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Frankfurter Neubaugebiet : Der letzte Acker

„Es gibt auch Grenzen des Wachstums“: Landwirt Matthias Mehl zeigt den umstrittenen Acker. Die SPD will an dieser Stelle 16000 Menschen ansiedeln. Bild: Eilmes, Wolfgang

Wo soll Frankfurt noch wachsen? Auf alten Gewerbeflächen, meinen die einen. Auf den Feldern im Norden, sagen andere. Doch die Bauern dort wehren sich gegen solche Pläne.

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          Auf dem Fahrradweg nach Nieder-Erlenbach wird Frankfurt mit jedem Tritt in die Pedale immer dünner. An den Rändern des Nordends stehen morgens die Pendler in langen Schlangen an der Ampel, die meisten Kennzeichen beginnen mit MKK, einige mit FB, sogar KS ist dabei. Ein Stück weiter außerhalb sind im Neubaugebiet Preungesheimer Bogen die letzten Reihenhäuschen inzwischen gekauft und bezogen. Der Weg führt an Pferdekoppeln vorbei, irgendwann tauchen Berkersheim und Harheim auf. Dann kommt lange Zeit nichts, und schließlich Nieder-Erlenbach. Ein Dorf, der letzte Zipfel Frankfurts.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dort steht, in einer schwarzen Weste und mit klobigen Schuhen, Matthias Mehl auf dem Feldweg. Die Felder, auf denen Oberbürgermeister Peter Feldmann und seine SPD 16 000 Frankfurter ansiedeln wollen, grenzen direkt an Hof des Landwirts. Die Grenze von Bad Homburg ist nur 900 Meter entfernt, die nahen Windräder drehen sich über Bad Vilbel. Mehl hat wie alle Nieder-Erlenbacher nicht nur die Vorwahl der Nachbarstadt, auch sein Abwasser wird in der Bad Vilbeler Kläranlage gereinigt. Frankfurt ist für ihn weit weg.

          Naturdenkmal und Lebensqualität

          Mehl tritt an den Acker heran und zeigt, wie weit sich der neue Stadtteil ziehen soll - „bis zum Horizont“. Der Mittvierziger ist nicht nur Bauer, sondern auch Ortsvorsteher von Nieder-Erlenbach. Und als solcher tut er, was in so einer Situation seine Rolle ist: Er schimpft auf die „Trabantenstadt“: „Die braucht hier im Norden keiner.“ Die Felder aber, da ist er sich sicher, braucht ganz Frankfurt. Als Frischluftschneise und Erholungsraum. „Wenn ich aus der Stadt hier rausfahre, sind es locker zwei bis drei Grad weniger.“ Hektarweise naturschutzrechtliche Ausgleichsflächen lägen auf dem Gebiet: „Dieser Baum ist ein Naturdenkmal“, sagt er und deutet in die Ferne.

          In der Scheune schraubt Mehls Vater, der 1974 den Aussiedlerhof gebaut hat, an einem alten Traktor. Bald kommt der Hanomag von 1951 wieder zum Einsatz, als Blickfang für den Berger Markt. Die Bauern beliefern die Super- und Wochenmärkte, versorgen die Stadt mit Produkten aus der Region: „Die Leute stöhnen über Gemüse aus Serbien, wir bieten es hier an. Damit schaffen wir Lebensqualität.“

