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Frankfurter Mousonturm : Unendlicher Spaß

Ort der Debatte: Das Künstlerhaus Mousonturm Bild: dpa

Heimlich, still und leise wird der Frankfurter Mousonturm diese Woche 30 Jahre alt. Gefeiert wird im März – bis dahin gibt es Geburtstagsspezialitäten.

          Die Party rückt weit weg vom Geburtstag. Erst im März 2019 wird das dreißigjährige Bestehen einer Institution gefeiert. Das Künstlerhaus Mousonturm an der Frankfurter Waldschmidtstraße hat sich aber für die Strecke bis dorthin eine Art Geburtstagsprogramm ausgedacht – mitsamt passendem Abonnement. Auch das, Kunst im Abo, ist eine Neuerung der jüngsten Spielzeiten. Früher hätten die Freunde der Avantgarde ein Abonnement sicher weit von sich gewiesen – aber die Zeiten ändern sich.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch was das Feiern angeht: Als der Frankfurter Mousonturm 20 Jahre alt wurde, 2008 war das, wurde noch auf die Minute genau am Jahrestag der Eröffnung mit vielen Künstlern und Kulturpolitikern an die Anfänge erinnert. Am 29. Dezember 1988 hat der langjährige Intendant und Gründer des Künstlerhauses, Dieter Buroch, zum ersten Mal die Lichter in der renovierten einstigen Parfumfabrik angeknipst. Mit dem Postulat, von nun an solle dort Kunst produziert werden wie zuvor Seife.

          Namhafte internationale Künstler

          So ist es auch 30 Jahre später noch – auch wenn, im Unterschied zur Kunst, Seife normalerweise nicht koproduziert wird. Heutzutage ist auch das Künstlerhaus Mousonturm meist in großen Verbünden von freien Theatern und Festivals in der Lage, namhafte internationale Künstler ans Haus zu bringen – als Koproduzent. Als Haus auch der regionalen Künstler hatte es einst angefangen, schließlich hat Buroch auch mal als Künstler angefangen, als schlechter, wie er gern sagt. Mit der Frankfurter Künstlergruppe „Omnibus“ hatte Buroch 1977 die abgewickelte Mouson-Fabrik einfach gekapert. Von Bill Ramsey bis zu den ersten freien Theatermachern war damals fast alles dabei, ein paar Tage lang wurde Programm gemacht, und danach höhlten Buroch und einige Mitstreiter so lange den Stein, unter anderem beim damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, bis aus der Seifenfabrik ein Künstlerhaus wurde.

          Heute ist die internationale zeitgenössische, performative und darstellende Kunst neben Popkonzerten das Hauptgeschäft des Mousonturms. Obwohl weiter auch hier ansässige Künstler dort zu sehen sind. Mit dem einstigen Forsythe-Tänzer Tony Rizzi ist auch einer im Geburtstags-Abonnement enthalten: Rizzi und seine Mitstreiter alias „The bad habits“ zeigen im April „a performance by nobody, going nowhere, for no one in particular“. Schon am 5. Februar lädt die Frankfurter Regisseurin Susanne Zaun, die soeben mit Judith Altmeyer dort zu einer schlaflosen Nacht eingeladen hatte, zu ihrem mit Marion Schneider entwickelten jüngsten Streich ein: Er heißt „Es ist doch eine schöne Sache, über Kanzlerkandidaten zu reden und dabei Blutwurst zu essen“.

          Das Haus als Ort der Debatte

          Viele junge Talente zeigen nach wie vor am Mousonturm ihre Diplom- und Masterinszenierungen, am 12. Januar zum Beispiel Zrinka Užbinec, Absolventin des Masterstudiengangs „Choreographie und Performance“ am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen. In „Exploded Goo“ soll unter anderem eine tanzende Katze zu sehen sein.

          Und mehr und mehr versteht sich das Haus als Ort der Debatte, von Nachhaltigkeit bis Postkolonialismus. Das neue Jahr beginnt denn auch gleich wieder mit einem „Festival für utopische Praxis“,und diesmal soll die Utopie Praxis werden: „Wie könnte die Institution der Zukunft aussehen, die Teilhabe, Kollaboration, Emanzipation, Ästhetik, Repräsentation und Kritik der Vielen ermöglicht?“ Vielleicht gibt es auch eine Antwort auf die Frage, was das Sternchen im Festival-Titel „im*possible bodies“ eigentlich bedeutet. Jedenfalls darf vom 17. Januar an diskutiert und geschaut werden, es gibt sogar Kinderbetreuung, damit alle an radikal anderem Zuhören oder der Produktion eines Zines mitmachen können. Wer teilhaben möchte, sollte sich unter der E-Mail-Adresse dramaturgie@mousonturm.de anmelden, das Haus ist offen, der Eintritt ist frei, auch gegessen wird zusammen.

          Bis am 16. März die 30-Jahres-Party unter anderem mit der Offenbacher Crew von Baby of Control steigt, hat das Künstlerhaus schon einige Koproduktionen des Festivals „Frankfurter Positionen“ hinter sich, einen weiteren Besuch der Andcompany, die nach dem Ende des Internets fahndet, und zelebriert vom 22. Februar an noch einmal die „Bacantes“ von Marlene Monteiro Freitas, jene Show, die schon bei der Wiesbadener Biennale in diesem Sommer zu sehen war. Das klingt alles so wie Thorsten Lensings vierstündige Adaption von David Foster Wallaces Mammutroman, die vom 7. März an zu sehen ist: „Unendlicher Spaß“. Die Kunst flutscht also wie Seife.

          Künstlerhaus Mousonturm

          Informationen unter mousonturm.de

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