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Frankfurter Grüne : „Ruhe bewahren und auf dem Boden bleiben“

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Trübsal? Die Grünen geben sich Mühe, das Scheitern von Rosemarie Heilig nicht zu hoch zu bewerten. Bild: Wonge Bergmann

Die Grünen-Kandidatin Rosemarie Heilig erreichte bei der Frankfurter Oberbürgermeisterwahl nur eine Zustimmung von 14 Prozent, die Stichwahl in einer Woche tragen andere aus. Doch die Stimmung ist nicht schlecht.

          mch. RHEIN-MAIN. Michael Korwisi hat es in Bad Homburg vorgemacht, Jochen Partsch folgte vor knapp einem Jahr in Darmstadt. Beide zeigten, wie der Wunsch-Dreisatz der Grünen für Oberbürgermeister-Kandidaten aussieht: Antreten, Stichwahl und Sieg. „Erdrutschsieg“ titelte diese Zeitung, als der Grünen-Politiker Korwisi im Mai 2009 die CDU-Bastion Bad Homburg einnahm. Die gleichlautende Überschrift erhielt Partsch, als er die Ära der SPD-Oberbürgermeister in Darmstadt Mitte April 2011 beendete - mit stattlichen 69,1 Prozent der Stimmen.

          Und nun die Enttäuschung in Frankfurt. Die Grünen-Kandidatin Rosemarie Heilig erreichte nur eine Zustimmung von 14 Prozent, die Stichwahl in einer Woche tragen andere aus. Klingt die Erfolgswelle der Grünen im Rhein-Main-Gebiet schon wieder ab? Zumal es Ortsverbände gibt wie in Hanau und Maintal, die ausschließlich durch interne Streitereien und Abspaltungen von sich reden machen. Lässt der Glanz der Grünen nach?

          „Es geht uns gut“

          „Man darf sich nicht verrückt machen lassen“, kommentiert der hessische Grünen-Chef Tarek Al-Wazir die Entwicklung. Man sei vor einem Jahr, nach der Katastrophe von Fukushima, als Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg der erste von den Grünen gestellte Ministerpräsident wurde, „nicht größenwahnsinnig geworden“. Deshalb erlebten die hessischen Grünen jetzt auch „keinen Katzenjammer“.

          Die Partei habe durch die Kommunalwahl vor einem Jahr die Zahl ihrer Mandate verdoppelt, liege nach Umfragen im Dezember und Januar dieses Jahres landesweit bei etwa 20. Al-Wazir resümiert: „Es geht uns gut.“ Dennoch will er an der Grundmaxime der hessischen Grünen nichts ändern: „Ruhe bewahren und auf dem Boden bleiben.“

          Berührungsängste mit den Grünen

          Für das Abschneiden der Grünen bei der Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt hat der 41 Jahre alte Al-Wazir eine schlichte Erklärung: „Für Direktwahlen, für Personenwahlen gelten völlig eigene Gesetze.“ Grünen-Politiker würden erfahrungsgemäß nur dann gut abschneiden, wenn sie vorher in der Kommune „jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang aktiv waren“. Soll heißen, dass die Wähler die Kandidaten der Grünen verstärkt nach ihrer Persönlichkeit einschätzen. Und offenbar vertrauen sie der Parteizugehörigkeit weniger als bei den Volksparteien CDU und SPD, die immer wieder auch mit „externen“ Kandidaten in Wahlen gehen und Erfolge haben.

          „Die Leute müssen die Person kennen“, sagt Al-Wazir, denn noch immer gebe es Wähler, die Berührungsängste mit den Grünen hätten. Die müssten erst erleben, dass die Vertreter seiner Partei „ganz normal“ seien, dass sie „ganz konkrete grüne Politik machen“. Das sei bei Korwisi in Bad Homburg wie bei Partsch in Darmstadt der Fall gewesen. Beide seien lange als Stadträte und damit hauptberuflich in der Politik ihrer Stadt aktiv gewesen. Gleiches gilt aber auch für Roland Kern, seit 2005 Bürgermeister in Rödermark, der im vergangenen Jahr mit 59 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde oder für den den Friedrichsdorfer Bürgermeister Horst Burghardt, der 2009 mit 73,5 Prozent für eine dritte Amtszeit bestätigt wurde. In Mainz wird mit Günter Beck ein Grüner am nächsten Sonntag in die Stichwahl für das Oberbürgermeisteramt gehen.

          Streitigkeiten seien nicht überzubewerten

          „Heilig in Frankfurt kannte niemand:“ In einem Jahr hätte dies anders aussehen können, meint Al-Wazir und spielt auf den überraschenden, vorzeitigen Rückzug der amtierenden CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth an, die ein Jahr früher als geplant ihren Platz räumt. Kurz zuvor hatte die bis dahin als Grünen-Kandidatin gehandelte Umweltdezernentin Manuela Rottmann ihren Rückzug aus der Politik angekündigt. „Petra Roth hat die Frankfurter Grünen auf dem falschen Fuß erwischt“, sagt Al-Wazir und begründet damit den „Ausreißer“.

          Die Streitigkeiten innerhalb der Hanauer und Maintaler Grünen seien nicht überzubewerten. Auch in Dreieich sei erst kürzlich eine Grüne aus der Fraktion ausgeschieden. Man habe inzwischen auf kommunaler Ebene 1500 Mandatsträger in Hessen. Vor der Wahl im März 2011 seien es nur halb so viele gewesen. „Ich habe mehr Auseinandersetzungen erwartet“, sagt der Grünen-Chef. Schließlich müssten sich die Gruppen neu finden, manche Auseinandersetzung sei für diesen Prozess unerlässlich. Mitunter werden noch die alten Konflikte zwischen Fundis und Realos ausgetragen. Bei den Grünen rechnen viele die Querelen im Main-Kinzig-Kreis in diese Kategorie. Der im sogenannten Twitterstreit aus der Kreistagsfraktion ausgeschlossene Daniel Mack ist seit wenigen Tagen Mitglied der Grünen-Landtagsfraktion, nachgerückt für Sarah Sorge, die neue Frankfurter Bildungsdezernentin.

          Al-Wazir ist „unterm Strich hochzufrieden“

          „Wir regieren in elf der 21 hessischen Landkreise mit, in sechs von sieben Sonderstatusstädten, und in vier von fünf Großstädten - es fehlt nur Wiesbaden“, fasst Al-Wazir zusammen. In Eschborn und Bad Nauheim stellten die Grünen erstmals Hauptamtliche. Das habe es noch nie gegeben und sei eine große Herausforderung. Die Landespartei versuche deshalb, Hilfestellungen zu geben, wo es nur möglich sei. Etwa in Form von Seminaren, die etwa lauten: „Haushalt politisch steuern“ oder durch einen Crash-Kurs, der unter dem Motto steht, „Kommunalpolitik: Mit Wasser kochen lernen“.

          Al-Wazir ist „unterm Strich hochzufrieden“. Vor diesem Hintergrund ein paar Konflikte in einzelnen Fraktionen zu haben, „finde ich vergleichsweise vernachlässigbar“.

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