          „Wir zählen nicht jeden Quadratmeter“

          Mehl ist promovierter Agrarwissenschaftler. Sein stadtplanerisches Wissen zieht er aus Kursen für Ortsvorsteher. Es klingt trotzdem recht gelehrt, wenn er über die Grenzen des Wachstums räsoniert. Innenentwicklung geht vor Außenentwicklung, das hat er gelernt. Also: Die Stadt sollte auf den bestehenden Flächen wachsen, durch Verdichtung, statt neue zu verbrauchen. Ganz ohne die Bebauung neuer Freiflächen wird es aber nicht gehen, um auch den in großer Zahl erwarteten neuen Frankfurtern ein Dach über dem Kopf zu bieten - das sieht auch Mehl ein. Aber dann doch besser durch kleinere Arrondierungen an den Stadträndern als durch die hektarweise Versiegelung von grünen Wiesen, findet er. „Das machen wir sowieso schon. Wir zählen nicht jeden Quadratmeter, aber riesige Neubaugebiete sind der falsche Weg.“ Seit der Eingemeindung ist Nieder-Erlenbach kontinuierlich gewachsen, von damals 2700 auf heute 5000 Einwohner. Mit kleineren Wohnprojekten am Ortsrand kommen noch einmal 1000 Einwohner hinzu.

          Auf den Feldern ringsum stehen die grünen Halme des Weizens. Auch die Zuckerrüben keimen schon. Der Boden ist sehr fruchtbar. „Wenn man im Frankfurter Norden seinen Finger in den Boden steckt, muss man aufpassen, dass er keine Wurzeln schlägt“, sagt Mehl und rechnet vor: Wächst die Weltbevölkerung weiter so stark, muss irgendwo ein mehrfaches an Ackerland entstehen. Eine Gegenrechnung geht aber so: Wird in Frankfurt gebaut, schrumpfen in unattraktiven Regionen, etwa in Nord- und Osthessen - und dort gewinnt dann die Natur.

          Frankfurt muss kein Dorf sein

          Würden die Siedlungspläne realisiert, verlören außer Mehl drei weitere Landwirte ihre Felder: Die Gärtnerei Kunna, der Erlenhof, Mehl und ein weiterer Ackerbaubetrieb haben die Flächen gepachtet. Aber indirekt litten im Fall der Fälle alle 25 Landwirte, die in Frankfurt ihre Felder bestellen, meint Mehl. „Wo soll der Schweinemastbetrieb in Harheim denn die Gülle ausbringen?“, fragt er und erwartet gar keine Antwort.

          Frankfurt muss kein Dorf sein, sagen dagegen jene, die mit Blick auf das rasante Wachstum der Stadt die Baulandreserve erhöhen wollen. Immerhin gehen die Felder gleich hinter der Stadtgrenze weiter. Auch sozialpolitisch halten sie das Neubaugebiet für unentbehrlich, denn gerade günstiger Wohnraum, wie er auf der grünen Wiese möglich wäre, fehlt.

          Wetterau statt Großstadt

          Aber muss Frankfurt tatsächlich so weit draußen wachsen? Ziehen die Menschen nicht in die Großstadt wegen ihrer Urbanität und Dichte? Wer ein Reihenhäuschen auf dem Land sucht, kann doch gleich in die Wetterau gehen, meint der Architekt Stefan Forster. Das Neubaugebiet sei ein „dummer Vorschlag“. „Wer nach Frankfurt will, will nach Sachsenhausen, Bornheim, in die Großstadt, nicht aufs Dorf.“ Stadterweiterung am Fluss, Sachsenhausen weiterbauen, Umbau des Osthafens, Nachverdichtung der Fünfziger-Jahre-Siedlungen, das wäre logisch, findet er.

          Die Felder gehören in großen Teilen städtischen Stiftungen und der Stadt. Der SPD schwebt wie beim Riedberg eine städtebauliche Entwicklungsmaßnahme vor. Das bedeutet: Die Gemeinde erwirbt die Grundstücke zu dem Wert, den sie ohne Aussicht auf das Wohngebiet hätten. Also zum Preis von Ackerland. Nach der Erschließung mit Straßen, Gleisen, Schulen und Kanälen kann sie das Gelände dann teuer als Wohnbauland weiterverkaufen. Von dem Erlös wird die Entwicklung der Infrastruktur finanziert.

