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Frankfurter Kunstverein : Zeitalter der Angst

Gegen eine Gewöhnung an einen Ausnahmezustand: Franziska Nori während der Verleihung des Binding Kulturpreises 2019 (Archivbild). Bild: Wonge Bergmann

Alle zu Hause, alle im Netz, alle unruhig: Franziska Nori, Leiterin des Frankfurter Kunstvereins, spricht über die Kunst dieser Tage in Zeiten der Corona-Pandemie.

          5 Min.

          Gewöhnen wir uns gerade an eine Ausnahmesituation?

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Nein, auf gar keinen Fall. Wir befinden uns zwar in einer Ausnahmesituation, aber sie wird vorübergehen. Deshalb sollten wir uns auch nicht an die Einschränkung unserer Grundrechte gewöhnen. Dass im Moment ernsthaft darüber diskutiert wird, ob man bestimmte Datenschutzregeln aussetzt, finde ich extrem bedenklich. Das ist zur Corona-Bekämpfung nachvollziehbar, aber wollen wir wirklich eine flächendeckende Verfolgung von Bewegungsprofilen in Europa zulassen?

          Ist das Irreale Realität geworden?

          Ich würde es andersherum formulieren: Das Reale ist irreal geworden. Körperliche Nähe, soziale Kontakte, das, was unser Leben und unsere Identität auf zwischenmenschlicher Ebene ausmacht, ist im Moment irreal.

          Hat uns die Kunst auf so eine Lage vorbereitet?

          Nein. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Pandemiepläne werden im Gesundheitsministerium gemacht und nicht in Kunstinstitutionen. Die Kunst muss eher den kreativen Raum öffnen, um die aktuelle Situation im Moment anders zu interpretieren. Die Frage der digitalen Konsequenzen, wie wir sie jetzt erleben, dazu habe ich im Frankfurter Kunstverein schon einige Ausstellungen kuratiert, und auch die aktuelle Ausstellung befasst sich mit diesen Themen.

          Kunst braucht Öffentlichkeit. Wie lange hält es die Kunst ohne geöffnete Museen, Ausstellungshallen, Kunstvereine aus?

          Die Situation bringt viele Häuser, aber gerade Kunstschaffende in den performativen Künsten wie dem Theater und der Musik, in eine existentiell bedrohliche Lage. Hier brechen reihenweise Aufführungen und somit Einnahmen weg, die von keiner Instanz dauerhaft aufgefangen werden können. Hierbei macht es einen wesentlichen Unterschied, ob man als großes subventioniertes Haus nur einen prozentualen Anteil durch Eintrittsgelder einspielen muss oder als Kunstschaffender oder Kulturbetrieb essentiell von Auftritten und Buchungen abhängt. Die digitale Zuschaltung bei geschlossenen Häusern ist zwar eine wunderbare Idee, um Kultur überhaupt noch öffentlich anzubieten, aber keine kulturelle Institution wird dies lange durchhalten können. Darüber hinaus ist für die Kunst Öffentlichkeit essentiell wichtig. Und Öffentlichkeit heißt nicht Veröffentlichung, sondern menschliche Begegnung. Zur Begegnung gehört auch, dass man die Kunst nicht abschalten oder ihr ausweichen kann – anders als bei Online-Veröffentlichungen. Man muss sich auf den Menschen und das Werk einlassen. Museen sind öffentliche Räume, wo dies passiert.

          Ist die neue Kunstvereins-Ausstellung fertig und wartet nur darauf, dass das Haus wieder geöffnet wird?

          Ja, genau so ist es. Vergangenen Donnerstag wäre die Ausstellung „How to Make a Paradise – Sehnsucht und Abhängigkeit in generierten Welten“ eröffnet worden. Irgendwie unheimlich, wie aktuell angesichts der jetzigen Situation das Thema in neuem Licht erscheint. Im Foyer ist für Passantinnen rund um die Uhr die Filminstallation „Howto“ von Elisabeth Caravella zu sehen. Auf einer riesigen LED-Wand, die wir dank der Zuverlässigkeit der Partner Samsung und Mediativ unter schwierigsten Bedingungen haben aufbauen können, kann diese starke Arbeit auch von außen gesehen werden. Sie thematisiert die Sehnsucht nach der Erschaffung paralleler Welten und nach dem Ausbrechen aus alltäglichen Strukturen in fantastische Illusionsräume.

          Wie geht es den Künstlern, die in der Schau vertreten sind?

          Allen geht es zurzeit sehr ähnlich. Viele antworten uns vom „kitchen table office“, von dem aus sie ihre Arbeit fortzuführen versuchen, zum Beispiel Lehraktivitäten an Universitäten über Online-Formate. Wir sind mit ihnen eng vernetzt, sie sind aktiv, helfen dabei, die Inhalte der Ausstellung in die Social-Media-Kanäle zu bringen. Zum Beispiel wird jeder Künstler und jede Künstlerin einen sogenannten Take-over auf Instagram gestalten. So wie alle verlagern wir unsere Aktivitäten verstärkt ins Netz. Dies ist möglich, da wir mit den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern eng zusammenarbeiten.

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