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Weniger Wohntürme in Frankfurt : Empirie statt Bauchgefühl

Exklusives Wohnen: Der Grandtower im Frankfurter Europaviertel Bild: Helmut Fricke

Der Frankfurter Planungsdezernent möchte keine weiteren Wohntürme in seiner Stadt. Dieser Schuss könnte nach hinten losgehen.

          Der flüchtige Blick aus dem Fenster ersetzt keine Empirie. Das sollte der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef eigentlich wissen. Als er neulich spätabends das Büro verließ, fiel sein Blick auf den Henninger-Turm. Weil nur hinter wenigen Fenstern Licht brannte, meint er, dass der exklusive Wohnturm zu großen Teilen leerstehe. Selbst wenn diese Beobachtung stichhaltig sein sollte, muss sich der Planungsdezernent fragen lassen, ob er daraus die richtige Schlussfolgerung zieht.

          Josef will keine weiteren Standorte für Wohntürme in Frankfurt ausweisen. Dieser Schuss könnte nach hinten losgehen. Denn natürlich heilen Luxuswohnungen in Hochhäusern nicht die Probleme auf dem angespannten Frankfurter Wohnungsmarkt, auf dem in erster Linie bezahlbare, also preiswerte Wohnungen fehlen. Aber das Angebot in diesem hochpreisigen Segment nimmt Druck von den etablierten Vierteln. Ohne die Wohntürme würde es in den begehrten Gründerzeitvierteln, in denen Mietwohnungen unterhalb des Luxussegments zur Rarität werden, richtig ungemütlich werden.

          Muss nicht sympathisch sein

          Die Eigentumswohnungen in den Türmen sind, zumindest in den oberen Etagen, etwas für sehr Wohlhabende. Manche ziehen selbst dauerhaft ein. Andere nutzen sie nur gelegentlich als Zweit- oder sogar Drittwohnung. Es soll Wohnungen geben, die nur als Feriendomizile für Arztbesuche oder Shopping-Tours gebraucht werden. Wahrscheinlich gibt es auch den einen oder anderen Anleger aus China oder Russland, der hier sein Kapital parkt. Das alles muss einem nicht sympathisch sein. Aber, erstens, sollte die Stadt überprüfen, ob die Türme tatsächlich leer stehen. Und, zweitens, sollte sie sich überlegen, was die Konsequenz eines Bauverbots für Wohnhochhäuser wäre.

          Gefragt ist nicht das Bauchgefühl beim Blick aus dem Fenster. Sondern eine unabhängige Analyse, ob das Marktsegment tatsächlich gesättigt ist. Es kann als wahrscheinlich gelten, dass es nach wie vor eine Käuferschicht für Luxuswohnungen gibt, ob nun mit oder ohne Fernblick. Wenn die Turmbauten ausblieben, würde sie sich auf das Westend und Sachsenhausen stürzen. Damit wäre den Bewohnern dieser Viertel nicht gedient. Die Stadt würde die Gentrifizierung sogar noch anheizen.

          Deshalb sollte die Stadt in prädestinierten Lagen einzelne Standorte für exklusive Wohntürme ausweisen. Sie tut damit niemandem weh. Sollen die Käufer dort die schöne Aussicht genießen, es sei ihnen gegönnt. Dann werden die Bewohner der etablierten Viertel – hoffentlich – von zusätzlicher Konkurrenz verschont.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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