologischem Test stammenden Töne im Lauf des Abends ersetzen. Aber es gerät nichts außer Kontrolle. Die Technik und auch der Italowestern-Soundtrack spiegeln das Spiel wieder, dessen klare Regeln beide strikt befolgen.

          Sobald sie sich auf das mitgebrachte Staniolpapier gestellt haben, beginnt der Bewusstseinsstrom zu fließen, assoziativ und doch strengen Vorgaben entsprechend. Der eine geht im Kopf das Alphabet durch, die andere sagt „Stopp!“, oder umgekehrt, und schließlich beginnt bei dem Buchstaben, bei dem sie oder er stehengeblieben ist, eine Litanei der Erinnerungen. „Ich erinnere mich an“, beginnen die Sätze jeweils, die Darsteller wechseln sich ab, bis einer offenbar gar nicht mehr weiterkommt, und das Buchstabenrad dreht sich abermals. Eine Erinnerungsmaschine setzt sich in Gang, und was und wie die Schauspieler von sich geben, ist manchmal so komisch, wie es die Erlebnisse von Kindern und dann auch von Erwachsenen, gerade wenn sie am Theater tätig sind, nur sein können. Es werden keine Geschichten erzählt, stattdessen Erlebnisse angerissen, Ereignisse aufgefrischt, Phänomene erwähnt, die zur kollektiven Erfahrung von Generationen, wenn nicht aller gehören, aber auch familiäre Spezialitäten angesprochen, die nicht selten zu ausgelassener Heiterkeit führen.

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