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Museum für Moderne Kunst : Schwarzes Bier und kaltes Metall

Sport ist Mord: Cady Noland, „Model With Entropy“, 1984 Bild: Axel Schneider

Mit drei Ausstellungen setzt die neue Leiterin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst deutliche Zeichen. Für eine politische Kunst, für eine klare Linie.

          3 Min.

          Die Ausstellungsorte haben einen anderen Namen, die Museumswärter neue Uniformen, und die ersten drei Schauen, für die Susanne Pfeffer verantwortlich ist, wecken die Neugier. Vom 27. Oktober an sind sie zu sehen. Das Hauptgebäude, jetzt schlicht „Museum“ genannt, allerdings mit hochgestelltem „MMK“ wie bei einer Marke, wirkt licht und nahezu leer, die Objekte der Cady-Noland-Schau sind sparsam verteilt, haben viel Raum und können sich gut entfalten. Mit ganz wenigen Arbeiten aus der Sammlung werden sie konfrontiert, auch ein Werk von Kenneth Noland, dem Vater der jetzt präsentierten amerikanischen Künstlerin, wird in einen Dialog mit ihren Arbeiten gebracht.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Reduktion ist ein Kennzeichen beider, doch während der Farbfeldmaler zur gegenstandslosen Fraktion gehört, ist die auf den ersten Blick minimalistisch bis konzeptuell orientierte Cady Noland in geradezu emphatischer Weise auf die Wirklichkeit bezogen. Die Verwandlung banaler Dinge in gefährliche, brutale, böse, mit Gewalt und Brutalität assoziierte Gegenstände gelingt ihr auf eine bestechende Weise. Sie verursachen eine unmittelbar physische Reaktion, der Körper fühlt förmlich die Bedrohung, die von ihnen ausgeht. Sie sind aufgeladen mit Negativität.

          Amerikanischer Albtraum

          Zumeist benutzt die Künstlerin metallische Farben, sie sind kalt und abweisend, auch da, wo die ursprünglichen Geräte, die für ihre Installationen Pate standen, zur fröhlichen Benutzung einladen. Gleich am Anfang der Schau, in der großen Halle, begegnet einem eine Schaukel aus Autoreifen, die an Ketten hängen und von einem Gerüst gehalten werden, das man unweigerlich mit einem Galgen in Verbindung bringt. Wie die Objekte, die man vielleicht als Torwände oder auf Spielplätzen genutzte Gerätschaften missverstehen könnte, eindeutig die Form von Prangern besitzen. Ob aus mit Metallfarbe besprühter Pappe oder aus Aluminiumplatten, die Löcher in unterschiedlicher Größe scheinen für Kopf und Extremitäten gedacht, ein Folterinstrument, das den Leib verbiegt. Wie die Dinge, die Cady Noland zu Objektassemblagen zusammenstellt oder gleichermaßen auf eine Strecke legt, dazu angetan scheinen, körperliche Schmerzen zuzufügen oder auch psychische Gewalt auszuüben. Dabei sind die meisten Sachen dafür gar nicht gedacht gewesen, all die Metallringe und Karabinerhaken, Greifer und Lederschnallen, die Sportaccessoires und Gehhilfen.

          Zäune, Gestelle, Gitter, die das Leben draußen in der Stadt einteilen, die einen ein-, die anderen aussperren, die Grenzen, die sich durch die Gemeinwesen ziehen, sie werden präsentiert als die grundlegenden Elemente, die unseren Auftritt im öffentlichen Raum bestimmen. Gewiss: es ist speziell das städtische Amerika, das hier in so einfachen wie radikalen Objekten ersteht, daran lassen schon die zahlreichen amerikanischen Flaggen und Fähnchen keinen Zweifel. So geht es immer auch um die Repräsentation der Vereinigten Staaten, um für das Land typische Produkte und Utensilien. Und um traumatische Momente in der Geschichte wie den Mord am damaligen Präsidenten John F. Kennedy: Der mutmaßliche Attentäter Lee Harvey Oswald ist ein wiederkehrendes Motiv im OEuvre der Künstlerin. Die Siebdrucktechnik, die sie gelegentlich anwendet, erinnert an Andy Warhol, Pistolen, Handschellen, Bierdosen gehören zum nicht eben üppigen Repertoire an Sujets, mit dem sie den amerikanischen Albtraum beschreibt.

          Horror der rassistisch motivierten NSU-Morde

          Das deutsche Pendant dazu liefert die Ausstellung „Weil ich nun mal hier lebe“ im „Tower“: Fremde, die allzeit Fremde bleiben und keine Chance bekommen, als Deutsche wahrgenommen zu werden, obwohl sie doch hier geboren wurden, kommen zu Wort, der Horror der rassistisch motivierten NSU-Morde wird zum Thema, eine Arbeit aus dem Jahr 1975 von Želimir Žilnik porträtiert als Gastarbeiter ins Land gekommene Bewohner des Hauses Metzstraße 11 in München. „Inventur“ ist der Titel dieses Films, der in seiner lapidaren Erzählweise das Gefühl des Fremdseins so intensiv zum Ausdruck bringt, dass die anderen, komplexeren Arbeiten in dieser Ausstellung dagegen emotional abfallen.

          Schwarzbier: Emeka Ogboh, „Sufferhead Original“, 2018 Bilderstrecke

          Für den einzigen komischen Moment in der Schau sorgt dankenswerterweise Emeka Ogboh, der mit der Angst vor dem schwarzen Mann und dem Klischee vom biertrinkenden Germanen spielt: Sein genialerweise „Sufferhead“ genanntes Schwarzbier, das er selbst gebraut hat und das, in Flaschen gefüllt, eine Riesenwand ziert, wird in einem Werbespot angepriesen, in dem eine schwarze Kellnerin die anwesenden Herren im Biergarten zum schwarzen Gebräu animiert.

          Alles in allem freilich muss man Geduld und Muße mitbringen, um die teilweise recht langen Videos zu betrachten, aus denen die „Tower“-Show im Wesentlichen besteht. Gleiches gilt auch für Marianna Simnetts abendfüllende fünfteilige Video-Installation „Blood in My Milk“ im „Zollamt“. Ein ebenso technisch brillantes wie verstörendes Werk, in dem viel gesungen wird. Vorrangig geht es um die weibliche Identität.

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