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Projekt zur Ausbildung von Pflegern : Jeder Altenpfleger zählt

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Arbeit mit Zukunft: Es gebe zu wenig Pflegekräfte in Altenheimen und so komme es zu „aggressiven Abwerbeversuchen“ zwischen den Heimen. Bild: dpa

Männer gebe es zu wenige unter der Pflegekräften im Altenheim. Ein Frankfurter Beschäftigungsdienstleister will junge Männer mit ausländischen Wurzeln unterstützen, die unbeliebte Ausbildung abzuschließen.

          Seine Verwandten staunten nicht schlecht, als Richard Akortsu ihnen berichtete, dass er Altenpfleger werden wolle. Oder wie er es selbst sagt: „Die haben dumm aus der Tasche geguckt.“ Dass der junge Mann, der aus Ghana stammt, die einjährige Ausbildung auch durchziehen würde, hatten ihm seine Verwandten nicht abgenommen. Hat er aber doch. Vor kurzem hat er sogar die mehrjährige Ausbildung begonnen, die aus dem Pflegehelfer eine Pflegefachkraft machen soll.

          Unterstützt haben Akortsu auf diesem Weg Mitarbeiter von Inbas, einem Frankfurter Beschäftigungsdienstleister. Die Abkürzung bedeutet „Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik“. Das Projekt läuft seit 2010. Seither haben jedes Jahr bis zu 15 junge Männer mit ausländischen Wurzeln die Pflegehelfer-Ausbildung begonnen, etwa jeder Zweite hat sie auch erfolgreich beendet. Die meisten derjenigen, die die Ausbildung abbrachen, hätten vorher keine Erfahrung in dem anstrengenden Job gehabt, sagt Ralf Priester von Inbas. Viele seien – wie Akortsu – Anfang 20, hätten zuvor schon an Berufstrainings teilgenommen, seien aber oft mit Bewerbungen gescheitert. „Unsere Hauptaufgabe ist daher, sie zu motivieren, sich ein weiteres Mal um einen Job zu bemühen“, sagt Priester. Wer dann die Zusage eines Pflegeheims bekommen habe, habe in der Regel auch schnell Erfolgserlebnisse gehabt.

          Starker Bedarf bei Altenheimen

          Zu Betreuung der jungen Männer gehörten Gruppentreffen genauso wie Einzelgespräche. Gegen Ende der Ausbildung ging es auch darum, eine Anstellung für die jungen Männer zu finden. Aus dem vergangenen Jahrgang sind nach Priesters Worten alle Absolventen vermittelt worden. Entweder sie arbeiten nun in der Pflege oder sie machen die Ausbildung zur Fachkraft.

          Wie viele Altenpfleger in Zukunft gebraucht werden, kann niemand sagen. „Wir gehen aber davon aus, dass der Bedarf eher steigen wird“, sagt Sozialminister Stefan Grüttner (CDU), der sich in einem Frankfurter Altenheim über das Inbas-Projekt informierte. Schon jetzt konkurrierten viele Einrichtungen um relativ wenige Fachkräfte. Grüttner sprach von „aggressiven Abwerbeversuchen“ zwischen den Heimen. Altenpfleger hätten daher glänzende Berufsaussichten, zumal Männer in den Belegschaften der Heime deutlich unterrepräsentiert seien. Dies sei besonders bedenklich, weil immer mehr Muslime pflegebedürftig würden und einige von ihnen sich nicht von Frauen pflegen lassen wollten. Zudem sei der Altenpfleger-Beruf einer der wenigen, der es Einsteigern mit Hauptschulabschluss erlaube, später noch ein Hochschulstudium zu beginnen.

          Kein „Po-Abwischer vom Dienst“

          Aus Sicht des Sozialministers ist aber noch viel zu tun, um nicht nur das Bild des Altenpflege-Berufs, sondern auch die Arbeitsbedingungen der Pfleger zu verbessern. Eines der Ziele sei es, die Heime personell besser auszustatten. Irgendwann müsse man darüber nachdenken, die Altenpflege in der Ausbildung anderen Berufen gleichzustellen. Bisher müssen Pflegeschüler ihre Ausbildung zum Teil selbst zahlen. Grüttner zufolge könnte es sinnvoll sein, die Azubis wie in anderen Berufen zu entlohnen. Das könnte helfen, mehr junge Leute für diese Tätigkeit zu gewinnen.

          Aber auch der Pfleger Akortsu möchte seinen Teil dazu beitragen. In Schulen wirbt er mittlerweile für seinen Beruf, spricht dabei von dessen Vor- und Nachteilen. „Noch gibt es zu viele Vorurteile über Pflegeheime“, meint er. Als „Po-Abwischer vom Dienst“ fühle er sich jedenfalls nicht. Die meisten Senioren im Wiesenhüttenstift im Frankfurter Stadtteil Preungesheim hätten positiv auf das neue Gesicht reagiert. Seine Erfahrung deckt sich mit denen der Projektleiter. Nur einmal habe es in den vier Jahren einen rassistischen Ausfall eines Heim-Bewohners gegeben, sagt Priester. Seinerzeit sei der Heimleiter aber sofort eingeschritten.

          Akortsu sagt, er fühle sich durch seine Ausbildung gut vorbereitet auf solche Konfliktsituationen. Sein Ziel ist es, nach der Fachkraft-Ausbildung auch noch berufsbegleitend zu studieren. Seine Familie dürfte ihm das mittlerweile zutrauen.

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