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„Frankfurter Rundschau“ : Zum Schluss ein aussichtsloser Kampf

  • -Aktualisiert am

„Rundschau“-Geschäftsführer Karl Heinz Kroke erläutert die Gründe für den Insolvenzantrag Bild: Eilmes, Wolfgang

Alle haben sie gekämpft bei der „Frankfurter Rundschau“: Mitarbeiter, Manager, nicht zuletzt die Geldgeber. Am Ende hat alles nichts geholfen. Ein Abgesang.

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          Es war nicht immer von Krise die Rede bei der „Frankfurter Rundschau“, es gab auch goldene Zeiten. Die Anzeigen, vor allem der lokale Wohnungs- und Stellenmarkt, spülten schöne Gewinne in die Kassen. Man ließ es sich gut gehen, die Weinrechnungen des Geschäftsführers Horst Engel sind im Verlag noch heute Legende. Doch schon damals verdeckten die gut gehenden Geschäfte die strukturelle Schwierigkeit des Blattes: Die überregionale Auflage war nicht groß genug für die teure nationale journalistische Ambition, die Zeitung wurde zu je etwa einem Drittel in Frankfurt, in Hessen und in Deutschland vertrieben.

          Die höchste je verkaufte Auflage lag 1989 bei immerhin 197.085 Exemplaren (mittlerweile ist sie auf knapp 118.000 gesunken). Zugleich machten die florierenden Anzeigenerlöse auch innerredaktionelle Anstrengungen scheinbar nicht erforderlich: In den kafkaesk engen Gängen des Zeitungsverlags am Eschenheimer Tor war oft von einer imaginären „langen Bank“ die Rede. Die stand vor der Chefredaktion und half beim Vertagen der Probleme.

          Unstete Führung

          Redaktionelle Vorboten der Krise äußerten sich, ehe sie wirtschaftlich mit voller Härte einschlug, in unsteter Führung: Auf den langjährigen Chefredakteur Werner Holzer folgten 1992 Roderich Reifenrath, 2000 das Duo Siemens/Kohl, 2002 Wolfgang Storz, 2006 Uwe Vorkötter, der zuletzt von Berlin aus die Geschicke der mit der „Berliner Zeitung“ zusammengelegten Redaktion leitete, bis er beim Verleger Alfred Neven DuMont in Ungnade fiel und in diesem Sommer abgelöst wurde. Bis heute waren in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet nur noch die Lokalredaktionen und die Abteilungen für die digitalen Formate vertreten - die „Frankfurter Rundschau“ war im Grunde bis aufs Lokale eine Zeitung aus der Bundeshauptstadt.

          Spätestens im Jahr 2003 war die wirtschaftliche Krise des Blattes schon überdeutlich geworden. Ausgerechnet die Landesregierung jenes Roland Koch, dessen Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft die „Rundschau“ im Wahlkampf 1999 mit einer Unterschriftenkampagne bekämpft hatte, unterstützte die Zeitung mit einer Landesbürgschaft. Als im Mai 2004 die SPD-Medienholding DDVG 90 Prozent der „Rundschau“-Anteile übernahm, wurde dies in der Branche als lebenserhaltende Maßnahme der Sozialdemokratie für ein linksliberales Blatt gewertet.

          Das Kölner Verlagshaus M. DuMont Schauberg übernahm im Juli 2006 mit 50 Prozent und einer Stimme die Mehrheit bei der, wie der Verlag offiziell heißt, Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH. 40 Prozent hielt und hält weiter die DDVG, zehn Prozent liegen bei der nach dem Gründer benannten Karl-Gerold-Stiftung. M. DuMont Schauberg gibt regionale Blätter wie den „Kölner Stadtanzeiger“, die „Kölnische Rundschau“, den Kölner „Express“, die „Berliner Zeitung“ den „Berliner Kurier“, die „Mitteldeutsche Zeitung“ in Halle und die „Hamburger Morgenpost“ heraus. Dem eigenwilligen Altverleger Alfred Neven DuMont wurde nachgesagt, er verwirkliche mit dem Mehrheitserwerb der „Frankfurter Rundschau“ lang gehegte überregionale Ambitionen.

          Seit 2006 ging es bergab

          Der Start in die neue Zukunft war folgerichtig beschwingt. Große Erwartungen setzte man in die Umstellung auf das handlichere Tabloid-Format. Erfüllt wurden sie genau so wenig wie die Hoffnung, schwarze Zahlen zu schreiben, seit 2006 ging es bergab.

          Bewundernswert war, was sich die Mitarbeiter, deren Zahl auch durch teure Abfindungen immer stärker dezimiert wurde, im Laufe der Jahre gefallen ließen - Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld ebenso inklusive wie dauernde redaktionelle Strategiewechsel. Auch der erste Mann des Managements in Frankfurt, Karlheinz Kroke, ein munterer Rheinländer, ließ sich durch all die Nackenschläge, die er hinnehmen musste, nicht den Kampfesmut nehmen; immer wieder ersann er neue Sparmaßnahmen, Auslagerungen, Leiharbeitsverhältnisse.

          Am Ende hat alles nicht gefruchtet. Zu spät angegangene hausgemachte Schwierigkeiten trafen auf die strukturelle Krise einer Branche, die noch keine Antwort auf die digitale Herausforderung findet, und auf hohe Rückgänge bei den Anzeigenerlösen. Es ist schade. Mit der „Frankfurter Rundschau“ verliert die Pressevielfalt eine vernehmbare Stimme.

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