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Telemedizin : Diagnose aus 12.000 Kilometer Entfernung

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Projekt mit Zukunft: Auch am Frankfurter Nordwestkrankenhaus nutzt man Telemedizin (Symbolbild). Bild: dpa

Ärzte des Nordwestkrankenhauses in Frankfurt können in Sekundenschnelle Patienten im weit entfernten Brunei untersuchen - das Internet macht´s möglich. Ist diese so genannte Telemedizin die Medizin der Zukunft?

          Wenn Uta Meyding-Lamadé nachts ihr Tablet hervorholt, schaut sie nicht nur auf die Uhr oder liest Nachrichten. Die Chefärztin der Neurologie am Nordwestkrankenhaus in Frankfurt kann innerhalb weniger Minuten Patienten über ihr mobiles Gerät begutachten. Doch die leben nicht unbedingt im Einzugsgebiet der Klinik: Die meisten Anfragen kommen zu Erkrankten im 12.000 Kilometer entfernten Sultanat Brunei Darussalam.

          „Mit der heutigen Telemedizin-Technik ist es kein Problem, aus der Ferne zu untersuchen“, sagt die Neurologin. In dem südostasiatischen Kleinstaat auf der Insel Borneo hat sie auf Bitten des Sultans eine neurologische Akutklinik aufgebaut. Inzwischen leitet sie die Klinik hauptsächlich über Bildschirm und Mikrofon. In der Regel ist sie nur noch alle zwei Monate für ein paar Tage dort.

          Untersuchung zu jeder Zeit

          Weil es keine qualifizierten Ärzte dafür gab, waren früher in Brunei keine neurologischen Behandlungen möglich. Alle Erkrankten mussten nach Singapur geflogen werden. Dementsprechend hoch sei die Sterberate bei Schlaganfällen oder multipler Sklerose gewesen, berichtet Meyding-Lamadé. „Es gibt weltweit zu wenig Neurologen.“ Doch mit der heutigen Technik könne das Fachwissen leicht weitergegeben werden.

          Ärzte des Nordwestkrankenhauses leiten bruneiische Ärzte via Datenleitung an. Die Kommunikation zwischen dem Nordwestkrankenhaus und dem Jerudong Park Medical Center funktioniert über ein Hochgeschwindigkeits-Glasfaserkabel. „Dank der schnellen Verbindung durch die Standleitung können wir die Patienten zu jeder Zeit eingehend untersuchen“, erläutert Meyding-Lamadé.

          Behandlung auch ohne medizinisches Fachwissen vor Ort

          Das Programm funktioniert wie ein Bildtelefon und kann auf jedem internetfähigen Computer benutzt werden. Die verschlüsselte Übertragung soll den Persönlichkeitsschutz garantieren. Die Kosten für die hochwertige Technik hat der Sultan von Brunei übernommen. Die Kameras und die Mikrofone an beiden Standorten sind gut genug, um mit den Patienten in Brunei sprechen und sie äußerlich betrachten zu können. „Wir können sogar die Pupillen am Bildschirm untersuchen.“ Außerdem werden Untersuchungsergebnisse in Frankfurt begutachtet. „Wir können Röntgen- und Ultraschallbilder, Computertomographien, aber auch die Ergebnisse einer Elektrophysiologie aus der Ferne auswerten.“

          So können in Brunei auch Behandlungen stattfinden, für die den Ärzten das medizinische Wissen noch fehlt. Dadurch können im Jerudong-Park-Krankenhaus heute alle neurologischen Erkrankungen behandelt werden. Dazu zählen außer multipler Sklerose und Hirnentzündungen auch Anfallserkrankungen, Parkinson und Demenz.

          Seit dem Start des Projekts 2010 sind laut Meyding-Lamadé 3000 Patienten in Brunei mit Unterstützung aus Frankfurt untersucht worden. Sie schätzt, dass jeden Tag 20 Personen im Nordwestkrankenhaus telemedizinisch vorgestellt werden. Außerdem sind ständig fünf Ärzte und Assistenten aus Deutschland in Brunei und bilden die Kollegen aus. Parallel dazu kommen auch Ärzte aus Brunei zur Weiterbildung nach Deutschland. Die Frankfurter Neurologin hofft, dass die Klinik in Brunei langfristig ohne ihre Unterstützung auskommt. Das brauche allerdings Zeit. „Es dauert 15 bis 20 Jahre, bis ein Neurologe auch eine Klinik leiten kann“, sagt sie.

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