https://www.faz.net/-gzg-9ccr3

Freilufttraining : Fitnessstudio Mainufer

  • -Aktualisiert am

Bodenhaftung: Der Blick auf die Skyline fällt beim „herabschauenden Hund“ am Ufer schwer. Bild: Wonge Bergmann

Wem die Enge des Fitnessstudios in Frankfurt zu viel wird, für den findet sich eine Freiluftalternative: Denn immer mehr Menschen verlegen ihr Sportprogramm nach draußen, vor allem ans Mainufer. Doch das kostet Überwindung.

          3 Min.

          Dass es heute so anstrengend wird, hätte Willi Tim nicht gedacht. Gerade saß er noch im Anzug auf seinem komfortablen Stuhl in seinem Büro in der Frankfurter Innenstadt, jetzt befindet er sich im Sportdress inmitten eines Zirkeltrainings in der Nähe der Friedensbrücke am nördlichen Mainufer. Die tiefen Kniebeugen treiben ihm die Schweißperlen auf die Stirn, der Dreißigjährige verzieht schmerzverzerrt das Gesicht. Gerade will Tim die tiefe Hockeposition verlassen, um seine schon zittrigen Beine zu entlasten. Aber Anuschka Clasen hat ihn fest im Blick: „Unten bleiben Willi, wir haben noch zehn Sekunden! Nicht aufgeben“, ruft die Fitnesstrainerin und dreht die dumpfe Musik lauter, die aus einer Box dröhnt.

          Der Trend des Draußensports ist am Frankfurter Mainufer angekommen. Ursprünglich stammt das Trainieren in der Öffentlichkeit aus Asien, sagt Darko Jekauc. „In China ist es völlig normal, dass sich Menschen zum Thai Chi auf öffentlichen Wiesen treffen.“ Seit einigen Jahren wachse überall auf der Welt in den Städten die Sehnsucht der Menschen nach Abwechslung. Und die fänden die meisten Sportaffinen eben im Grünen, sagt der Sportpsychologe der Goethe-Universität in Frankfurt. Die Natur habe eine „beruhigende Wirkung auf die emotionale Verfassung von Menschen in Großstädten“.

          Trainieren in der Öffentlichkeit

          Dass nach Feierabend zahlreiche Jogger am Mainufer unterwegs sind, das wundert keinen Spaziergänger mehr. Das sogenannte Bootcamp aber, an dem auch Willi Tim teilnimmt, zieht am frühen Abend die Blicke vieler Passanten auf sich. „Man braucht schon ein dickes Fell, so in der Öffentlichkeit zu trainieren“, sagt Tim mit Blick auf eine Gruppe von jungen Menschen beim Picknick, die ihn fast argwöhnisch mustert.

          Die Aufmerksamkeit der Spaziergänger liegt aber auch an der lauten Musik, die das gesamte Mainufer beschallt. Zwischen elektronisch erzeugten Rhythmen ertönt immer wieder eine männliche Stimme, die auf Englisch die Restzeit der noch verbleibenden Runden ansagt. „Three, two, one“ – und Pause. „Macht euch gleich bereit für die nächste Übung“, ermahnt Clasen die Teilnehmer, die sich bereits erschöpft ins Gras haben fallen lassen. Sie durchlaufen einen Parcours von sieben Übungen, die jeweils 40 Sekunden dauern – und das dreimal hintereinander.

          Kniebeugen, Hampelmänner und Liegestütze

          Kniebeugen, Hampelmänner und Liegestütze sind Teil des Trainings, das die Kölner Firma Original Bootcamp deutschlandweit anbietet. „Mit Erfolg“, sagt Fitnesstrainerin Clasen. Innerhalb des vergangenen Jahres habe sich die Zahl der Fitnesskurse rund um den Main nahezu verdoppelt. So gebe es mittlerweile nicht nur wöchentliche Trainingskurse an der Friedensbrücke, sondern auch am Holbeinsteg, im Hafenpark am Osthafenoder im Grüneburg- und im Günthersburgpark. Der Kurs für zwei Monate bei zweimal Training in der Woche kostet 175 Euro.

          Der Klassiker: Jogger sind am Mainufer ein gewohnter Anblick. Bilderstrecke

          Am Museumsufer geht es dagegen am darauffolgenden Morgen etwas ruhiger zu. Etwa 50 Personen harren in der Embryonalstellung aus, während ruhige Klavierklänge aus den Boxen tönen. „Lasst euch fallen, entfernt euch von negativen Gedanken“, sagt Nadine Gerhardt. Die vornehmlich weiblichen Teilnehmer nehmen eine Yoga-Position ein, die „herabschauender Hund“ heißt. Sie stützen sich mit langgestreckten Armen und Beinen ab, um ihr Gesäß in die Luft zu heben. „Körper, Geist und Seele werden eins“, sagt Gerhardt.

          Pop-up Yoga-Kursa unter freiem Himmel

          Sie leitet den Yoga-Kurs, an dem jeder Interessierte teilnehmen kann. Seit Sommer vergangenen Jahres gibt Gerhardt Pop-up Yoga-Kurse in Frankfurt unter freiem Himmel. Voraussetzung: Eine große Wiese, die verkehrsberuhigt liegt und „ein positives, energetisches Umfeld“. Der Unterricht wird durch Spenden der Teilnehmer finanziert. Das Konzept komme gut an, sagt Gerhardt. Mittlerweile würden zu Hochzeiten mehr als hundert „Yogis“, wie sie die Teilnehmer bezeichnet, die Kurse besuchen. „Vor allem über Facebook lassen sich viele Interessierte erreichen“, sagt Gerhardt.

          Dass die sozialen Medien maßgeblich zu dem Trend, sich im Freien zum Sport zu verabreden, beitragen, bestätigt Sportpsychologe Jekauc. Und auch„exotischere Sportarten“, wie beispielsweise Slacklining, würden auf viel Interesse in der Netzgemeinschaft treffen. „So löst Facebook die klassischen Vereine immer mehr ab.“ Auch die Seite der Main Calisthenics wird fast täglich mit neuen Terminen und Fotos bespielt. Die Stangen und Barren am Hafenpark im Schatten der Europäischen Zentralbank seien ihr „Wohnzimmer“, sagt Mujib Pashtoon. Er hat vor drei Jahren mit sechs anderen die Sportgruppe gegründet. Seitdem treffen sich jeden Samstag bis zu 100 Menschen rund um die Stangen am Osthafen, um unentgeltlich nur mit dem eigenen Körpergewicht zu trainieren. „Bei uns liegt der Fokus auf der Technik“, sagt Pashtoon. Heute etwa stehen „Ring Muscle Ups“, das sind erweiterte Klimmzüge, auf dem Plan. Die Teilnehmer ziehen sich allein durch ihre Armkraft an Turnringen hoch – gerade ringt Steffi noch mit den letzten Zentimetern, um ihre Arme aus der senkrechten Position in eine waagerechte Haltung zu bringen. Sie presst die Lippen aufeinander, schließt die Augen – und schafft den vollständigen „Muscle up“. Ihre Mitstreiter klatschen anerkennend. „Gut gemacht“, sagt Pashtoon und klopft ihr auf die Schulter. „Das üben wir schon seit sieben Wochen.“

          Weitere Themen

          Beglückendes Rätsel

          Zum Tod von Monika Schoeller : Beglückendes Rätsel

          Sie war der Meinung, mit ihr sei nicht viel Staat zu machen. Das sahen die Autoren ihres Verlags ganz anders. Nach dem Tod von Monika Schoeller teilen sie ihre Erinnerungen.

          Topmeldungen

          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.