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Umfrage unter Frankfurter Muslimen : Unislamische Attentäter, verletzende Zeichnungen

  • Aktualisiert am

Im Gebet: Muslime in der Moschee des Vereins Islamische Informations- und Serviceleistungen im Frankfurter Gallus Bild: Fricke, Helmut

Was sagen Muslime zum Attentat auf „Charlie Hebdo“? Wie empfinden sie Karikaturen über den Propheten Mohammed? Gläubige von drei Frankfurter Moscheen gewähren Einblick.

          4 Min.

          Moschee des IIS, Gallus

          Nadir Moubarrids hat eine klare Ansage: Muslime, die Allah wirklich folgten, erkenne man daran, dass sie Gutes täten, „produktiv“ seien für die Gesellschaft. Mit immer neuen Beispielen unterlegt er das in seiner Predigt in der Moschee des Vereins Islamische Informations- und Serviceleistungen (IIS). „Die Attentäter von Paris haben diese Botschaft Mohammeds nicht verstanden.“

          Moubarrid leitet das „Haus des Islam“ in Lützelbach und ist an diesem Freitag Gastredner des Moscheevereins im Gallus. Der Gebetsraum ist voll, rund 450 Gläubige sind gekommen, 370 Männer, 80 Frauen. „Möge Gott den Islam vor solchen Menschen schützen“, sagt Khaled El Sayed mit Blick auf die Attentäter. Er ist ein Gründungsmitglied der Gemeinde und Mitglied im Frankfurter Rat der Religionen. „Das hat mit unserem Verständnis von Islam nichts zu tun.“ Zwei 14 und 15 Jahre alte Schülerinnen zeigen sich „geschockt“, „bestürzt“ ein Neunzehnjähriger, der im ersten Semester Islamische Theologie an der Goethe-Universität studiert. „So haben auch meine Kommilitonen reagiert.“ In Verschwörungstheorien ergeht sich niemand, nur einer findet die Spekulation erwähnenswert, dass die französische Regierung vielleicht doch hinter den Anschlägen stecken könnte.

          Aber es wird auch Kritik an den Mohammed-Karikaturen laut. „Sie sind geschmacklos, es ist unser Recht zu sagen: Das gefällt uns nicht“, sagt Moubarrid. Wenn es nötig sei, müsse man mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen sie vorgehen, findet der Theologiestudent, denn die Zeichnungen seien diskriminierend. „Wir verstehen Satire und sind nicht humorlos“, sagt El Sayed, „aber das Problem ist, wenn Mohammed oder ein anderer Prophet so gezeigt wird.“

          Für Mohammed Naved Johari steht mit den Karikaturen noch etwas anderes auf dem Spiel als die Verletzung religiöser Gefühle. Er arbeitet als Freitagsredner und Sozialpädagoge in der Moschee und sieht in den Karikaturen ein „volksverhetzendes Potential“ – und klare Anzeichen für Islamfeindlichkeit in Deutschland. Die beiden Kopftuch tragenden Schülerinnen wissen zumindest davon zu berichten, dass sie auf der Straße als „Terroristin“ oder „Extremistin“ beschimpft wurden, schon vor den Attentaten in Paris. „Muslime beziehen schon lange Stellung gegen Terror, jetzt bekommen sie auch die nötige Aufmerksamkeit in den Medien und der Politik“, sagt Johari. (toe.)

          Frankreich : Muslime gegen Terror im Namen des Islam

          Taqwa-Moschee, Gutleutviertel

          Heimat sei nicht nur dort, wo man herkomme, sondern auch dort, wo man lebe, predigt Abdel Hakim Azaoum von der Kanzel der neuen Taqwa-Moschee im Gutleutviertel. Er redet auf Arabisch. Die meisten seiner Zuhörer kommen aus Marokko. Nur als der Imam von Angela Merkel spricht, zitiert er sie auch auf Deutsch: „Ich bin die Bundeskanzlerin aller Deutschen. Das schließt alle, die hier dauerhaft leben, mit ein.“ Gut 150 Muslime sind am Freitagmittag in den Männer-Gebetssaal gekommen. Mancher bringt seine Einkaufstüten mit, einer kommt in der blauen Jacke der Deutschen Bahn.

          „Es ist eine Pflicht für Muslime gegen Gewalt und Terrorismus aufzustehen“, sagt der Imam, als er über die Geschehnisse in Frankreich spricht. „Das waren starke Worte“, sagt ein Besucher Anfang vierzig hinterher. Über die Aussage der Kanzlerin freue er sich. Über die Mohammed-Karikaturen aber ärgere er sich.

