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Frankfurter Jazzlegende : Balalaika mit Blues

  • -Aktualisiert am

Lady sings the Blues: Anita Honis in ihrem Element - hier im Jahre 1989. Bild: Rainer Wohlfahrt

Zum Tod der Sängerin und Sachsenhäuser Wirtin Anita Honis. Mit Leib und Seele betrieb sie die Jazzkneipe „Balalaika“. Übernimmt diese nun ihr Sohn?

          Die Musikkneipe, die sie betrieb, erst in der Frankfurter Dreikönigstraße 30, dann unweit davon in der Schifferstraße 3, war definitiv „old school“: Kein technischer Firlefanz, keine monströsen Lautsprecherboxen, nur Honkytonk-Klavier, akustische Gitarre, verstärkerloser Gesang. Dazu Kerzenschein, blanke Tische, Holzbänke und rustikale Stühle. Ein festes Programm gab es nicht, auch keine eigens engagierten Künstler. Spontanes Musizieren von Gästen wurde wohlwollend entgegengenommen. Die Wirtin selbst sang und spielte, wenn sie Lust oder den Blues oder Lust auf Blues hatte. Mund-zu-Mund-Propaganda war ihr Marketing.

          Wer so etwas fast ein halbes Jahrhundert durchhält, der wird Kult. Anita Honis war eine Frankfurter Institution, und nicht etwa nur deshalb, weil sie eine noch bekanntere Frankfurter Institution geheiratet hatte. Carlo Bohländer, den Patron des Frankfurter Nachkriegsjazz und notorischen Lokalgründer, lernte sie 1964 als Sängerin auf Europa-Tournee kennen. Nach eigener Aussage soll sie sich einmal im Toilettenspiegel des Jazzkellers wohlwollend betrachtet und dabei laut die Namenskombination „Anita Bohländer“ geprobt haben. Die Erkenntnis folgte umgehend: „Oh, sounds good.“ 1965 gab es die Hochzeit, 1967 kam Sohn John zur Welt.

          Herzlichkeit und Musikalität

          Carlo Bohländer, der hagere Musikintellektuelle aus Frankfurt, mit Anzug und Schlips im saloppen Ambiente seiner diversen Jazzlokale immer etwas deplatziert seriös wirkend, und Anita Honis, die sinnlich üppige Schönheit aus Harlem, 15 Jahre jünger als er – das war schon ein bemerkenswertes Traumpaar, das öffentlich allerdings oft getrennte Wege ging. Die „Balalaika“ – der Name stammte vom Pächter zuvor und wurde nie geändert – übernahm Anita 1968 zwar gemeinsam mit Carlo. Aber es war ihre Kneipe, ihre Bühne, die sie mit offener Herzlichkeit und spontaner Musikalität zu einem Geheimtipp der Frankfurter Szene machte. Wenn sie sich zwischen die Gäste setzte, sanft über die Saiten ihrer Gitarre strich und neben ein paar lakonischen Anekdoten wie nebenbei einen Blues oder „Georgia On My Mind“ anstimmte, hatte man immer das Gefühl, dieser unprätentiöse und zugleich ausdrucksstarke Stil sei ihr eigentliches Metier und nicht die glamouröse Karriere als Darstellerin in Broadway-Musicals, die sie in Amerika zurückgelassen hatte.

          Man konnte sie gelegentlich auch in Konzerten mit Frankfurter Musikern hören. Mit den Red Hot Hottentots hat sie 1975 sogar eine Schallplatte eingespielt, auf der ihre markante Stimme bei Klassikern wie dem „St. Louis Blues“ oder „I Found A New Baby“ zur Geltung kommt. In ihrem Sachsenhäuser Lokal war sie in jüngerer Zeit nur noch selten zu erleben. Nun ist sie Ende November, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von 84 Jahren verstorben. Ihre Beerdigung soll am 11. Dezember auf dem Frankfurter Südfriedhof stattfinden, dort, wo seit 2004 auch Carlo Bohländer liegt. Tröstlich nur, dass ihr Sohn John, der in der Vergangenheit mehr und mehr für das Lokal verantwortlich war, die „Balalaika“ wohl weiterführen wird.

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