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Oper Frankfurt : Wenn es klappert und zischt, klopft und rauscht

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Wird im September nur sieben mal en bloc gespielt: Foto, das zum Material für das Bühnenbild von Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ gehört Bild: Monika Rittershaus

Am 1. September beginnt die neue Saison an der Oper Frankfurt. Wie gewohnt hat Intendant Bernd Loebe ein Programm zusammenstellt, das etliche Raritäten versammelt. Aber auch „Carmen“ steht auf dem Spielplan.

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          Der Premierenreigen an der Oper Frankfurt beginnt mit einem radikal modernen Stück: Am 18. September wird die vom Komponisten Helmut Lachenmann so genannte „Musik mit Bildern“ mit dem Titel „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ erstmals unter der Regie von Benedikt von Peter gezeigt. Die Uraufführung war 1997 in der Hamburgischen Staatsoper, das Werk, dessen Handlung so fragmentarisch ist wie das musikalische Material, das der 1935 geborene Tonkünstler ohne Rücksicht auf Melodie oder harmonischen Klang zusammengestellt hat.

          Da zischt, rauscht, klappert, klopft und knirscht es, der Chor schnalzt und bibbert, die Instrumente werden nicht wie üblich gespielt, sondern auf unkonventionelle Weise verwendet, wobei etwa das Atmen der Blechmusiker deutlich zu hören ist. Alltagsgeräusche und aufbrausende, abrupt abbrechende Orchesterklänge bilden eine unheimliche und bedrohliche Atmosphäre, die der Situation des Kindes entspricht, das, ganz auf sich gestellt, ausgeschlossen ist von der Welt der behaglichen und beschützenden Innenräume. Erzeugt wird eine Aura der Kälte, der meteorologischen und der gesellschaftlichen.

          Lachenmanns Stück fordert einiges vom Publikum

          Im Prinzip folgt Lachenmann dem Text des Märchens von Hans Christian Andersen, der die Geschichte eines kleinen Mädchens erzählt, das in der bitteren Kälte Streichhölzer verkauft und Hungervisionen hat, bevor es ein trauriges Ende findet. Lachenmann verquickt damit aber auch die Geschichte von Gudrun Ensslin und rührt zudem Texte von Leonardo da Vinci unter. Zu einem Ganzen fügt sich das alles nicht, das Stück folgt noch einmal auf ungemein konsequente Weise der Idee einer Moderne, die in ihren künstlerischen Äußerungen auf die real existierenden widersprüchlichen Verhältnisse reagiert: Die Welt wird als eine zersplitterte Wirklichkeit betrachtet, und die Kunst schaut sich ebendiese Splitter an, ohne sie in einen ästhetischen Zusammenhang fügen zu können.

          Das Stück fordert daher einiges vom Publikum, ob dieses dadurch, wie vom Komponisten erhofft, ein politisches Bewusstsein erlangt, ist allerdings fraglich: Die ästhetische Moderne, wie sie Lachenmann noch einmal beschwört, ist mittlerweile schon historisch. Dabei ist das Thema der gesellschaftlichen Kälte gegenwärtig durchaus von Bedeutung angesichts der Flüchtlingsströme in Europa und der von Emotionslosigkeit über Ablehnung bis Hass reichenden Reaktionen auf das Elend der Vertriebenen.

          Zur Einführung und Vertiefung gibt es am 6. September die Veranstaltung „Oper extra“, am 13. September ein Gesprächskonzert mit dem Komponisten und am 20. September nach der Vorstellung „Oper im Dialog“. Der Opernbetrieb beginnt offiziell am 1. September. An diesem Tag gibt es von 18 Uhr an einen „Blick hinter die Kulissen“. Den ersten Abend in der Reihe „. . . singt Lieder im Foyer“ bestreitet der Bariton Iurii Samoilov, begleitet von Hilko Dumno am Klavier, am 13. September. Die erste Aufführung auf der großen Bühne des Opernhauses ist dann „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“.

          Bei Opern wirken vielerlei Künste zusammen

          Wie kein anderes Genre vereint die Oper unterschiedliche Künste. Gerade in Deutschland und zumal am Frankfurter Musiktheater erfüllen Opernabende zumeist die Kriterien, Gesamtkunstwerke zu sein. Der Begriff, den Wagner einst für seine Musikdramen verwendete, um sie von den Nummernopern mit ihrem Fokus auf sängerische Glanzleistungen zu unterscheiden, lässt sich mühelos ausweiten: Immer sind heute Regisseure beteiligt, die Interpretationen des Repertoires liefern, Bühnenbildner, die für die visuelle Umsetzung der Regie-Ideen sorgen, wirken vielerlei Künste zusammen, um ein Werk auf die Bühne zu bringen, das Hör- und Sehsinn gleichermaßen anspricht.

          Gewiss aber lebt die Oper im Wesentlichen von den Sängern und dem Orchester, und in dieser Hinsicht hat Frankfurt etliche Spitzenkräfte zu bieten. Die Einheit von Bildern und Musik, dramatischem Geschehen und Schauspielkunst, die Lichtdramaturgie und die Nutzung der neuen Medien, nicht zuletzt die Kostüme und Masken tragen dazu bei, dass die Oper die aufwendigste Kunstform ist, die sich die Städte und Bundesländer leisten, aber auch jene, die am wirkungsvollsten die Besucher in ihren Bann zieht, am intensivsten zugleich auf Gefühl und Verstand zielt. Sie setzt, exemplarisch am Frankfurter Opernhaus, große Erzählungen von archetypischer Kraft in Szene und befriedigt das ästhetische Bedürfnis nach klaren Stimmen und großem Orchesterklang.

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