https://www.faz.net/-gzg-9o7vj

Graffiti-Künstler Cor : Musik auf die Wand gebracht

Farbenspiel: Justus Becker alias Cor bei seiner Arbeit in Kronberg. Bild: Wolfgang Eilmes

Der Frankfurter Künstler Justus Becker alias Cor gestaltet anlässlich der Kronberger Geigen-Meisterkurse und Konzerte ein Graffito. Doch Street Art und klassische Musik: Wie passt das zusammen?

          Normalerweise gibt es wenig Berührungspunkte zwischen Graffiti als Kunst der Straße und der im Konzertsaal beheimateten klassischen Musik. Andererseits sind um brennende Mülltonnen herumstehende Goldkettenträger mit umgedrehter Schildkappe ein ziemlich überholtes Klischee für diese Form des künstlerischen Ausdrucks. Schließlich werden heute Stromkästen flächendeckend im Stadtwerke-Auftrag mit ländlichen Genreszenen und Blumenwiesen verziert. Justus Becker hat mit beidem wenig zu tun. Die 11 mal 4,50 Meter große Wand im Innenhof des Kronberger Recepturhofs, die er in den vergangenen drei Tagen gestaltet hat, ist für seine Verhältnisse ein mittleres Format.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Kronberg Academy hat den in Sprayer-Kreisen als Cor bekannten Künstler engagiert, um die Rückwand von „Sylvie’s Café“ an der Friedrich-Ebert-Straße zu gestalten. Anlass sind die Geigen-Meisterkurse und Konzerte, für die noch bis zum Sonntag 148 junge Musiker aus 40 Ländern in Kronberg sind. Besucher können dabei sein, wenn fünf renommierte Geiger den NachwuchstalentenFeinheiten bei Spiel und Interpretation vermitteln.

          Die Idee, das musikalische Ereignis mit einem Bild im öffentlichen Raum zu verbinden, hatte Franziska Schmalhorst, die seit Jahresanfang in der Kommunikationsabteilung der Academy arbeitet. Sie kennt die Arbeiten Beckers aus Frankfurt, wo sie unter anderem am Uni-Campus Bockenheim oder unterhalb der Friedensbrücke zu finden sind. „Ich wollte mit den Erwartungen brechen“, sagt Schmalhorst, „denn klassische Musik wird oft als ernst wahrgenommen.“

          Es ist in Ordnung, wenn Bürger sich über das Graffito empören

          Academy-Gründer Raimund Trenkler war von dem Vorschlag ebenso angetan wie Jan Kugler, dem das Haus zur Wand gehört. Wenn das Bild provozieren oder auf Empörung stoßen würde, fände Schmalhorst auch das in Ordnung. Die ersten Reaktionen seien aber positiv gewesen. Was vielleicht auch an der fotorealistischen Grundlage liegt. Es handelt sich um eine Schwarzweiß-Aufnahme von Patricia von Truchsess, die sie vor zwei Jahren bei einem Konzert in der Alten Oper gemacht hat. Die Fotografin dokumentiert jetzt, was Beckers daraus macht. Auch der Abgebildete, der niederländisch-amerikanische Geiger Stephen Waarts, der an der Academy bei Mihaela Martin studiert, hat sich das werdende Bild schon angesehen.

          Das Graffito „Ertrunkener Flüchtlingsjunge“ hat Cor zusammen mit dem Künstler Oguz Sen hergestellt, 2016, Frankfurter Osthafen. Bilderstrecke

          Becker hat das Porträt mit Farbe erweitert und verfremdet. „Für mich ist das spannend, ich mache sonst nichts mit Musik.“ Der 41 Jahre alte Sprüher erledigt zwar viele Arbeiten für Unternehmen oder andere Auftraggeber, hat daneben aber auch eigene Projekte. Sein Anspruch ist, gute Qualität abzuliefern, einen „Hingucker“. Als er in seiner Jugend noch illegal sprühte, sollten die Sachen ihm selbst und seinen Kumpels gefallen. Jetzt findet er es gut, wenn es auch andere Leute begeistert. Im Laufe der Jahre hat er sich weiterentwickelt. Ironisch sagt Becker: „Wir älteren Sprüher werden ungewollt immer mehr zum alten Meister.“ Insofern trifft an der Kronberger Wand also gewissermaßen klassische Musik auf klassische gesprühte Kunst.

          Weitere Themen

          Was hängende Schuhe auf einer Stromleitung bedeuten

          Lange Tradition : Was hängende Schuhe auf einer Stromleitung bedeuten

          Was abgelatschte Turnschuhe in der Oberleitung hängen in Frankfurt an einer Stromleitung. Doch dahinter steckt offenbar mehr: Über die Entjungferung eines Schotten, der Kaufkraft junger Skater und einem möglichen Drogenumschlagplatz.

          Topmeldungen

          Spahns Notfallplan : Fast schon verdächtig viel Zustimmung

          Der Gesundheitsminister will Kassenärzte und Krankenhäuser zur Zusammenarbeit zwingen – und erhält dafür Lob von allen Seiten. Doch bei der Umsetzung sperren sich die Verantwortlichen noch.
          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.