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Frankfurter Kulturpolitik : Täuschen, verdrängen, jammern

Ohne Anbau: das Goethehaus. Bild: Röth, Frank

Die Stadt Frankfurt muss und wird sparen - auch in der Kultur. Der Aufschrei in der Szene ist groß. Aber es wird schwer werden, die richtigen Worte zu finden, wenn es wirklich wehtut.

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          Jetzt werden wieder die ganz schweren Geschütze aufgefahren. Die Stadt „Frankfurt verspielt mit einem Schlag das Ansehen, das sie sich in den letzten Jahrzehnten in der Kultur aufgebaut hat“, formuliert beispielsweise Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, in einem Schreiben an diese Zeitung. Auch sonst hört und liest man in diesen Tagen allenthalben, Frankfurt drohe der Absturz in die kulturelle Provinzialität. Magistratsmitglieder bekommen bei jeder Gelegenheit gesagt, sie machten einen unverzeihlichen Fehler.

          Matthias Alexander
          (ale.), Feuilleton

          Was ist passiert? Die schwarz-grüne Koalition im Römer hat ein Sparpaket geschnürt, und auch die Kultur muss - wie Verkehr, Stadtplanung, Sport und Soziales - ihren Beitrag leisten: Der Neubau für die „Fliegende Volksbühne“ des Regisseurs und Schauspielers Michael Quast in Alt-Sachsenhausen wird gestrichen, ebenso der städtische Finanzierungsanteil am geplanten Romantik-Museum neben dem Goethehaus am Großen Hirschgraben.

          Falsche Zahlen, um Projekte überhaupt zu genehmigen

          Keiner der Entscheidungsträger hat gesagt, dass das erfreulich sei. Doch das schützt sie nicht vor harten Anfeindungen. Die zeugen allerdings nicht von besonderer Sachkenntnis, vielmehr folgen sie einem bedenklichen Dreiklang aus Täuschung, Verdrängung und Jammern.

          Die Täuschung: Auch in der Kulturpolitik wird gern mit falschen Zahlen gearbeitet, um Projekte überhaupt genehmigt zu bekommen. Wer glaubt, dass das Theater in Alt-Sachsenhausen für fünf Millionen Euro zu haben wäre, kann vom Bauen nicht viel verstehen. Kenner der Materie kommen auf mindestens zwölf Millionen Euro, die solch ein Bau kosten würde. Entsprechende Zahlen werden im Römer genannt. Von Aufwendungen für Finanzierung, Unterhalt und Betrieb ist da noch gar nicht die Rede.

          Alle müssen verzichten

          Mit Blick auf das Romantik-Museum heißt es, die Einsparung sei „virtuell“, weil die Summe von vier Millionen Euro noch nicht im Haushalt gebucht sei. Damit machen sich die Freunde der Kultur die von ihnen sonst so verachteten kühnen Rechenkünste der Finanzjongleure in den Banken zu eigen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Es handelt sich gar nicht um Einsparungen, sondern um das Zurückstellen von Investitionen. Der Kulturetat bleibt in seiner aktuellen Substanz fast unangetastet. Er ist in Frankfurt immer noch deutlich höher als der jeder anderen vergleichbaren deutschen Stadt. Er trägt zu einem reichen Kulturleben bei. Oper, Theater, Museen - sie alle erleben derzeit einen Ansturm der Besucher.

          Die Verdrängung: Auch die anderen Dezernate in Frankfurt müssen kürzen, und zwar erheblich. Alle Stadträte haben auf liebgewonnene Projekte zu verzichten, der Verkehrsdezernent etwa auf die Verlängerung einer U-Bahn, der Sportdezernent auf neue Sportplätze, der Planungsdezernent auf die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes. Das alles geschieht vor dem Hintergrund eines drohenden Milliardendefizits in den nächsten Jahren, das zu einem ohnehin hohen Schuldenstand noch dazukommen würde.

          Bund und Land würden zahlen

          Das Jammern: Lautes Klagen scheint die einzig denkbare Reaktion zu sein. Wie wäre es, einmal aus diesem Reaktionsschema auszubrechen? Die Energie darauf zu verwenden, private Unterstützer zu werben? In Frankfurt gibt es viele wohlhabende Bürger mit Sinn für Kultur, die ihre Einsatzbereitschaft schon für den Erweiterungsbau des Städel unter Beweis gestellt haben. Und manche verdienen ihr üppiges Gehalt in Branchen, die vor kurzem vom Steuerzahler vor dem Untergang bewahrt worden sind. Es ist der passende Moment, dem Gemeinwesen etwas zurückzugeben. Wenn die schöne Idee des Romantik-Museums so stark ist, wie ihre Anhänger behaupten, werden sich vier Millionen auftreiben lassen. Dafür braucht es allerdings eine intelligente Kampagne und tatkräftige Initiatoren.

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