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„La gazetta“ in Frankfurt : Hemmungsloser Kuppler, von Frauen besiegt

Spritzig, wie es sich für Rossini gehört: „La gazetta“ passt gut in den Stil der zwanziger Jahre. Bild: Barbara Aumüller

Das Bockenheimer Depot wird zur natürlichen Kulisse für die gelungene Frankfurter Erstaufführung von Rossinis „La gazzetta“. Das außergewöhnliche daran: Die Komödie ist in den zwanziger Jahren angesiedelt.

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          Die Musik ist ganz charakteristisch für Rossini, witzig-spritzig, scheinbar leicht und doch äußerst virtuos für die Sänger, voll von ratternden Zungenbrechern und aberwitzigen Koloraturen, mitreißenden Beschleunigungen und dicht gewobenen Ensembles. Von daher steht seine wenig bekannte Oper „La gazzetta“, die nun gut 200 Jahre nach ihrer erfolgreichen Uraufführung in Neapel unglaublicherweise zum ersten Mal in Frankfurt gespielt wurde, den beiden Meisterwerken, zwischen denen sie mit wenigen Monaten Abstand entstanden ist, in nichts nach: Mit „La cenerentola“ hat sie sogar die Ouvertüre gemein, und an „Il barbiere di Siviglia“ erinnern nicht zuletzt die turbulenten Arien der tiefen Männerstimmen. Auch dramaturgisch ist die auf Carlo Goldonis mehrfach vertonter Komödie „Il matrimonio per concorso“ basierende Story um den neureichen Neapolitaner Pomponio, der in Paris seine Tochter Lisetta ohne ihr Wissen per Zeitungsannonce reich verheiraten will, zugkräftig, resultieren doch aus dieser Situation bald alle möglichen Missverständnisse und Verwicklungen.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Angesiedelt ist das Ganze als Produktion der Oper Frankfurt, die schon zu Anfang der Saison mit „Otello“ ein noch nie in Frankfurt aufgeführtes Werk von Rossini präsentiert hat und mit „Bianca e Falliero“ im April eine weitere Rarität von ihm folgen lässt, im Bockenheimer Depot – in nachdrücklichem Sinne. Denn der ehemalige, um 1900 errichtete Straßenbahn-Betriebshof gibt die natürliche Kulisse für das darin einpasste Bühnenbild von Sergio Mariotti, der sogar Kopien der alten Stahlträger hinzustellt und so den perfekten Eindruck einer alten Bahnhofshalle erzeugt. Mit seitlich eingeschobenen Kulissenwänden kann diese bei fliegenden Szenenwechseln auch schnell in eine Hotelhalle oder ein Café verwandelt werden.

          Wildes Treiben der Komödie

          Die Regisseurin Caterina Panti Liberovici, die seit 2009 als Regieassistentin an der Oper Frankfurt tätig ist, verlagert das Geschehen in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und bringt es so zeitlich näher. Zudem fügen sich die „Roaring Twenties“ gut zum wilden Treiben der Komödie, und gleich zu Beginn herrscht in der Bahnhofshalle samt Kofferverladen und Ticketverkauf geschäftiges Treiben. Das mag zwar dankbar zu inszenieren und nicht besonders originell sein, aber vor allem ist es überall werkdienlich, kurzweilig und im musikalischen Tempo regiehandwerklich perfekt gemacht.

          Zentrale Figur ist besagter Pomponio, der in der Gestalt von Ensemblemitglied Sebastian Geyer anfangs eine eher altreich selbstbewusste Eleganz bekommt, dann aber vom Blender und hemmungslosen Kuppler stimmlich wie darstellerisch zur tragikomischen Figur fast nach Falstaff-Art mutiert, als ihm die lustigen Weiber und deren Liebhaber am Ende in Liberovicis Inszenierung übel mitspielen. Elizabeth Sutphen zeigt dazu Lisettas Entwicklung vom bockigen und amüsierwilligen Teenager zur selbstbestimmten Frau, in der oft verrückt rasenden und sprunghaften Partie mit passend scharfen Spitzen. Dass ihr Geliebter, der Gastwirt Filippo, ihrem Vater kräftig Paroli bieten kann, ist schnell klar dank der mächtigen Stimme von Mikołaj Trąbka: Der Lover ist hier einmal kein Tenor, sondern ein Bariton, so dass es zum packenden Wettstreit der Tieftöner kommt. Als zweites junges Paar, das am Schluss gegen väterlichen Willen heimlich heiratet, tragen Matthew Swensen als Alberto mit stilgerecht hellem, nur etwas engem Tenor und Angela Vallone, die sich als Doralice optimal in alle Duette und Ensembles fügt, das Ihre zu Rossinis Gesangsfeuerwerk bei.

          Das erst 2012 zufällig in Palermo wiederentdeckte Quintett im ersten Akt, dessen Fehlen zuvor den Erfolg der an dieser Stelle immer nur notdürftig komplettierten Oper verhindert haben könnte, erwies sich tatsächlich als besonders hochwertige Nummer. Das und was für ein starkes Stück „La gazzetta“ insgesamt ist, ließ Kapellmeister Simone Di Felice am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters mit großer Sängerfreundlichkeit, rhythmischer Klarheit und aller Italianità bewusst werden.

          Vorstellungen von „La gazetta“

          Weitere Vorstellungen folgen am 4. sowie am 6., 8., 10., 12., 14. und 16. Februar.

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