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Frankfurter Grundschulen : Eine Gleichung, deren Ergebnis nicht stimmt

  • -Aktualisiert am

Lernen, wie es angemessen ist: eine Grundschulklasse. Bild: dpa

Statistisch gesehen gibt es an den Frankfurter Grundschulen genügend Lehrer-doch oft werden die Kinder nicht qualifiziert und verlässlich unterrichtet.

          Das Schuljahr ist fast vorbei, es war anstrengend, und es war lehrreich. Auch für manche Eltern von Frankfurter Schulanfängern. Sie wissen jetzt, wie das Schulsystem funktioniert, aber ihr Vertrauen in dieses System haben sie verloren. Ihre Kinder können ihnen nicht sagen, von wem sie unterrichtet werden, so häufig wechseln die Lehrer. Es gibt Kinder, die stattdessen von imaginierten Bezugsobjekten erzählen, etwa Tieren im Klassenzimmer, die es nur für sie gibt. Andere fragen abends ganz selbstverständlich, welcher „Lehrertausch“ morgen ansteht.

          In mehr als einem Dutzend Frankfurter Grundschulen berichten Eltern von solchen Leidensgeschichten. Ein Beispiel ist die Franckeschule in Bockenheim, wo die Misere in den Sommerferien anfing. Die Schulleitung wurde von so hohen Anmeldezahlen überrascht, dass sie kurzfristig vier statt drei erste Klassen eröffnen musste. Sie improvisierte, denn für die zusätzliche Klasse hatte sie weder eine Lehrerin noch ein Klassenzimmer. Es wurde ein Abstellraum umgestaltet. Die Bitte um eine weitere Lehrerstelle wies das Schulamt ab. Eine Woche vor Schuljahresbeginn fand sich im Kollegium eine Fachlehrerin, der die Klassenführung übertragen wurde. Zwei Drittel der Stunden konnte sie abdecken. Für die verbleibenden Stunden war externe Hilfe notwendig.

          Immer wieder kam jemand Neues

          Eine Studentin, die ihr Lehramtsstudium mit dem ersten Staatsexamen abgeschlossen hatte und auf einen Platz als Referendarin wartete, half aus. Sie übernahm die offenen Stunden, unter anderem den Mathematikunterricht. Sie begrüßte die Kinder jeden Morgen im Stuhlkreis, ein Ritual, das vielen Schülern noch aus dem Kindergarten vertraut war. Als die Klassenlehrerin ausfiel übernahm die Studentin den Unterricht komplett. Bis zum Herbst. Dann verließ sie die Schule und begann ein Referendariat.

          Nach dem „Abschied, mit wirklich vielen Tränen“, von dem die Elternsprecherin Heike Baier erzählt, kam wieder eine Studentin, diesmal ohne universitären Abschluss. Auch sie war bald ganz für die Klasse verantwortlich. Zur Weihnachtsfeier erfuhren die Eltern, dass auch sie die Schule wieder verlässt. So ging es weiter. Heute, drei Wochen vor Ende des ersten Schuljahres, haben die Kinder zehn Wechsel ihrer Lehrer „erlebt und erlitten“, wie die Eltern sagen. Wenn die Erstklässler heute einen neuen Lehrer bekommen, wissen sie, dass sie ihm erklären müssen, was sie schon können. Dass die neuen Lehrer nicht lange bleiben, haben sie verstanden. Die Kinder sind nicht mehr traurig, wenn jemand geht. Es ist ihnen fast egal.

          Auch den Eltern fehlt in der Schule eine Bezugsperson. Sie wissen nicht, bei wem sie sich über ihr Kind informieren können. Vom ersten Zeugnis erwarten sie keine nennenswerten Aussagen. Sie haben schon jetzt Angst vor den nächsten Jahren, wenn der Lehrstoff wichtiger wird. Denn auch in den höheren Grundschulklassen ist nicht immer Verlass auf Unterricht und Lehrkräfte. Anna Arsova-Odrich, Elternsprecherin der Franckeschule, hat eine Tochter in einer vierten Klasse. Kurz vor dem Wechsel auf eine weiterführende Schule, beklagt sie, gebe es zu wenig und unregelmäßigen Mathematik- und Englischunterricht.

          Die Verteilung von Stunden und Stellen geht nicht perfekt auf

          In der vergangenen Woche stellte sich Rainer Kilian, stellvertretender Leiter des Staatlichen Schulamts und als Personaldezernent verantwortlich für die 75 Grundschulen der Stadt, den Fragen von Eltern. Aus 15 Grundschulen kamen sie, um zu erfahren, wie die Behörde Lehrerstellen besetzt und mit Personalausfällen umgeht. Schulen bekommen vom Schulamt keine Lehrer, sondern Lehrerstellen zugewiesen. Eine erste Klasse geht mit 22,5Wochenstunden in die Rechnung ein, eine junge Lehrerin mit 29Stunden. Wenn eine Lehrerin einer Klasse zugeteilt wird, bleiben 6,5 Stunden übrig. Die Schulen müssen Wege finden, diese Stunden auf die Klassen zu verteilen, denn die zugewiesene Gesamtstundenzahl ist nur so hoch wie die Gesamtzahl der Unterrichtsstunden.

