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Erwachsenwerden in der Provinz : Böses Frühlingserwachen

Schlimme Pubertät: Friederike Ott als Teenagerin Eva. Bild: Jessica Schäfer

Eine grausame Geschichte über das Erwachsenwerden in der Provinz: „Und es schmilzt“ von Lize Spit in den Frankfurter Kammerspielen.

          3 Min.

          Die Schlinge, die von der Decke hängt, verheißt nichts Gutes. Dass das weihnachtliche Idyll nur mühsam zusammenhält, was längst brüchig geworden und nicht mehr zu kitten ist, wird rasch offensichtlich: Desinteresse der Ehepartner für den jeweils anderen, ihr Selbstmitleid und Liebäugeln mit dem Suizid, ihre Verständnislosigkeit für die Sorgen der Kinder, dazu die Trunksucht, die vor allem die Mutter zu einer sich der Lächerlichkeit preisgebenden Figur macht, haben die Familie zerrüttet. In den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels hatte jetzt „Und es schmilzt“ Premiere, die Bühnenfassung des gleichnamigen, mehr als 500 Seiten umfassenden, 2017 in deutscher Übersetzung erschienenen Romans, des Erstlings der 1988 geborenen belgischen Autorin Lize Spit. Eine Coming-of-Age-Geschichte aus der flämischen Provinz, die im Grauen endet und dreizehn Jahre später ein selbstdestruktives schreckliches Nachspiel hat.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Frankfurter Inszenierung entfaltet einen Bilderbogen aus Erinnerungen. In quälenden Beigetönen, in denen Kostüme und Bühnenbild harmonieren, dümpeln die einen in dumpfer Langeweile vor sich hin, während die geschlechtsreife Jugend ihre Triebenergie in gefährliche Bahnen lenkt. Dafür findet die Regie eindringliche Bilder, darunter auch Videoprojektionen. Die Eltern, die Landwirtschaft in einem fiktiven Ort namens Bovenmeer betreiben, haben sich von ihren Träumen verabschiedet, und auch das neue elektronische Zeitalter bringt keine Rettung, im Gegenteil: Die Tristesse verschärft sich, wenn dem Vater (André Meyer) am soeben erworbenen Homecomputer unter dem Betriebssystem Windows 95 nichts anderes einfällt, als Solitaire zu spielen. Und als sich Mutter einmal hübsch herrichtet, um zusammen mit ihrem Mann zum Dorffest samt Tombola zu gehen, endet das damit, dass sie sturzbetrunken auf einer Schubkarre nach Hause gebracht wird, auf ihr der gewonnene Farbfernseher. Das wird nicht gezeigt. Wohl aber das Taumeln, Fallen, Erbrechen und Nicht-wieder-auf-die-Beine-Kommen davor, Ekel und Mitleid mischen sich, eine schauspielerische Glanzleistung von Christina Geiße.

          Grausames Erwachen

          Dass sich Eva (Friederike Ott) bei anderen Familien im Dorf wohler fühlt als zu Hause, versteht sich da von selbst. Seit sie im Sandkasten zusammen Burgen bauten, ist sie mit Pim (Stefan Graf) und Laurens (Torsten Flassig) befreundet, mehr Auswahl gab es nicht in ihrem Jahrgang, aber die beiden Jungen sind, wie sich herausstellt, keine wirklichen Freunde, auch wenn das Mädchen alles daransetzt, diese Illusion aufrechtzuerhalten. Deshalb lässt sie sich auch als Mitglied des Trio infernale zu brutalen Spielen hinreißen. Sie ist der Lockvogel, um den vor allem an der Erzwingung erotischer Ereignisse interessierten Land-Früchtchen Schülerinnen zuzuführen. In einer Liste geben sie den Mädchen, die sie kennen, Punkte. Wenn die zügellosen Knaben nicht gerade um die Wette masturbieren.

          Es gibt ein böses Frühlingserwachen. Die sexuelle Gewalt nimmt beim grausamen Spieleritual zu, am Ende von Sommer und Kindheit steht die Vergewaltigung Evas, die im Roman detailliert geschildert wird und bei der etwa auch ein Werkzeug namens Vorstecher zum Einsatz kommt, besser bekannt als Ahle, aber in der derben Symbolik, die das Werk durchzieht, wäre diese Bezeichnung zu nichtssagend. Dass bei dem aus dem Ruder laufenden Spiel auch Evas vermeintliche Freundin (Katharina Hackhausen) einen entscheidenden Part hat, ist von besonderer Perfidie.

          Diese Szene freilich ist der Punkt, an dem die Regie von Marlene Anna Schäfer kapituliert. Die klassische Mauerschau wird in etwas anderer Form wiederbelebt: Das Prosa-Ich hat den Überblick und gibt minutiös Auskunft über das Geschehen. Die Akteure verfallen in Vorleserrollen. Gewiss brechen sie dadurch auch mit dem Voyeurismus, der hier durchaus bedient wird. Dabei gewinnt die Frankfurter Produktion gerade aus ihrer realistischen Charakterisierung der Personen Wucht, Eindringlichkeit und eine verstörende Wirkung. Die Verwirrungen der pubertierenden Eva bringt Friederike Ott grandios zum Ausdruck. Dass die Darsteller der Jugendlichen älter als diese sind, sorgt allerdings ebenso für einen gewissen Verfremdungseffekt wie manche traumhaft-ritualisierten Szenen. Dann aber wirkt der Zugriff auf diesen Stoff doch zu zaghaft. Das Drastische wird zugunsten beklemmender Erinnerungsräume gezügelt. Der Text traut sich mehr als die Regie. So bleibt das psychische Inferno Evas unbebildert.

          „Und es schmilzt“ wird wieder am 30. November gegeben. Wann sonst noch, erfahren Sie hier.

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