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Fotoarbeiten im MMK 2 : Ein Bild verwirrt mehr als tausend Worte

Die mediale Vermittlung eines Naturschauspiels: Douglas Gordons Bilder der Sonnenfinsternis vom 11. August 1999, den Hintergrund bilden Zeitungsseiten Bild: Axel Schneider

Im MMK 2 sind von heute an Fotoarbeiten aus der Sammlung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst zu sehen. Denn über das Festhalten von Sachverhalten gehen die hier präsentierten Fotokünstler weit hinaus.

          Mit der neuen Ausstellung im MMK 2, der Dependance des Frankfurter Museums für Moderne Kunst im Taunus-Turm, ruft sich das Haus als erste Adresse für Fotografie in Frankfurt in Erinnerung. „Aspekte des Dokumentarischen in der fotografischen Sammlung des MMK“ ist der etwas in die Irre leitende Untertitel der „Image Profile“ genannten Schau, die Mario Kramer kuratiert hat.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn über das Festhalten von Sachverhalten gehen die hier präsentierten Fotokünstler weit hinaus, sie stellen allenthalben in Frage, was die vermeintlich wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Sachverhalten angeht. Die Realität als stets auch konstruierte wird hier ebenso zum Thema wie die unlösbaren Geheimnisse, hinter die gelegentlich auch eine noch so akribische Recherche nicht kommt, obwohl ein Bild alles zu zeigen scheint, was sich zeigen lässt.

          Außen- und Innenansichten einer Stadtteilkneipe

          So wird der fünfteilige Werkzyklus „Klause“ von Thomas Demand an prominenter Stelle in dieser Schau präsentiert: Die Fotoarbeiten aus dem Jahr 2006 zeigen Außen- und Innenansichten einer Stadtteilkneipe, in der sich ein Kindesmissbrauch größeren Ausmaßes zugetragen haben soll. Die „Tosa-Klause“ war monatelang Thema in der Boulevardpresse, die Bilder des möglichen Tatorts kursierten, letztlich aber wurden alle Angeklagten freigesprochen. Es war eines jener Gerichtsurteile, die in der interessierten Öffentlichkeit ein ausgesprochen ungutes Gefühl zurückließen. Es schien schließlich alles zu passen: Menschen mit unterdurchschnittlicher Intelligenz, ein schäbiges Lokal.

          Demand hat es, wie es seine Art ist, mittels Pappe und Papier rekonstruiert, ein Abbild der tatsächlichen Gaststätte, bei näherem Hinsehen allerdings entpuppen sich die Objekte als Nachahmungen, denn es fehlen ihnen entscheidende Details, am besten vielleicht zu erkennen am Zigarettenautomaten auf einem der Bilder. In der Mitte der Ansicht vom Schankraum stellt Demand gleichsam ein schwarzes Loch, so jedenfalls wirkt der Durchgang, den er dort plaziert hat. Exemplarisch lässt sich an diesen Arbeiten ablesen, was es mit Bildern auf sich hat: Sie offenbaren immer nur eine Lesart der Welt, selbst ein noch so sehr um Objektivität bemühtes Foto kommt nicht an die Wirklichkeit heran. Sie entzieht sich. Oder ist eine je individuelle. Eine künstlerische zumeist, wenn es um die Werke geht, die jetzt in dieser Schau zu sehen sind.

          Empathie als entscheidende Kraft

          Dennoch stoßen uns Fotografien auf Dinge. Konfrontieren und auch mit unliebsamen Realitäten. Packen uns. Verstören uns. Wie im Fall der Bildberichterstattung von Kriegen, die Anja Niedringhaus betrieb. 2014 wurde sie in Afghanistan erschossen. Ihre Bilder werten nicht, die Bevölkerung wird ebenso als Opfer des Kriegs dargestellt wie die Soldaten. Mario Kramer hebt die Empathie als entscheidende Kraft im Werk dieser Fotografin hervor: Der kalte Blick ist ihre Sache ebenso wenig wie die zahlreicher anderer Künstler, deren Arbeiten aus der Sammlung des Museums jetzt wieder, zum Teil auch zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Thomas Zielony gehört zu Letzteren, und auch ihm muss man einen hohen Grad an Einfühlungsvermögen attestieren: Seine Bilder von jungen Menschen, die zur indigenen Bevölkerung Kanadas zählen, zeugen von einer großen Nähe zu den Porträtierten.

          Hans-Peter Feldmann dagegen bleibt durchaus sachlich, wenn er in seiner Arbeit „Die Toten 1967 – 1993“ mittels Ausschnitten aus Zeitungen dokumentiert, wer im Zusammenhang mit dem Deutschen Herbst und der RAF gewaltsam zu Tode gekommen ist. Darunter sind verstörende Aufnahmen von Toten: Früher galt das Lichtbild als Beweis für das Ableben, in Zeiten unerschöpflicher digitaler Bildbearbeitungsmöglichkeiten ist es mit dem Vertrauen in das Foto nicht mehr weit her. Obwohl er mit vorgefundenem Material arbeitet, berührt diese Arbeit den Betrachter auf besondere Weise. Immerhin handelt es sich um ein Geschehen, das die alte Bundesrepublik tief erschüttert hat.

          Manchen Bekannten begegnet man, die der einstige Museumsdirektor Jean-Christophe Ammann ins Haus geholt hat, etwa Nobuyoshi Araki, den meisten wohl dank seiner expliziten Bondage-Fotografien vertraut. Jetzt aber sind von ihm ebenso wie von Larry Clark, der mit seinen Knabenphantasien sicherlich zu Recht umstrittene Beiträge zur Fotokunst geliefert hat, eher moderate Aufnahmen zu sehen. Und der Fokus wird bei beiden auf die Künstlerbücher gelenkt, mit denen sie einst ihr Publikum erreichten, bevor an Präsentationen in Galerien oder Museen zu denken war. Jeff Wall, Thomas Ruff, Inge Rambow, Barbara Klemm, Abisag Tüllmann, Santu Mofokeng sind neben anderen ebenfalls in dieser Ausstellung vertreten. Keine Frage: Fotografie, sogar dokumentarische, kann unter Umständen Kunst sein.

          Bis 15. Juli.

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