          Der Gebetsraum in der neu gebauten marokkanischen Taqwa-Moschee im Gutleutviertel.
          Der Gebetsraum in der neu gebauten marokkanischen Taqwa-Moschee im Gutleutviertel. : Bild: Max Kesberger

          Auch Ahmet Ayaou, dem Sprecher der Gemeinde, geht es so. „Für mich und viele Muslime ist das eine Beleidigung.“ Diejenigen, die das machten, wollten damit provozieren. „Aber man darf nicht darauf eingehen.“ Imam Azaoum predigt auch von Meinungsfreiheit und dass sie in den Grenzen des Gesetzes erfolgen soll. Man müsse Religionsfreiheit ebenso schützen wie Meinungsfreiheit, sagt er.

          Auch wenn jüngst an der Battonnstraße ein marokkanisches Geschäft verwüstet wurde, berichtet niemand von Auseinandersetzungen mit Nicht-Muslimen. Ein junger Mann, der vor einem Jahr aus der Nähe von Fes nach Frankfurt gekommen ist, um Wirtschaftsinformatik zu studieren, sagt, sein deutscher Chef in seinem Nebenjob habe ihn sogar zum Freitagsgebet gefahren. Aber er habe Angst, dass es schlechter werden könnte. Die Diskussion in den Medien könnte die Leute aufhetzen. Auch deswegen predigten sie in der Taqwa-Moschee immer zu aktuellen Themen, sagt Azaoum. „Wir wollen hier unsere Sichtweise darlegen.“ Wenn jemand herkommt mit Wut im Bauch, soll er Antworten finden. „Es ist wichtig, dass wir auf Arabisch predigen“, sagt Ayaou. Nicht alle verstehen gut Deutsch, nicht alle lesen Zeitung. Das Problem aber sei, dass man nur die erreiche, die in die Moschee kämen, sagt Ayaou. „Viele Jugendlichen holen sich ihren Islam anderswo.“ Etwa von Propagandaseiten im Internet oder von Hallenveranstaltung salafistischer Prediger. „Das ist sehr gefährlich für uns.“ (cbor.)

          Bosnische Moschee, Bahnhofsviertel

          Mit seinem Anstecker in Form einer Blume gedenkt Munir Hodžić seit Jahren jeden Tag der Opfer des Massakers von Srebrenica. „Wir Bosniaken wissen, was die Tötung Unschuldiger bedeutet“, sagt er. Nach dem Bosnienkrieg habe er Zuflucht gefunden in Deutschland, in einer freien und friedlichen Gesellschaft. In seiner Rede im Freitagsgebet hat der Imam deshalb etwas Selbstverständliches gesagt: Die Verletzung religiöser Gefühle rechtfertige keine Gewalt.

          Diese Rede hat den Männern gefallen, die von der Moschee des bosniakischen Zentrums in den Vereinsraum strömen. Das Zentrum liegt im Bahnhofsviertel, etwas versteckt in einem Hinterhof zwischen Kiosk und Thai-Imbiss. Manche der Männer tragen Krawatte, manche Trainingshose, sie rauchen, trinken Kaffee oder Fanta, der Fernseher läuft. „Ich habe selbst Angst vor Terror, wenn ich mit der U-Bahn fahre“, sagt ein Mann mit ergrauten Schläfen im Anzug. „Gott ist eins, ob er Allah oder Gott heißt“, ein anderer: „Viele von uns sind mit katholischen Frauen verheiratet.“ Nur ein Mann in Regenjacke ist überzeugt, dass ein westlicher Geheimdienst hinter dem Attentat stecke, wie es auch schon beim Anschlag auf das World Trade Center gewesen sei.

          Treffpunkte: Das bosniakische Zentrum liegt in einem Hinterhof im Frankfurter Bahnhofsviertel. Unter dem Vereinsraum befindet sich die Moschee.
          Treffpunkte: Das bosniakische Zentrum liegt in einem Hinterhof im Frankfurter Bahnhofsviertel. Unter dem Vereinsraum befindet sich die Moschee. : Bild: Norbert Müller

          Die Bosniaken bezeichnen sich als die einzigen europäischen Muslime, leben einen liberalen Islam. Dennoch fühlen sie sich genötigt, Stellung zu beziehen: Noch am Tag des Anschlags verurteilte die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland ihn als „Barbarei“ und „größtmögliche Gotteslästerung“.

          „Es ist bedrückend. Wir können nichts dafür und leiden doch darunter“, sagt auch Meris Cerić. Der Einundzwanzigjährige ist Jugendbeauftragter des Zentrums. Er arbeitet bei der Polizei. Er fühlt sich manchmal zu Unrecht von Deutschen verdächtigt, nicht erst seit Paris: Schon in der Schule hätten ihn Klassenkameraden als „Bombenleger“ bezeichnet. Der dunkelblonde junge Mann mit Brille betrachtet sich trotzdem zu hundert Prozent als Deutschen. Und gleichzeitig hundertprozentig als Bosnier. „Auch wenn das rechnerisch nicht geht.“

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