          Platz zwei hinter dem Riedberg

          Wer auf den Stadtplan schaut, sieht, dass es in Frankfurt langsam eng wird. Zwar sind 25 Prozent der Stadtfläche Ackerland, ein weiteres Viertel Grünflächen, Parks, Kleingärten und Wald. Aber die Flächen, die überhaupt noch für Neubaugebiete zur Verfügung stehen, sind an einer Hand abzuzählen. Die meisten haben noch größere Beschränkungen als das Gebiet im Norden, stehen unter Naturschutz oder liegen wegen des Fluglärms im Siedlungsbeschränkungsgebiet. Die Stadt darf dort keine neuen Baugebiete ausweisen.

          Schon einmal sollten die Felder zwischen Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach bebaut werden. Der damalige Planungsdezernent Martin Wentz (SPD) war in den neunziger Jahren die ständigen Konflikte am Stadtrand leid: Er suchte nach Neubaugebieten - und wurde im Norden fündig. Auf der Rangliste landeten die Felder von Bauer Mehl auf dem zweiten Platz, hinter dem Riedberg. Der gewann nur, weil er näher an der Stadt lag. Nördlich von Bergen-Enkheim war damals eine weitere Fläche in der engeren Wahl. Aber die ist noch weiter von der Innenstadt entfernt und mittlerweile Siedlungsbeschränkungsgebiet.

          Erfolgsgeschichte Riedberg

          “Auch wenn der Riedberg noch besser werden könnte, ist er eine Erfolgsgeschichte“, sagt Wentz. Er erklärt seine damalige Strategie: „Erweitere ich Bestandsgebiete, dann hole ich mir die Verkehrsprobleme in die Stadtteile.“ Neue Viertel erhielten im Unterschied dazu eine eigene Anbindung, die alten Ortskerne seien nicht betroffen. Außerdem entfalle der Kampf an den Stadträndern um jedes neue Wohnprojekt. „Was will ich an einen Stadtteil heranbauen, der am Rand schon Reihenhäuser hat? Wer dort wohnt, macht einen Volksaufstand“, sagt Wentz.

          Dass die Innenstadtviertel noch weiter wachsen, verhindert auch der Grüngürtel, eine Bebauung gilt als sakrosankt. Selbst an geeignete Restflächen, die nur einen geringen Erholungswert haben und auf denen das Etikett „Grüngürtel“ klebt, traut sich bisher kein Politiker heran. Zwischen Sachsenhausen und Oberrad etwa wäre Platz für eine sinnvolle Ergänzung. Die Kleingärten zwischen Gallus und Griesheim, Flächen nördlich des Huthparks in Seckbach, die Grüne-Soße-Felder in Oberrad: Fast alle zählen zum Grüngürtel.

          „Die Industrie kommt nicht mehr zurück“

          Was bleibt, sind die Felder im Norden. Eine Bebauung würde wohl 20 Jahre und mehr dauern. Der Wohnraum fehlt aber heute. Und manche bezweifeln, dass eine so große Reserve langfristig überhaupt nötig ist: „Die Gefahr besteht darin, dass wir über das Ziel hinausschießen“, sagt zum Beispiel der Projektentwickler Jürgen Groß. Er sieht Frankfurts Potentiale nicht auf der grünen Wiese, sondern in der Innenstadt: die Gewerbegebiete. Wo sie nur noch kümmerlich genutzt werden, etwa im Unterhafen oder an der Borsigallee, sollten sie in Wohngebiete umgewandelt werden. „Die Industrie kommt nicht mehr zurück“, sagt er. Groß findet, Frankfurt sollte „konzentriert“ wachsen. „Alles andere dauert zu lang und ist mit großen Problemen verbunden.“ Er ist auch kein Freund von Reihenhäuschen: „Wir müssen das großstädtische Angebot ausbauen. Wir brauchen etwas mit Esprit.“

          So deutet manches darauf hin, dass der letzte Acker doch unbebaut bleibt. Bauer Mehl darf vorsichtig durchatmen.

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