          Seit diesem Schuljahr ist sie sogar leicht höher, doch dieser Zuschlag von 0,25 Prozent hilft nicht viel, denn die Verteilung von Stunden und Stellen geht nicht perfekt auf. Vor allem aber ist nicht vorgesehen, das jemand ausfallen könnte. Zum Beispiel durch eine Schwangerschaft: In Frankfurt sind 400 der 1250 Grundschullehrkräfte weiblich und jünger als 40 Jahre. Viele von ihnen gründen Familien, nehmen neben dem Mutterschutz auch Elternzeit in Anspruch. Hinzu kommen Krankheitsfälle, Fortbildungen und Auszeiten.

          Bezahlt werden diese Ersatzkräfte aus dem „kleinen Budget“ der Schule

          Schulen benötigen dann ein „Ausfallkonzept“, sagte Kilian. Findet sich nicht sofort ein Ersatz im Lehrerkollegium, wird eine Klasse oft in kleinen Grüppchen auf die Schule verteilt. Die anderen Klassen wachsen dann auf dreißig Schüler aus unterschiedlichen Jahrgangsstufen. Gleichzeitig bemüht sich die Schulleitung um externen Ersatz. Sie ruft Personen an, die sich bereiterklärt haben, im Rahmen des Programms „Verlässliche Schule“ Unterricht zu übernehmen. Zum Einsatz kommen pensionierte Lehrer oder Pädagogikstudenten, aber auch Logopäden, Informatiker und, wie Eltern berichten, sogar Lehrkräfte mit mangelhaften Deutschkenntnissen.

          Bezahlt werden diese Ersatzkräfte aus dem „kleinen Budget“ der Schule, das seit diesem Schuljahr die Mittel für Lernmaterial, Unterrichtsausfall und Lehrerfortbildung zusammenfasst. Hessens ehemalige Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) bezeichnete diese Zusammenlegung der zuvor getrennten Gelder in einem Elternbrief als Schritt zu mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Schulen. In „der Rolle der Gestalter“ entscheiden die Schulleitungen, wie sie das Geld verwenden. Oft reicht es nur für die Vertretungskräfte. Auf Projektwochen, Ausflüge und besondere Veranstaltungen müssen viele Grundschüler verzichten.

          Fehlen Lehrer länger als fünf Wochen, werden sie durch befristet Beschäftigte ersetzt

          Auch eine andere Frage müssen die Schulen eigenverantwortlich beantworten: Reicht die Qualifikation ihrer Ersatzkräfte? Sie muss oft reichen. Die Albert-Schweitzer-Schule am Frankfurter Berg musste jüngst für mehrere Wochen ein Viertel ihres Kollegiums durch formal nicht qualifizierte Vertretungskräfte ersetzen.

          Fehlen Lehrer länger als fünf Wochen, werden sie durch befristet Beschäftigte ersetzt. Kandidaten für das Lehramtsreferendariat, die ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, denen das Land jedoch aus haushaltstechnischen Gründen kein Referendariat anbieten kann, werden vom Schulamt gerne eingestellt. Ihre Bereitschaft, Vertretungsverträge anzunehmen, erhöht ihre Chance, einen Referendariatsplatz zu bekommen.

          Hoffen auf die neue Ministerin

          Im vergangenen Jahr hat das Staatliche Schulamt Frankfurt 230 solcher Verträge ausgestellt. Zusätzlich mussten die Grundschulen 23500Unterrichtsstunden durch kurzfristige Kräfte im Programm „Verlässliche Schule“ ersetzen. Zusammengerechnet fordern die Eltern 50 zusätzliche Lehrerstellen. Diese Zahl würde den Ausfall auffangen, mit dem erfahrungsgemäß zu rechnen ist. Das Staatliche Schulamt hat bislang neun Stellen für eine mobile Vertretungsreserve geschaffen. Doch die sind durch die akute Not stets fest verplant.

          Die bildungspolitische Planung Hessens orientiert sich an sinkenden Schülerzahlen im Land. Doch manche Stadtteile Frankfurts erwarten ein Schülerwachstum von bis zu 20Prozent. Auch die Besonderheiten einer Großstadt würden derzeit von der Landespolitik kaum berücksichtigt, kritisieren die Eltern. Im Schulsystem, das die Kinder auf das Leben vorbereiten soll, suchen sie nach dem „gesunden Menschenverstand“. Sie wollen wissen, warum Lehrerinnen wenige Monate vor der Geburt eigener Kinder noch die Führung einer ersten Klasse übernehmen und weshalb manche Vertreterverträge Wochen vor den Ferien enden.

          Diese Frage kann Rainer Kilian nicht beantworten. Ebenso wenig wie die Fragen nach dem politischen Willen, den Grundschulen mehr Lehrkräfte zu geben. Die Eltern wollen sie an die neue Kultusministerin Nicola Beer (FDP) stellen, die Anfang des Monats Henzlers Amt übernommen hat.

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